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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Gotho.

in einer beliebten Ordnung, unter bestimmtenRubriken vorzutragen, hatte sich durch das oftDunkle und Unnützscheinende ihres Inhalts,durch unzeitige Anwendung einer an sich respec-labeln Methode und durch die allzugroße Ver-breitung über so viele Gegenstände, der Mengefremd, ungenießbar und endlich entbehrlich ge-macht. Mancher gelangte zur Ueberzeugung,daß ihm wohl die Natur so viel guten und ge-raden Sinn zur Ausstattung gegönnt habe, alser ungefähr bedürfe, sich von den Gegenständeneinen so deutlichen Begriff zu machen, daß ermit ihnen fertig werden, und zu seinem undanderer Nutzen damit gebahren könne, ohne ge-rade sich um das Allgemeinste mühsam zu be-kümmern und zu forschen, wie doch die ent-ferntesten Dinge, die uns nicht*sonderlich be-rühren, wohl zusammenhängen möchten? Manmachte den Versuch, man that die Augen auf,sah gerade vor sich hin, war aufmerksam, flei-ßig, thätig, und glaubte, wenn man in seinemKreis richtig urtheile und handle, sich auch wohlherausnehmen zu dürfen, über anderes, wasentfernter lag, mitzusprechen.

Nach einer solchen Vorstellung war nunjeder berechtigt, nicht allein zu philosophiren,sondern sich auch nach und nach für einen Phi-losophen zu halten. Die Philosophie war alsoein mehr oder weniger gesunder und geübterMenschenverstand, der es wagte, ins allgemeinezu gehen und über innere und äußere Erfah-rungen abzusprechen. Ein Heller Scharfsinnund eine besondere Mäßigkeit, indem man durch-aus die Mittclstraße und Billigkeit gegen alleMeinungen für das Rechte hielt, verschafftesolchen Schriften und mündlichen AeußerungenAnsehen und Zutrauen, und so fanden sich zu-letzt Philosophen in allen Fakultäten, ja inallen «ständen und Hantirungen.

Auf diesem Wege mußten die Theologen sichzu der sogenannten natürlichen Religion hin-neigen, und wenn zur Sprache kam, in wie-fern das Licht der Natur uns in der Erkennt-niß Gottes, der Verbesserung und Veredlungunserer selbst zu fördern hinreichend sei, sowagte man gewöhnlich sich zu dessen Gunstenohne viel Bedenken zu entscheiden. Aus jenemMäßigkeitsprincip gab man sodann sämmtlichenpositiven Religionen gleiche Rechte, wodurchdenn eine mit der andern gleichgültig und un-sicher wurde. Uebrigcns ließ man denn dochaber alles bestehen, und weil die Bibel so vollerGehalt ist, daß sie mehr als jedes andere BuchStoff zum Nachdenken und Gelegenheit zu Be-trachtungen über die menschlichen Dinge dar-bietet, so konnte sie durchaus nach wie vorbeiallen Kanzelrcdcn und sonstigen religiösen Ver-handlungen zum Grunde gelegt werden.

Allein diesem Werke stand, so wie densämmtliche» Profanscribenlen, noch ein eigenesSchicksal bevor, welches im Laufe der Zeit nichtabzuwenden war. Man hatte nämlich bisherauf Treu und Glauben angenommen, daß die-ses Buch der Bücher in Einem Geiste verfaßt,ja daß es von dem göttlichen Geiste eingehauchtund gleichsam dictirt sei. Doch waren schonlängst von Gläubigen und Ungläubigen die Un-gleichheiten der verschiedenen ' Theile desselbenbald gerügt, bald vertheidigt worden. Englän-

der, Franzosen, Deutsche, hatte» die Bibelmit mehr oder weniger Heftigkeit, Scharfsinn,Frechheit, Muthwillen angegriffen, und ebensowar sie wieder von ernsthaften, wohldenkenden5 Menschen einer jeden Ration in Schutz genom-men worden. Ich für meine Person hatte sielieb und werth: denn fast ihr allein war ichmeine sittliche Bildung schuldig, und die Be-gebenheiten, die Lehren, die Symbole, die10 Gleichnisse, alles hatte sich tief bei mir einge-drückt und war auf eine oder die andere Weisewirksam gewesen. Mir mißfielen daher die un-gerechten, spöttlichen und verdrehenden Angriffe;doch war man damals schon so weit, daß man15 theils als einen Hauplvertheidigungsgrund vielerStellen sehr willig annahm, Gott habe sichnach der Denkweise und Fassungskraft der Men-schen gerichtet, ja die vom Geiste getriebenenhärten doch deßwegen nicht ihren Charakter,20 ihre Individualität verläugnen können, undAmos als Kuhhirts führe nicht die SpracheJesaias, welcher ein Prinz soll gewesen sein.

Aus solche» Gesinnungen und Ueberzeugun-gen entwickelte sich, besonders bei immer wach-25 senden Sprachkenntniffen, gar natürlich jeneArt des Studiums, daß man die orientalischenLokalitäten, Nationalitäten, Naturprodukte undErscheinungen genauer zu studiren und sich aufdiese Weise jene alte Zeit zu vergegenwärtigen30 suchte. Michaelis legte die ganze Gewalt sei-nes Talents und seiner Kenntnisse auf dieseSeite. Reisebeschreibungen wurden ein kräftigesHülfsmittel zu Erklärung der heiligen Schrif-ten, und neuere Reisende, mit vielen Fragen35 ausgerüstet, sollen durch Beantwortung dersel-ben für die Propheten und Apostel zeugen.

Indessen aber man von allen Seiten bemühtwar, die heiligen Schriften zu einem natürli-chen Anschauen heranzuführen, und die eigent-40 liehe Denk- und Vorstellungsweise derselben all-gemeiner faßlich zu machen, damit durch diesehistorisch-kritische Ansicht mancher Einwurf be-seitigt, manches Anstößige getilgt und jede schaleSpötterei unwirksam gemacht würde, so trat45 in einigen Männern gerade die entgegengesetzteSinnesart hervor, indem solche die dunkelsten,geheimnißvollsten Schriften zum Gegenstand ih-rer Betrachtungen wählten, und solche aus sichselbst durch Conjecturen, Rechnungen und an-50 dere geistreiche und seltsame Combinationen,zwar nicht aufhellen, aber doch bekräftigen und,insofern sie Weissagungen enthielten, durch denErfolg begründen und dadurch einen Glaubenan das Nächstzuerwartende rechtfertigen wollten-55 Der ehrwürdige Bengel halte seinen Bcw^hunge» um die Offenbarung Johannis dadurcheinen entschiedenen Eingang verschafft, daß erals ein verständiger, rechtschaffener, gottesfürch^tiger, als ein Mann ohne Tadel bekannt war-00 Diese Gemüther sind genöthigt, in der Ver-gangenheit so wie in der Zukunft zu leben-Das gewöhnliche Treiben der Welt kann ihnsvon keiner Bedeutung sein, wenn sie nicht >dem Verlaus der Zeiten bis zur Gegenwar -05 enthüllte Prophezeyungc», und in der nächiwie in der fernsten Zukunft, verhüllte Wttllgungen verehre». Hierdurch entspringt ein psammenhang, der in der Geschichte verw^wird, die uns nur ein zufälliges Hin'