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Johann Wolfgang von Göthe.
Man gab uns Gottsched's kritische Dichtkunstin die Hände; sie war brauchbar und belehrendgenug: denn sie überlieferte von allen Dich-lungsarten eine historische Kenntniß, so wievom Rhythmus und den verschiedenen Bcwe- 5gungen desselben; das poetische Genie wardvorausgesetzt! Uebrigens aber sollte der DichterKenntnisse haben, ja gelehrt sein, er sollte Ge-schmack besitzen, und was dergleichen mehr war.Man wies uns zuletzt auf Horazens Dichtkunst; 10wir staunten einzelne Goldsprüche dieses un-schätzbaren Werkes mit Ehrfurcht an, wußtenaber nicht im geringsten, was wir mit demGanzen machen, noch wie wir es nutzen sollte».
Die Säsweizer traten auf als Gottsched's 15Anragonistcn; sie mußten doch also etwas an-deres thun, etwas besseres leisten wollen: sohörten wir denn auch, daß sie wirklich vorzüg-licher seien. Breitingers kritische Dichtkunstward vorgenommen. Hier gelangten wir nun 20in ein weiteres Feld, eigentlich aber nur ineinen größeren Irrgarten, der desto ermüden-der war, als ein tüchtiger Mann, dem wirvertrauten, uns darin herum trieb. Einekurze Uebersicht rechtfertige diese Worte. 25
Für die Dichtkunst an und für sich hatteman keinen Grundsatz finden können: sie warzu geistig und flüchtig. Die Malerei, eineKunst, die man mit den Augen festhalten, derman mir den äußern Sinnen Schritt vor Schritt 50nachgehen tonnte, schien zu solchem Ende gün-stiger; Engländer und Franzosen hatte» schonüber die bildende Kunst thcorctisirt, und manglaubte nun durch ein Gleichniß von daher diePoesie zu begründen. Jene stellte Bilder vor 35die Augen, diese vor die Phantasie; die poeti-schen Bilder also waren das erste, was in Be-trachtung gezogen wurde. Man fing von denGleichnisse» an, Beschreibungen folgten, undwas nur immer den äußern Sinne» darstellbar 40gewesen wäre, kam zur Sprache.
Bilder also! Wo sollte man nun aber dieseBilder anders hernehmen als aus der Natur?
Der Maler ahmte die Natur offenbar nach;warum der Dichter nicht auch? Aber die Na- 45tur, wie sie vor uns liegt, kann doch nichtnachgeahmt werden: sie enthält so vieles Un-bedeutende, Unwürdige, man muß also wählen;was bestimmt aber die Wahl? man muß dasBedeutende aufsuchen; was ist aber bedeutend? 50
Hierauf zu antworte» mögen sich die Schwei-zer lange bedacht haben: denn sie kommen aufeinen zwar wunderlichen, doch artigen, ja lu-stigen Einfall, indem sie sagen, am bedeutend-sten sei immer das Neue; und nachdem sie dieß 55eine Weile überlegt haben, so finden sie, dasWunderbare sei immer neuer als alles andere.
Run hatte» sie die poetischen Erfordernisseziemlich beisammen; allein es kam noch zu be-denken, daß ein Wunderbares auch leer sein 00könne und ohne Bezug auf den Menschen. Einsolcher nothwendig geforderter Bezug müsse abermoralisch sein, woraus denn offenbar die Bes-serung des Menschen folge, und so habe einGedicht das lehre Ziel erreicht, wenn es, außer 65allem anderen Geleisteten, noch nützlich werde.Nach diesen sämmtlichen Erfordernissen wollteman nun die verschiedene» DichtungSarle» prü-fen , und diejenige, welche die Natur nachahmte.
sodann wunderbar und zugleich auch von sitt-lichem Zweck und Nutzen sei, sollte für die ersteund oberste gelten. Und nach vieler Ueberle-gung ward endlich dieser große Vorrang, mithöchster Ueberzeugung, der Aesopischen Fabelzugeschrieben.
So wunderlich uns jetzt eine solche Ablei-tung vorkommen mag, so hatte sie doch aufdie besten Köpfe den entschiedensten Einfluß.Daß Geliert und nachher Lichtwer sich diesemFache widmeten, daß selbst Lessing darin zuarbeiten versuchte, daß so viele andere ihr Ta-lent dahin wendeten, spricht für das Zutrauen,welches sich diese Gattung erworben harre.Theorie und Praxis wirken immer auf einan-der; aus den Werken kann man sehen, wie esdie Menschen meinen, und aus den Meinungenvoraussagen, was sie thun werden.
Doch wir dürfen unsere Schweizertheorienicht verlassen, ohne daß ihr von uns auch Ge-rechtigkeit widerfahre. Bodmer, soviel er sichauch bemüht, ist theoretisch und praktisch zeit-lebens ein Kind geblieben. Breitingcr war eintüchtiger, gelehrter, einsichtsvoller Mann, dem,als er sich recht umsah, die sämmtlichen Er-fordernisse einer Dichtung nicht entgingen, jaes läßt sich nachweisen, daß er die Mängel sei-ner Methode dunkel fühlen mochte. Merkwür-dig ist z. B. seine Frage: ob ein gewisses be-schreibendes Gedicht von König auf das Lust-lager August's des Zweiten wirklich ein Gedichtsei? so wie die Beantwortung derselben gutenSinn zeigt. Zu seiner völligen Rechtfertigungaber mag dienen, daß er, von einem falschenPunkte ausgehend, nach beinahe schon durch-laufenem Kreise, doch noch auf die Hauptsachestößt, und die Darstellung der Sitten, Cha-raktere, Leidenschaften, kurz, des innern Men-schen, auf den die Dichtkunst doch wohl vor-züglich angewiesen ist, am Ende seines Buchsgleichsam als Zugabe anzurachen sich genöthigtfindet.
In welche Verwirrung junge Geister durchsolche ausgerenkte Maximen, halb verstandeneGesetze und zersplitterte Lehren sich versetzt fühl-ten, läßt sich wohl denken. Man hielt sich anBeispiele, und war auch da nicht gebessert;die ausländischen standen zu weit ab, so sehrwie die alten, und aus den besten inländischenblickte jedesmal eine entschiedene Individualitäthervor, deren Tugenden man sich nicht an-maßen konnte, und in deren Fehler zu fallenman fürchten mußte. Für den, der etwas Produk-tives in sich fühlte, war es ein verzweeflungs-vuller Zustand.
Betrachtet man genau, was der deutschenPoesie fehlte, so war es ei» Gehalt, und zwarein »ationeller; an Talenten war niemals Man"gel. Hier gedenken wir nur Günthers, der einPoet im vollen Sinne des Worts genannt wer-den darf. Ein entschiedenes Talent, begabt m^Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtniß/Gabe des Fassens und Vergegenwärtigen^/fruchtbar im höchsten Grade, rhytbmisch - e>e-qucm, geistreich, witzig und dabei vielfach umterrichtet; genug, er besaß alles, was dazu ge-hört, im Leben ein zweites Leben durchhervorzubringen, und zwar in dem gemeinwirklichen Leben. Wir bewundern seine gesp