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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthc.

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für das Bessere. Je mehr aber bei allem diesemdas Gedrungene gesucht wird, desto mehr wirdBeurtheilung möglich, weil das Bedeutende,enger zusammengebracht, endlich eine sichereBergleichung zuläßt. Es ergab sich auch zu-gleich, daß mehrere Arten von wahrhaft poeti-schen Formen entstanden: denn indem man voneinem jeden Gegenstände, den man nachbildenwollte, nur das Nothwendige darzustellen suchte,so mußte man einem jede» Gerechtigkeit wieder-fahren lassen, und auf diese Weise, ob es gleichniemand mir Bewußtsein that, vermannichfal-tigten sich die Darstellungswcisen, unter welchenes freilich auch fratzenhafte gab, und mancherVersuch unglücklich ablief.

Ganz ohne Frage besaß Wieland unter allendas schönste Naturell. Er hatte sich früh injenen ideellen Regionen ausgebildet, wo die Ju-gend so gern verweilt: da'ihm aber diese durchdas was man Erfahrung nennt, durch Begeg-nisse an Welt und Weibern verleidet wurden,so warf er sich auf die Seite des Wirklichen,und gefiel sich und andern im Widerstreit bei-der Welten, wo sich zwischen Scherz und Ernst,im leichten Gefecht, sein Talent am allerschön-sten zeigte. Wie manche seiner glänzenden Pro-duktionen falle» in die Zeit meiner akademischenJahre. Musarion wirkte am meisten auf mich,und ich kann mich noch des Ortes und derStelle erinnern, wo ich den ersten Aushänge-bogen zu Gesicht bekam, welchen mir Oesermittheilte. Hier war es, wo ich das Antikelebendig und neu wieder zu sehen glaubte. Alleswas in Wieland's Genie plastisch ist, zeigte sichhier aufs vollkommenste, und da jener zur un-glücklichen Nüchternheit verdammte Phanias-Limon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchenund der Welt versöhnt, so mag man die men-schenfeindliche Epoche wohl auch mit ihm durch-leben. UebrigenS gab man diesen Werken sehrgern einen heiteren Widerwillen gegen erhöhteGesinnungen zu, welche, bei leicht verfehlterAnwendung aufs Leben, öfters der Schwärme-rei verdächtig werden. Man verzieh dem Au-lor, wenn er das, was man für wahr undehrwürdig hielt, mit Spott verfolgte, um soeher, als er dadurch zu erkennen gab, daß esihm selbst immerfort zu schaffen mache.

Wie kümmerlich die Kritik solchen Arbeitendamals entgegenkam, läßt sich aus den erstenBänden der allgemeinen deutschen Bibliothek er-sehen. Der komischen Erzählungen geschiehtehrenvolle Erwähnung; aber hier ist keine Spurvon Einsicht in den Charakter der Dichtartselbst. Der Recensent halte seinen Geschmack,jsiie damals alle, an Beispielen gebildet. Hier! . nicht bedacht, daß man vor alle» Dingendei Beurtheilung solcher parodistischen Werkeden originalen edlen, schönen Gegenstand vor^ugen haben müsse, um zu sehen, ob der Pa-^dist jh,„ wirklich eine schwache und komische^eite abgewonnen, ob er ihm etwas geborgt,"der, unter dem Schein einer solchen Nachah-mung , vielleicht gar selbst eine treffliche Ersin-ung geliefert? Bon allem dem ahnet manMMfs, sondern die Gedichte werden stellenwcisgelobt und getadelt. Der Recensent hat, wieaen ^ gesteht, soviel was ihm gefallen, an-g irrichen, daß er nicht einmal im Druck alles

anführen kann. Kommt man nun gar derhöchst verdienstlichen Uebersetzung Shakspeare'smit dem Ausruf entgegen: „Von rechtswegensollte man einen Mann wie Shakspeare garnicht übersetzt haben«, so begreift sich ohne mei-ters, wie unendlich weit die allgemeine deutscheBibliothek in Sachen des Geschmacks zurückwar, und daß junge Leute von wahrem Gefühlbelebt, sich nach anderen Leitsternen umzusehenhatten.

Den Stoff, der auf Lieft Weise mehr oderweniger die Form bestimmte, suchten die Deut-schen überall auf. Sie hatten wenig oder keineNationalgegenstände behandelt. Schlegel's Her-mann deutete nur daraus hin. Die idyllischeTendenz verbreitete sich unendlich. Das Cha-rakterlose der'Geßnerschen, bei großer Anmuthund kindlicher Herzlichkeit, machte jeden glau-ben, daß er etwas ähnliches vermöge. Ebenso bloß aus dem Allgemeinmenschlichen gegrif-fen waren jene Gedichte, die ein Fremdnario-nelles darstellen sollten, z. B. die jüdischenSchäfergedichte, überhaupt die patriarchalischenund was sich sonst aus das alte Testament be-zog. Bodmer's Noachide war ein vollkomme-nes Symbol der um den deutschen Parnaß an-geschwollenen Wafferfluth, die sich nur lang-sam verlief. Das Anakreontische Gegängel ließgleichfalls unzählige mittelmäßige Köpfe imBreiten herumschwanken. Die Präcision desHoraz nöthigte die Deutschen, doch nur lang-sam, sich ihm gleichzustellen. Komische Helden-gedichte, meist nach dem Vorbild von Pope'sLockenraub, dienten auch nicht, eine bessereZeit herbeizuführen.

Noch muß ich hier eines Wahnes gedenken,der so ernsthaft wirkte als er lächerlich seinmuß, wenn man ihn näher beleuchtet. DieDeutschen hatten nunmehr genugsam historischeKenntniß von allen Dichtarten, worinne sich dieverschiedenen Nationen ausgezeichnet hallen.Von Gottsched war schon dieses Fächerwerk,welches eigentlich den innern Begriff von Poesiezu Grunde richtet, in seiner kritischen Dicht-kunst ziemlich vollständig zusammengezimmertund zugleich nachgewiesen, daß auch schondeutsche Dichter mir vortrefflichen Werken alleRubriken auszufüllen gewußt. Und so ging esdenn immer fort. Jedes Jahr wurde die Col-lectiv» ansehnlicher, aber auch jedes Jahr ver-trieb eine Arbeit die andere aus dem Local, indem sie bisher geglänzt hatte. Wir besaßennunmehr, wo nicht Homere, doch Virgile undMittöne, wo nicht einen Pindar, doch einenHoraz; an Lheokciten war kein Mangel; undso wiegte man sich mir Vergleichungen nachAußen, indem die Masse poetischer Werke im-mer wuchs, damit auch endlich eine Verglei-chung nach innen stattfinden konnte.

Stand es nun mit den Sachen des Ge-schmacks auf einem sehr schwankenden Fuße,so konnte man jener Epoche auf keine Weisestreitig machen, daß innerhalb des protestanti-schen Theils von Deutschland und der Schweizsich dasjenige gar lebhaft zu regen anfing, wasman Menschenverstand zu nennen pflegt. DieSchulphilosophie, welche jederzeit das Verdiensthat, alles dasjenige, wornach der Mensch nurfragen kann, »ach angenommenen Grundsätzen,

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