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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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83-84
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Johann Wolfgang von Göthe.

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ihn gern zu denen mir bekannten; die von mirnoch nicht besuchten lernte ich auf diese Weiseehrenvoll kennen, weil er als ein unterrichteter,schon charakterisirler Mann mit Auszeichnungempfangen wurde und den Aufwand des Ge-sprächs recht gut zu bestreiken wußte. UnsernBesuch bei Gottsched darf ich nicht übergehen,indem die Sinnes- und Sittenweise dieses Man-nes daraus hervortritt. Er wohnte sehr an-ständig in dem ersten Stock des goldenen Bä-ren, wo ihm der ältere Breitkops, wegen desgroßen Bortheils, den die Gottschedischen Schrif-ten, Uebersetzungen und sonstigen Assistenzender Handlung gebracht, eine lebenslänglicheWohnung zugesagt hatte.

Wir ließen uns melden. Der Bedienteführte uns in ein großes Zimmer, indem ersagte, der Herr werde gleich kommen. Ob wirnun eine Gebärde, die er machte, nicht rechtverstanden, wüßte ich nicht zu sagen; genugwir glaubten, er habe uns in das anstoßendeZimmer gewiesen. Wir traten hinein zu einersonderbaren Scene: denn in dem Augenblicktrat Gottsched, der große, breite riesenhafteMann, in einem gründamastnen, mit rothemLasst gefütterten Schlasrock zur entgegengesetz-ten Thür herein: aber sein ungeheures Hauptwar kahl und ohne Bedeckung. Dafür solltejedoch sogleich gesorgt sein: denn der Bedientesprang mit einer großen Allongeperrücke aufder Hand i die Locken sielen bis an den Ellen-bogens zu einer Seitenthüre herein und reichteden Hauptschmuck seinem Herrn mit erschrocke-ner Gebärde. Gottsched, ohne den mindestenVerdruß zu äußern, hob mit der linken Handdie Perrücke von dem Arme des Dieners, undindem er sie sehr geschickt auf den stopf schwang,gab er mit seiner rechten Tatze dem arme»Menschen eine Ohrfeige, so daß dieser, wie esim Lustspiel zu geschehen pflegt, sich zur Thürhinaus wirbelte, worauf der ansehnliche All-vater uns ganz gravitätisch zu sitzen nöthigteund einen ziemlich langen Diecurs mit gutemAnstand durchführte.

So lange Schlosser in Leipzig blieb, speisteich täglich mir ihm, und lernte eine sehr ange-nehme Tischgesellschaft kennen. Einige Lievlän-der und der Sohn des Oberhosprediger Hermannin Dresden, nachherigcr Bürgermeister in Leip-zig, und ihre Hofmeister, Höfralh Pfeil, Ver-fasser des Grafen von P., eines Pendants zuGellerrs schwedischer Gräfin, Zachariä, ein Bru-der des Dichters, und Krebcl, Redacteur geo-graphischer und genealogischer Handbücher, wa-ren gesittete, heitere und freundliche Menschen.Zachariä der stillste; Pfeil ein feiner, beinaheeiwas Diplomatisches an sich habender Mann,doch ohne Ziererei und mit großer Gutmüthig-keir; Krebel ein wahrer Falstass, groß, wohl-beleibr, blond, vorliegende, heitere, Himmel-Helle Augen, immer froh und guter Dinge.Diese Personen begegneten mir sämmtlich, theilswegen Schlossers, theils auch wegen meinereigenen offenen Eutmülhigkeic und Zuthätigkeit,auf das allerarcjgste, und es brauchte kein großesZureden, wuchtig mir ihnen den Tisch zu thei-len. Ich blieb wirklich „ach Schlossers Abreisebei ihnen, gab den Ludwigischen Lisch auf, undbefand mich m dieser geschlossene» Gesellschaft

um so wohler, als mir die Tochter vom Hause,ein gar hübsches, nettes Mädchen, sehr wohlgefiel, und mir Gelegenheit ward, freundlicheBlicke zu wechseln, ein Behagen, das ich seitü dem Unfall mit Gretchen weder gesucht nochzufällig gefunden hatte. Die Stunden des Mit-tagessens brachte ich mit meinen Freunden hei-ter und nützlich zu. Krebel hatte mich wirk-lich lieb und wußte mich mit Maßen zu necken1« und anzuregen; Pfeil hingegen bewies mir eineernste Neigung, indem er mein Urtheil übermanches zu leiten und zu bestimmen suchte.

Bei diesem Umgänge wurde ich durch Ge-spräche, durch Beispiele und durch eigenes Nach-15 denken gewahr, daß der erste Schritt, um ausder wässerigen weitschweifigen, nullen Epochesich herauszuretten, nur durch Bestimmtheit,Präcision und Kürze gethan werden könne. Beidem bisherigen Styl konnte man das Gemeine20 nicht vom Bessern unterscheiden, weil alles un-ter einander ins Flache gezogen ward. Schonhatten Schriftsteller diesem breiten Unheil zuentgehen gesucht, und es gelang ihnen mehroder weniger. Haller und Ramler waren von25 Natur zum Gedrängten geneigt; Lessing undWieland sind durch Reflexion dazu geführt wor-den- Der erste wurde nach und nach ganzepigrammatisch in seinen Gedichten, knapp inder Minna, lakonisch in Emilila Galolti, später50 kehrte er erst zu einer heitern Naivetät zurück,die ihn so wohl kleidet im Rathan. Wieland,der noch im Agathon, Don Sylvia, den komi-schen Erzählungen mitunter prolix gewesen war,wird in Musarion und Jdris auf eine wundcr-55 same Weise gefaßt und genau, mit großer An-muth. Klopstock, in den ersten Gesängen derMessiade, ist nicht ohne Weitschweifigkeit; inden Oden und andern kleinen Gedichten erscheinter gedrängt, so auch in seinen Tragödien. Durch40 seinen Wettstreit mit den Alten, besonders demLacitus, sieht er sich immer mehr ins Engegenöthigt, wodurch er zuletzt unverständlich undungenießbar wird. Gerstenberg, ein schönesaber bizarres Talent, nimmt sich auch zusam-45 men, sein Verdienst wird geschätzt, macht aberim Ganzen wenig Freude. Gleim, weitschwei-fig, behaglich von Natur, wird kaum einmalconcis in den Kriegsliedern. Ramler ist ei-gentlich mehr Kritiker als Poet. Er fängt an50 was Deutsche im Lyrischen geleistet zu sammeln-Run findet er, daß ihm kaum ein Gedicht völ-lig genug thut; er muß auslasten, redigiren,verändern, damit die Dinge nur einige Gestaltbekommen. Hierdurch macht er sich fast so viel55 Feinde als es Dichter und Liebhaber gibt, basich jeder eigentlich nur an seinen Mängeln.wieder erkennt, und das Publikum sich eher Mein fehlerhaftes Individuelle interessier, als fütdas, was nach einer allgemeinen Geschmacks00 regel hervorgebracht oder verbessert wird. D>tRhythmik lag damals noch in der Wiege unniemand wußte ein Mittel ihre Kindheit Sverkürzen. Die poetische Prosa nahm überha" 'Geßner und Klopstock erregten manche Nachn^05 mer; andere wieder forderten doch ein Sylbs 'maß und übersetzten diese Prose in faßu^Rhythmen. Aber auch diese machten es m -mand zu Dank: denn sie mußten auslastenzusetzen, und das prosaische Original galt iM