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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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93-94
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Johann Wolfgang von Göthe.

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Die gehässige Spannung, in welcher Preußenund Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigungdesselben nicht aufgehoben werden. Der Sachsefühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, 5die ihm der überstolz gewordene Preuße ge-schlagen harte. Durch den politischen Friedenkonnte der Friede zwischen den Gemüthern nichtsogleich hergestellt werden. Dieses aber solltegedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die 10Anmuth und Liebenswürdigkeit der Sächsinnenüberwindet den Werth, die Würde, den Starr-sinn der Preußen, und sowohl an den Haupt-personen als an den Subalternen wird eineglückliche Bereinigung bizarrer und widerstre- 15bender Elemente kunstgemäß dargestellt.

Habe ich durch diese kursorischen und desul-torischen Bemerkungen über Deutsche Literaturmeine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so istes mir geglückt, eine Vorstellung von jenem 20chaotischen Zustande zu geben, in welchem sichmein armes Gehirn befand, als im Conflictzweier, für das lilerarische Vaterland so be-deutender Epochen, so viel Neues auf mich ein-drängte, ehe ich mich mit dem Alten hatte ab- 25finden können, so viel Altes sein Recht nochüber mich gelten machte, da ich schon Ursachezu haben glaubte, ihm völlig entsagen zu dür-fen. Welchen Weg ich einschlug, mich ausdieser Noth, wenn auch nur Schritt vor Schritt 30zu retten, will ich gegenwärtig möglichst zuüberliefern suchen.

Die weitschweifige Periode, in welche meineJugend gefallen war, hatte ich treufleißig, inGesellschaft so vieler würdigen Männer, durch- 35gearbeitet. Die mehreren Quarrbände Manu-skript, die ich meinem Vater zurückließ, konn-ten zum genügsamen Zeugnisse dienen, undwelche Masse von Versuchen, Entwürfen, biszur Hälfte ausgeführten Vorsätzen war mehr 40aus Mißmuts) als auS Ueberzeugung in Rauchaufgegangen! Nun lernte ich durch Unterre-dung überhaupt, durch Lehre, durch so manchewiderstreitende Meinung, besonders aber durchweinen Tischgenossen, den Hosrath Pfeil, das 45Bedeutende des Stoffs und das Concise derBehandlung mehr und mehr-schätzen, ohne mirjedoch klar machen zu können, wo jenes zu su-chen und wie dieses zu erreichen sei. Denn beider großen Beschränktheit meines Zustandes, 50bei der Gleichgültigkeit der Gesellen, dem Zu-rückhalten der Lehrer, der Abgesondertheir ge-bildeter Einwohner, bei ganz unbedeutendenBacurgegenständen war ich genöthigt, alles in"ür selbst zu suchen. Verlangte ich nun zu 55*winen Gedichten eine wahre Unterlage, Em-pfindung oder Reflexion, so mußte ich in mci-fikn Busen greifen; forderte ich zu poetischerDarstellung eine unmittelbare Anschauung des^Leitstandes, der Begebenheit, so durfte ich 60s"cht aus dem Kreise heraustreten, der mich

berühren, mir ein Interesse einzuflößen ge-'ünei war. In diesem Sinne schrieb ich zu-st gewisse kleine Gedichte in Liederform oderfl?"""' Sylbenmaß; sie entspringen aus Re- 65Nu n",- ^"beln vom Vergangenen und nehmenflk eine epigrammatische Wendung,ich ^ begann diejenige Richtung, von dermein ganzes Leben über nicht abweichen

konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreuteoder quälte, oder sonst beschäftigte, in einBild, ein Gedicht zu verwandeln und darübermit mir selbst abzuschließen, um sowohl meineBegriffe von den äußern Dingen zu berichti-gen, als mich im Innern deßhalb zu beruhi-gen. Die Gabe hierzu war wohl niemand nö-thiger als mir, den seine Natur immerfortaus einem Extreme in das andere warf. Alleswas daher von mir bekannt geworden, sindnur Bruchstücke einer großen Confession, welchevollständig zu machen dieses Büchlein ein ge-wagter Versuch ist.

Die deutschen Dichter, da sie nicht mehrals Gildeglieder für Einen Man» standen, ge-nossen in der bürgerlichen Welt nicht der min-desten Vortheile. Sie hallen weder Halt,Stand noch Ansehen, als in sofern sonst einVerhältniß ihnen günstig war, und es kamdaher bloß auf den Zufall an, ob das Talentzu Ehren oder Schanden geboren sein sollte.Ein armer Erdensohn, im Gefühl von Geistund Fähigkeiten, mußte sich kümmerlich insLeben hineinschleppen und die Gabe, die er al-lenfalls von den Musen erhalten hatte, von demaugenblickliche» Bedürfniß gedrängt, vergeuden.Das Gelegenheitsgedicht, die erste und ächtestealler Dichtarten, ward verächtlich aus einenGrad, daß die Ration noch jetzt nicht zu einemBegriff des hohen Werthes desselben gelangenkann, und ein Poet, wenn er nicht gar denWeg Günthers einschlug, erschien in der Weltauf die traurigste Weise subordinier, als Spaß-macher und Schmarutzer, so daß er sowohl aufdem Theater als auf der Lebensbühne eine Fi-gur vorstellte, der man nach Belieben mitspie-len konnte.

Gesellte sich hingegen die Muse zu Männernvon Ansehen, so erhielten diese dadurch einenGlanz, der auf die Geben» zurückfiel. Lebens-gewandte Edelleute, wie Hagedorn, stattlicheBürger, wie Brockes, entschiedene Gelehrte,wie Hacker, erschienen unter den Ersten derRation, den Vornehmsten und Geschätztestengleich. Besonders wurden auch solche Perso-nen verehrt, die, neben jenem angenehmen Ta-lente, sich noch als emsige, treue Geschäfts-männer auszeichneten. Deßhalb erfreuten sichUz, Räbener,-Weiße einer Achtung ganz eige-ner Art, weil man die heterogensten, seltenmit einander verbundenen Eigenschaften hiervereint zu schätzen halte.

Nun sollte aber die Zeit kommen, wo dasDichtergenie sich selbst gewahr würde, sich stj^eignen Verhältnisse selbst schüfe und den Grundzu einer unabhängigen Würde zu legen ver-stünde. Alles traf in Klopstock zusammen, umeine solche Epoche zu begründen. Er war, vonder sinnlichen, wie von der sittlichen Seile be-trachtet,-ein reiner Jüngling. Ernst undgründlich erzogen legt er, von Jugend an,einen großen Werth auf sich selbst und aufalles was er thut, und indem er die Schritteseines Lebens bedächtig vorauswißt, wendet ersich, "" Vorgefühl der ganzen Kraft seines In-ner» , gegen den höchsten dankbaren Gegenstand.Der Messias, ein Name, der unendliche Eigen-schaften bezeichnet, sollte durch ihn aufs neue