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Johann Wolfgang von Gvthc.
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haar durch den Thränenpunkt, ferner durch daseröffnete Söckchen und durch den damit inBerbindung gesetzten neuen Canal gezogen undtäglich hin und wieder bewegt wird, um dieCommunikation zwischen beiden Theilen herzu-stellen, welches alles nicht gethan noch erreichtwerden kann, wenn nicht erst in jener Gegendäußerlich ein Einschnitt gemacht worden.
Herder war nun vom Prinzen getrennt, inein eignes Quartier gezogen, der Entschlußwar gefaßt, sich durch Lobstein operiren zulassen. Hier kamen mir jene Uebungen gut zustalten, durch die ich meine Empfindlichkeit ab-zustumpfen versucht halle; ich konnte der Ope-ration beiwohnen und einem so werthen Manneauf mancherlei Weise dienstlich und behülflichsein. Hier fand ich nun alle Ursache, seinegroße Standhafligkeit und Geduld zu bewun-dern: denn weder bei den vielfachen chirurgi-schen Verwundungen, noch bei dem oftmalswiederholten schmerzlichen Verbände bewies ersich im mindesten verdrießlich, und er schien der-jenige von uns zu sein, der am wenigsten litt;aber in der Zwischenzeit hatten wir freilich denWechsel seiner Laune vielfach zu ertragen. Ichsage wir: denn es war außer mir ein behag-licher Russe, Namens Peglow, meistens umihn. Dieser war ein früherer Bekannter vonHerder in Riga gewesen, und suchte sich, ob-gleich kein Jüngling mehr, noch in der Chi-rurgie unter Lobsteins Anleitung zu vervoll-kommnen. Herder konnte allerliebst einneh-mend und geistreich sein, aber eben so leichteine verdrießliche Seite hervorkehren. DiesesAnziehen und Abstoßen haben zwar alle Men-schen ihrer Natur nach, einige mehr, einige we-niger, einige in langsamern, andere in schnel-leren Pulsen; wenige können ihre Eigenheitenhierin wirklich bezwingen, viele zum Schein.Was Herder» betrifft, so schrieb sich das Ue-bergewichc seines widersprechenden, bittern, bis-sigen Humors gewiß von seinem Uebel und dendaraus entspringenden Leiden her. Dieser Fallkömmt im Leben öfters vor, und man beachtetnicht genug die moralische Wirkung krankhafterZustände, und beurtheilt daher manche Charak-tere sehr ungerecht, weil man alle Menschenfür gesund nimmt und von ihnen verlangt, daßsie sich auch in solcher Maaße betragen sollen.
Die ganze Zeit dieser Cur besuchte ich Her-der» Morgens und Abends; ich blieb auch wohlganze Lage bei ihm uno gewöhnte mich in kur-zem um so mehr an sein Schelten und Tadeln,als ich seine schönen und großen Eigenschaften,seine ausgebreiteten Kenntnisse, seine tiefenEinsichten täglich mehr schätzen lernte. DieEinwirkung dieses gutmüthige» Polterers wargroß und bedeutend. Er halle fünf Jahre mehrals ich, welches in jüngeren Lagen schon einengroßen Unterschied macht; und da ich ihn fürdas anerkannte was er war, da ich dasjenigezu schätze» suchte was er schon geleistet halle,so mußte er eine große Superiorilät über michgewinnen. Aber behaglich war der Zustandnicht: denn allere Personen, mit denen ich bis-her umgegangen, harren mich mit Schonungzu bilden gesucht, vielleicht auch durch Nach-giebigkeit verzogen; von Herdern aber konnteman niemals eine Billigkeit erwarten, man
mochte sich anstellen wie man wollte. Indemnun also auf der einen Seite meine große Nei-gung und Verehrung für ihn, und auf derander» das Mißbehagen, das er in mir er-5 weckte, beständig mir einander im Streit lagen;so entstand ein Zwiespalt in mir, der erste inseiner.Art, den ich in meinem Leben empfun-den hatte. Da seine Gespräche jederzeit bedeu-tend waren, er mochte fragen, antworten oder10 sich sonst auf eine Weise mittheilen, so mußteer mich zu neuen Ansichten täglich, ja stündlichbefördern. In Leipzig hatte ich mir eher einenges und abgezirkeltes Wesen angewöhnt,und meine allgemeinen Kenntnisse der Dcut-15 schkn Literatur konnten durch meinen Frank-furter Zustand nicht erweitert werden; ja michhatten jene mystisch-religiösen chemischen Be-schäftigungen in dunkle Regionen geführt, undwas seit einigen Jahren in der weiten literari-20 schen Welt vorgegangen, war mir meistensfremd geblieben. Nun wurde ich auf einmaldurch Herder mit allem neuen Streben undmit allen den Richtungen bekannt, welche das-selbe zu nehmen schien. Er selbst hatte sich25 schon genugsam berühmt gemacht, und durchseine Fragmente, die kritischen Wälder undanderes unmittelbar an die Seite der vorzüg-lichsten Männer gesetzt, welche seit längererZeit die Augen des Vaterlands auf sich zogen.30 Was in einem solchen Geiste für eine Bewe-gung, was in einer solchen Natur für eineWährung müsse gewesen sein, läßt sich wederfassen noch darstellen. Groß aber war gewißdas eingehüllte Streben, wie man leicht einge-35 stehen wird, wen» man bedenkt, wie viele Jahrenachher, und was er alles gewirkt und geleistethat.
Wir hatten nicht lange auf diese Weise zu-sammengelebt, als er mir vertraute, daß er sich40 um den Preis, welcher auf die beste Schriftüber den Ursprung der Sprachen von Berlinausgesetzt war, mit zu bewerben gedenke. SeineArbeit war schon ihrer Vollendung nahe, undwie er eine sehr reinliche Hand schrieb, so konnte45 er mir bald ein lesbares Manuskript Heftweisemittheilen. Ich halte über solche Gegenständeniemals nachgedacht, ich war noch zu sehr inder Mitte der Dinge befangen, als daß ichhätte an Ansang und Ende denken sollen. AHN50 schien mir die Frage einigermaßen müßig-denn wenn Gott den Menschen als Mensche,"erschaffen hatte, so war ihm ja so gut dieSprache als der aufrechte Gang anerschaffe"'so gut er gleich merke» mußte, daß er geh^55 und greifen könne, so gut mußte er auch ge-wahr werden, daß er mit der Kehle zu singetund diese Töne durch Zunge, Gaumen ""Lippen noch auf verschiedene Weise zu wodw-ciren vermöge. War der Mensch gdlli'N60 Ursprungs, so war es ja auch die Spr°^selbst, und war der Mensch, in dem Uwkrder Statur betrachtet, ein natürliches Wel 'so war die Sprache gleichfalls natürlich,beiden Dinge konnte ich wie Seele und65 niemals auseinander bringen. Süßmilch/ ,einem cruden Realismus doch etwas ph"stisch gesinnt, hatte sich für den göttliche"sprung entschieden, das heißt, daß ^jeltSchulmeister bei den - ersten Menschen S i