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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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89-90
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Johann Wolfgang von Göthe.

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Wiederschwanken in einem nothwendig geschlos-senen Kreise zu überliefern scheint. DoktorCrusius gehörte zu denen, welchen der pro-phetische Theil der heiligen Schriften am mei-sten zusagte, indem er die zwei entgegengesetz-testen Eigenschaften des menschlichen Wesenszugleich in Thätigkeit setzt, das Gemüth undden Scharfsinn. Dieser Lehre hatte» sich vieleJünglinge gewidmet und bildeten schon eine an-sehnliche Masse, die um desto mehr in die Au-gen fiel, als Ernesti mit den Seinigen dasDunkel, in welchem jene sich gefielen, nichtaufzuhellen, sondern völlig zu vertreiben drohte.Daraus entstanden Händel, Haß und Verfol-gung und manches Unannchmliche. Ich hieltmich zur klaren Partei und suchte mir ihreGrundsätze und Vortheile zuzueignen, ob ichmir gleich zu ahnen erlaubte, daß durch diesehöchst löbliche, verständige Auslegungswcise zu-letzt der poetische Gehalt jener Schriften mitdem prophetischen verloren gehen müsse.

Näher aber lag denen, welche sich mit deut-scher Literatur und schönen Wissenschaften ab-gaben, die Bemühung solcher Männer, die,wie Jerusalem, Zollikofer, Spalding,in Predigten und Abhandlungen, durch einenguten und reinen Styl, der Religion und der ihrso nah verwandten Sittenlehre, auch bei Per-'sonen von einem gewissen Sinn und Geschmack,Beifall und Anhänglichkeit zu erwerben such-ten. Eine gefällige Schreibart fing an durch-aus nöthig zu werden, und weil eine solche vorallen Dinge» faßlich sein muß, so standen vonvielen Seiten Schriftsteller auf, welche vonihren Studien, ihrem Metier klar, deutlich,eindringlich, und sowohl für die Kenner alsfür die Menge zu schreiben unternahmen.

Nach dem Vorgänge eines Ausländers,Tissot, singen nunmehr auch die Aerzte mitEifer an auf die allgemeine Bildung zu wirke». 40Sehr großen Einfluß hatten Haller, Unzer,Zimmermann, und was man im einzelnen ge-gen sie, besonders gegen den letzter» auch sagenmag, sie waren zu ihrer Zeit sehr wirksam.

Und davon sollte in der Geschichte, vorzüglich 45aber in der Biographie die Rede sein: dennnicht insofern der Mensch etwas zurückläßt,sondern insofern er wirkt und genießt und an-dere zu wirken und zu genieße» anregt, bleibter von Bedeutung. 50

Die Rechtsgelehrten, von Jugend auf ge-mahnt an einen abstrusen Styl, welcher sichm allen Expeditionen, von der Kanzelley desUnmittelbaren Ritters bis auf den ReichstagHu Regensburg, auf die barockste Weise erhielt, 55mnnten sich nicht leicht zu einer gewissen Frei-zeit erheben, um so weniger, als die Gegen-Itande, welche sie zu behandeln hatten, mit deräußern Form und folglich auch. mit dem Styluuss genaueste zusammenhingen. Doch hatte 60uer jüngere von Maser sich schon als ein freieru»d eigenthümlicher Schriftsteller bewiesen undMutter durch die Klarheit seines Vertrags auchKlarheit in seinen Gegenstand und den Stylgebracht, womit er behandelt werden sollte. 65Ues was aus seiner Schule hervorging, zeich-dadurch aus. Und nun fanden diePhilosophen selbst sich genöthigt, um populärstm, auch deutlich und faßlich zu schreiben.

Mendelssohn, Garve traten auf und erregtenallgemeine Theilnahme und Bewunderung.

Mit der Bildung der deutschen Spracheund des Stutz ju jedem Fache wuchs auch die5 Urkheilsfähigkeit, und wir bewundern in jenerZeit Recensionen von Werken über religiöseund sittliche Gegenstände, so wie über ärztliche;wenn wir dagegen bemerken, daß die Beur-theilungen von Gedichten und was sich sonst10 auf schöne Literatur beziehen mag, wo nichterbärmlich, doch wenigstens sehr schwach be-funden werden. Dieses gilt sogar von den Li-teraturbriefen und von der allgemeinen deut-schen Bibliothek, wie von der Bibliothek der15 schönen Wissenschaften, wovon man gar leichtbedeutende Beispiele anführen könnte.

Dieses alles mochte jedoch so bunt durch ei-nander gehen als es wollte, so blieb einem je-den, der etwas aus sich zu produciren gedachte,20 der nicht seinen Vorgängern die Worte undPhrasen nur aus dem Munde nehmen wollte,nichts weiter übrig, als sich früh und spätnach einem Stoffe umzusehen, den er zu be-nutzen gedächte. Auch hier wurden wir sehr25 in der Irre herumgeführt. Man trug sichmit einem Worte von Kleist, das wir oft ge-nug hören mußten. Er hatte nämlich gegendiejenigen, welche ihn wegen seiner öfter», ein-samen Spaziergänge beriefen, scherzhaft, geist-30 reich und wahrhaft geantwortet: er sei dabeinicht müßig, er gehe auf die Bilderjagd. EinemEdelmann und Soldaten ziemte dieß Gleichnißwohl, der sich dadurch Männern seines Stan-des gegenüber stellte, die mit der Flinte im35 Arm auf die Hasen- und Hühnerjagd, so oftsich nur Gelegenheit zeigte, auszugehen nichtversäumten. Wir finden daher in KleistensGedichten von solchen einzelnen, glücklich auf-gehaschten, obgleich nicht immer glücklich vcr-arbeitetenBildcrn gar manches, was uns freund-lich an die Natur erinnert. Nun aber er-mähnte man uns auch ganz ernstlich, auf dieBilderjagd auszugehen, die uns denn doch zu-letzt nicht ganz ohne Frucht ließ, obgleich ApelsGarten, die Kuchengärten, das Roscnthal,Golis, Raschwitz und Konnewitz das wunder-lichste Revier sein mochte, um poetisches Wild-pret darin aufzusuchen. Und doch ward ichaus jenem Anlaß öfters bewogen, meinen Spa-ziergang einsam anzustellen, und weil wedervon schönen, noch erhabenen Gegenständen demBeschauer viel entgegentrat, und in dem wirk-lich herrlichen Rosenlhale zur besten Jahreszeitdie Mücken keinen zarten Gedanken aufkommenließen, so ward ich, bei uncrmüdet fortgesetzterBemühung, auf das Kleinleben der Natursich möchte dieses Wort nach der Analogie vonStillleben gebrauchen), höchst aufmerksam, undweil die zierlichen Begebenheiten, die man indiesem Kreise gewahr wird, an und für sichwenig vorstellen, so gewöhnte ich mich, in ih-nen eine Bedeutung zu sehen, die sich baldgegen die symbolische, bald gegen die allegorischeSeite hinneigte, je nachdem Anschauung, Ge-fühl oder Reflexion das Uebergewicht behielt.Ein Ereigniß, statt vieler, gedenke ich zu er-zählen.

Ich war, »ach Menschenweise, in meinenNamen verliebt und schrieb ihn, wie junge und