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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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91-92
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Johann Wolfgang von Göthc.

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ungebildete Leute zu thun pflegen, überall an. widerspenstigen Stoff bezwingen könne. GenauEinst hatte ich ihn auch sehr schön und genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr einin die glatte Rinde eines Lindenbaums von Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf ei-mäßigem Alter geschnitten. Den Herbst da- nein würdigen Gegenstände ruhen soll, damitrauf, als meine Neigung zu Annetten in ihrer 5 uns zuletzt die Behandlung, durch Geschick,

besten Blüihe war, gab ich mir die Mühe, den Mühe und Fleiß, die Würde des Stoffes nur

ihrigen oben darüber zu schneiden. Indessen desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe,hatte ich gegen Ende des Winters, als ein lau- Die Preußen und mit ihnen das protestap-

nischer Liebender, manche Gelegenheit vom tische Deutschland gewannen also für ihre Lite-Zaune gebrochen, um sie zu quälen und ihr 10 ratur einen Schatz, welcher der Gegenpartei

Verdruß zu machen; Frühjahrs besuchte ich fehlte und dessen Mangel sie durch keine nach-

zufällig die Stelle, und der Saft, der mächtig herige Bemühung hat ersetzen können. An dem

in die Bäume trat, war durch die Einschnitte, großen Begriff, den die Preußischen Schrisl-die ihren Namen bezeichneten, und die noch steller von ihrem König hegen durften, bautennicht verharscht waren, hervorgequollen und 15 sie sich erst heran, und um desto eifriger, alsbenetzte mit unschuldigen Pflanzenkhränen die derjenige, in dessen Namen sie alles thaten, einschon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie für allemal nichts von ihnen wissen wollte,also hier über mich weinen zu sehen, der ich Schon früher war durch die französische Kolo-oft ihre Thränen durch meine Unarten hervor- nie, nachher durch die Vorliebe des Königs fürgerufen hatte, setzte mich in Bestürzung. In 20 die Bildung dieser Nation und für ihre Finanz-Erinnerung meines Unrechts und ihrer Liebe «»stalten, eine Masse französischer Cultur nachkamen mir selbst die Thränen in die Augen, Preußen gekommen, welche den Deutschen höchstich eilte, ihr alles doppelt und dreifach abzu- förderlich ward, indem sie dadurch zu Wider-bitten , verwandelte dieß Ereigniß in eine Idylle, spruch und Widerstreben aufgefordert wurden;die ich niemals ohne Neigung lesen und ohne 25 eben so war die Abneigung Friedrichs gegenRührung andern vortragen konnte. das Deutsche für die Bildung des Literarwe-

Jndem ich nun, als ein Schäfer an der sens ein Glück. Man that alles, um sich vonPleiße, mich in solche zarte Gegenstände kind- dem König bemerken zu machen, nicht etwa,lich genug vertiefte, und immer nur solche um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zuwählte, die ich geschwind in meinen Busen 30 werden; aber man that's auf Deutsche Weise,zurückführen konnte, so war für deutsche Dich- nach innerer Ueberzeugung, man that, waster von einer größeren und wichtigeren Seite man für recht erkannte, und wünschte undher längst gesorgt gewesen. wollte, daß der König dieses Deutsche Rechte

Der erste wahre und höhere eigentliche Le- anerkennen und schätzen solle. Dieß geschahbensgehalt kam durch Friedrich den Großen und 35 nicht und konnte nicht geschehen: denn wie kanndie Thaten des siebenjährigen Krieges in die man von einem König, der geistig leben unddeutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß genießen will, verlangen, daß er seine Jahreschal sein oder schal werden, die nicht auf dem verliere, um das, was er für barbarisch hält,Menschlichsten ruht, aus den Ereignissen der nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sc-Völker und ihrer Hirten, wenn beide für Einen 40 hen? In Handwerks- und Fabriksachen mochteMann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg er wohl sich, besonders aber seinem Volke, stattund Gefahr, wo sie eben dadurch als die ersten fremder vortrefflicher Waaren, sehr mäßigeerscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletz- Surrogate aufnölhigen; aber hier geht allesten bestimmen und theilen, und dadurch viel geschwinder zur Vollkommenheit, und es brauchtinteressanter werden als die Götter selbst, die, 45 kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reifewenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der zu bringen.

Theilnahme derselben entziehen. In diesem Eines Werkes aber, der wahrsten Ausge-

Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend burt des siebenjährigen Krieges, von vollkom-etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu menem norddeutschen Nationalgehalt muß ichnicht gerade die Form des epischen Gedichts 50 hier vor allen ehrenvoll erwähnen: es ist dienöthig ist. erste, aus dem bedeutenden Leben gegriffene

Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, Lhcaterproduktion, von specifisch temporärembehaupten deßwegen einen so hohen Rang unter Gehalt, die deßwegen auch eine nie zu berechnden deutschen Gedichte», weil sie mit und in nende Wirkung that: Minna von BarnhelM-der That entsprungen sind, und noch überdicß, 55 Lessing, der, im Gegensatze von Klopstock um>weil an ihnen die glückliche Form, als hätte Gleim, die persönliche Würde gern wegwarf,sie ein Milstreitender in den höchsten Augen- weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wf^blicken hervorgebracht, uns die vollkommenste der ergreifen und aufnehmen zu können, giftetWirksamkeit empfinden läßt. sich in einem zerstreuten Wirthshaus- und Wcl^

Ramler singt auf eine andere, höchst wür- 00 leben, da er gegen sein mächtig arbeitendes 2"'dige Weise die Thaten seines Königs. Alle seine nere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauch",Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit und so hatte er sich auch in das Gefolge degroßen, hcrzerhebenden Gegenständen und be- Generals Lrauenzien begeben. Man erkenHaupte» schon dadurch einen unzerstörlichenWorth. leicht, wie genanntes Stück zwischen KriegDenn der innere Gehalt des bearbeiteten 05 Frieden, Haß und Neigung erzeugt ^Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Produktion war es, die den Blick

Kunst. Man wird zwar nicht läugnen, daß here, bedeutendere Welt aus der

das Genie, das ausgebildete Kunsttalent, durch und bürgerlichen, in welcher sich du

Behandlung aus allem alles machen und den bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete-

in eineliterarisch^- DichtkE