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Johann ^
Leichtigkeit, in Gelegenheitsgedichten alle Zu-stände durchs Gefühl zu erhöhen und mit pas-senden Gesinnungen, Bildern, historischen undfabelhaften Ueberlieferungen zu schmücken. DasRohe und Wilde daran gehört seiner Zeit, sei- 5ner Lebensweise und besonders seinem Charak-ter, oder, wenn man will, seiner Charakter-losigkeit. Er wußte sich nicht zu zähmen, undso zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten-
Durch ein unfertiges Betragen hatte sich 10Günther das Glück verscherzt, an dem HofeAugust's des Zweiten angestellt zu werden, woman, zu allem übrigen Prunk, sich auch nacheinem Hofpoetcn umsah, der den FestlichkeitenSchwung und Zierde geben und eine vorüber- 15gehende Pracht verewigen könnte. Von Kö-nig war gesitteter und glücklicher, er bekleidetediese Stelle mit Würde und Beifall.
In allen souveränen Staaten kommt derGehalt für die Dichtkunst von oben herunter, 2<iund vielleicht war das Lustlager bei Mühlbergder erste würdige, wo nicht nalionclle, dochprovincielle Gegenstand, der vor einem Dichterauftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwarteines großen Heers begrüßen, ihr sämmtlicher 25Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehalteneTruppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art;Beschäftigung genug für den äußern Sinn undüberfließender Stoff für schildernde und beschrei-bende Poesie. 30
Freilich hatte dieser Gegenstand eine» innernMangel, eben daß es nur Prunk und Scheinwar, aus dem keine That hervortreten konnte.Niemand, außer den Ersten, machte sich be-merkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte 35der Dichter den einen nicht hervorheben, umandere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof-und Staarskalender zu Rathe ziehen, und dieZeichnung der Personen lief daher ziemlich tro-cken ab; ja schon die Zeitgenossen machten ihm 4gden Vorwurf, er habe die Pferde besser ge-schildert als die Menschen. Sollte dieß abernicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß erseine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Ge-genstand für dieselbe darbot? Auch scheint die 45Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zuhaben: denn das Gedicht hat sich nicht überden ersten Gesang hinaus erstreckt.
Unter solchen Studien und Betrachtungenüberraschte mich ein »«vermuthetes Ereigviß 5gUnd vereitelte das löbliche Vorhaben, unsereNeuere Literatur von vorne herein kennen zu^rnen. Mein Landsman» Johann GeorgDchlosser hatte, nachdem er seine akademischen^ahre mit Fleiß und Anstrengung zugebracht, 55ach zwar in Frankfurt am Main auf den ge-wöhnlichen Weg der Advokatur begeben; alleinW>n strebender und das Allgemeine suchender^st konnte sich aus mancherlei Ursachen in diese^thältuiffe nicht finden. Er nahm eine Stelle 60ls Geheimsekrerär bei dem Herzog FriedrichEugens von Würccmbcrg, der sich in Lreptowufhielt, ohne Bedenken an: denn der Fürstur unter denjenigen Großen genannt, die auf»e edle und selbstständige Weise sich, die Ihn- 65um, ?as Ganze aufzuklären, zu bessernt / ßu höher» Zwecken zu vereinigen gedach-Un>'Fürst Friedrich ist es, welcher,nch wegen der Kinderzucht Raths zu erho-Kttrz, rros. Ln. II.
von Gvthe.
len, an Rousseau geschrieben hatte, dessen be-kannte Antwort mir der bedenklichen Phraseanfängt: 8i j'avsis Is waltreur ü'ütro nöpriuco.
Den Geschäften des Fürsten nicht allein,sondern auch der Erziehung seiner Kinder solltenun Schlosser wo nicht vorstehen, doch mitRath und That willig zu Handen sein. Dieserjunge, edle, den besten Willen hegende Mann,der sich einer vollkommenen Reinigkeit der Sit-ten befliß, hätte durch eine gewisse trockeneStrenge die Menschen leicht von sich entfernt,wenn nicht eine schöne und seltene literarischeBildung, seine Sprachkenntnisse, seine Fertig-keit sich schriftlich, sowohl in Versen als inProsa, auszudrücken, jedermann angezogen unddas Leben mit ihm erleichtert hätte. Daß die-ser durch Leipzig kommen würde, war mir an-gekündigt, und ich erwartete ihn mit Sehn-sucht. Er kam und trat in einem kleinen Gast-oder Weinhause ab, das im Brühl lag und dessenWirth Schönkopf hieß. Dieser hatte eine Frank-furterin zur Frau, und ob er gleich die übrigeZeit des Jahres wenig Personen bewirthete,und in das kleine Haus keine Gäste aufnehmenkonnte, so war er doch Messenzeit von vielenFrankfurtern besucht, welche dort zu speisen undim Nothfall auch wohl Quartier zu nehmenpflegten. Dorthin eilte ich, um Schlossern auf-zusuchen , als er mir seine Ankunft melden ließ.Ich erinnerte mich kaum, ihn früher gesehenzu haben, und fand einen jungen, wohlgebau-ten Mann, mit einem runden zusammengefaß-ten Gesicht, ohne daß die Züge deßhalb stumpfgewesen wären. Die Form seiner gerundetenL-lirn, zwischen schwarzen Augenbraunen undLocken, deutete auf Ernst, Strenge und viel-leicht Eigensinn. Er war gewissermaßen dasGegentheil von mir, und eben dieß begründetewohl unsere dauerhafte Freundschaft. Ich haltedie größte Achtung für seine Talente, um somehr, als ich gar wohl bemerkte, daß er mirin der Sicherheit dessen, was er that und lei-stete, durchaus überlegen war. Die Achtungund das Zutrauen, das ich ihm bewies, bestä-tigten seine Neigung, und vermehrten die Nach-sicht, die er mit meinem lebhaften, fahrigenund immer regsamen Wesen, im Gegensatz mirdem seinigen, haben mußte. Er studirle dieEngländer fleißig, Pope war, wo nicht seinMuster, doch sein Augenmerk, und er hatte,im Widerstreit mit dem Versuch über den Men-schen jenes Schriftstellers, ein Gedicht in glei-cher Form und Sylbenmaß geschrieben, welchesder christlichen Religion über jenen Deismusden Triumph verschaffen sollte. Aus dem gro-ßen Verrath von Papieren, die er bei sichführte, ließ er mir sodann poetische und pro-saische Aufsätze in allen Sprachen sehen, die,indem sie mich zur Nachahmung aufriefen, michabermals unendlich beunruhigten. Doch wußteich mir durch Thätigkeit sogleich zu helfen. Ichschrieb an ihn gerichtete Deutsche, Französische,Englische, Italiänische Gedichte, wozu ich denStoff aus unsern Unterhaltungen nahm, welchedurchaus bedeutend und unterrichtend waren.
Schlosser wollte nicht Leipzig verlassen, ohnedie Männer, welche Namen hatten, von Ange-sicht zu Angesicht gesehen zu haben. Ich führte6