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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

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habe. Herders Abhandlung ging darauf hin-aus, zu zeigen, wie der Mensch als Menschwohl aus eignen Kräften zu einer Sprachegelangen könne und muffe. Ich las die Ab-handlung mir großem Vergnügen und zu mei-ner besondern Kräftigung: allein ich stand nichthoch genug weder im Wissen noch im Denken,um ein Urtheil darüber zu begründen. Ich be-zeigte dem Verfasser daher meinen Beifall, in-dem ich nur wenige Bemerkungen, die ausmeiner Sinnesweise herfloffen , hinzufügte. Einsaber wurde wie das andere aufgenommen; manwurde gescholten und getadelt, man mochte nunbedingt oder unbedingt zustimmen. Der dickeEhirurgus hatte weniger Geduld als ich; erlehnte die Mittheilung dieser Preisschrift hu-moristisch ab, und versicherte, daß er gar nichteingerichtet sei, über so abstracto Materien zudenken. Er drang vielmehr aufs l'Hombre,welches wir gewöhnlich Abends zusammenspielten.

Bei einer so verdrießlichen und schmerzhaf-ten Cur verlor unser Herder nicht an seinerLebhaftigkeit; sie ward aber immer wenigerwohlthätig. Er konnte nicht ein Billet schrei-ben, um etwas zu verlangen, das nicht mitirgend einer Verhöhnung gewürzt gewesen wäre.So schrieb er mir zum Beispiel einmal:

„Wenn des Brutus Briefe dir sind in Ci-cero's Briefen,

Dir, den die Tröster der Schulen von wohl-gehobelten Bretern,

Prachtgerüstete, trösten, doch mehr von au-ßen als innen.

Der von Göttern du stammst, von Gothenoder vom Kothe,

Göthe, sende mir sie-

Es war freilich nicht fein, daß er sich mitmeinem Namen diesen Spaß erlaubte; dennder Eigenname eines Menschen ist nicht etwawie ein Mantel, der bloß um ihn her hängtund an dem man allenfalls noch zupfen undzerren kann, sondern ein vollkomwen paffendesKleid, ja wie die Haut selbst ihm über undüber angewachsen, an der man nicht schabenUnd schinde» darf, ohne ihn selbst zu verletzen.

Der erste Vorwurs hingegen war gegrün-deter. Ich hatte nämlich die von Langer» ein-getauschten Autoren, und dazu noch verschiedeneschöne Ausgaben aus meines Vaters Samm-lung, mit nach Straßburg genommen und sieauf einem reinlichen Bücherbret aufgestellt, mitdem besten Willen, sie zu benutzen. Wie sollteaber die Zeit zureichen, die ich in hunderterleiThätigkeiten zersplitterte. Herder, der auf Bü-cher höchst aufmerksam war, weil er deren jedenAugenblick bedurfte, gewahrte beim ersten Be-dach meine schöne Sammlung, aber auch bald,daß ich mich derselben gar nicht bediente; deß-wegen er, als der größte Feind alles Scheinsund aller Ostenration, bei Gelegenheit mich da-wit aufzuziehen pflegte.

. Noch ein anderes Spottgedicht fällt mirs">, das er mir Abends nachsendete, als ichchm von der Dresdner Galerie viel erzählthatte. Freilich war ich in den höher» Sinneu Italiänischen Schule nicht eingedrungen,

aber Dominico Feti, ein trefflicher Künstler,wiewohl Humorist und also nicht vom erstenRange, hatte mich sehr angesprochen. Geist-liche Gegenstände mußten gemalt werden. Erhielt sich an die neutestamentlichen Parabelnund stellte sie gern dar, mit viel Eigenheit,Geschmack und guter Laune. Er führte sie da-durch ganz ans gemeine Leben heran, und dieso geistreichen als naiven Einzelnheiten seinerCompositioncn, durch einen freien Pinsel em-pfohlen, halten sich wir lebendig eingedrückt.Ueber diesen meinen kindlichen Kunstenthusias-mus spottete Herder folgendergestalt:

Aus Sympathie

Behagt mir besonders ein Meister,

Dominico Feti heißt er.

Der parodirt die biblische Parabel

So hübsch zu einer Narrenfabel,

Aus Sympathie. — Du närrische Parabel!

Dergleichen mehr oder weniger heitre oderabstruse, muntre oder bittre Späße könnte ichnoch manche anführen. Sie verdrossen michnicht, waren mir aber unbequem. Da ich je-doch alles, was zu meiner Bildung beitrug,höchlich zu schätzen wußte, und ich ja mehr-mals frühere Meinungen und Neigungen aus-gegeben hatte; so fand ich mich gar bald da-rein und suchte nur, so viel mir auf meinemdamaligen Standpunkte möglich war, gerechtenTadel von ungerechten Jnvectiven zu unter-scheiden. Und so war denn auch kein Tag, dernicht auf das fruchtbarste lehrreich für michgewesen wäre.

Ich ward mit der Poesie von einer ganzandern Seite, in einem andern Sinne bekanntals bisher, und zwar in einem solchen, dermir sehr zusagte. Die Hebräische Dichtkunst,welche er nach seinem Vorgänger Lowrh geist-reich behandelte, die Volkspoesie, deren Uebcr-, lieferungen im Elsaß aufzusuchen er uns an-trieb, die ältesten Urkunden als Poesie, gabendas Zeugniß, daß die Dichtkunst überhaupt eineWelt- und Völkergabe sei, nicht ein Privat-Erbtheil einiger feinen, gebildeten Männer.Ich verschlang das alles, und je heftiger ich imEmpfangen, desto freigebiger war er im Geben,und wir brachten die interessantesten Stundenzusammen zu. Meine übrigen angefangenenNaturstudien suchte ich fortzusetzen, und daman immer Zeit genug hat, wenn man sie gutanwenden will, so gelang mir mitunter dasDoppelte und Dreifache. Was die Fülle dieserwenigen Wochen betrifft, welche wir zusammenlebten, kann ich wohl sagen, daß alles, wasHerder nachher allmählig ausgeführt hat, imKeim angedeutet ward, und daß ich dadurchin die glückliche Lage geneth, alles was ich bis-her gedacht, gelernt, mir zugeeignet hatte, zucomplcliren, an ein Höheres anzuknüpfen, zuerweitern. Wäre Herder methodischer gewesen,so hätte ich auch für eine dauerhafte Richtungmeiner Bildung die köstlichste Anleitung gesun-den; aber er war mehr geneigt zu prüfen undanzuregen, als zu führen und zu teilen. Somachte er mich zuerst mit Hamann's Schrif-ten bekannt, auf die er einen sehr großen Werthsetzte. Anstatt mich aber über dieselben zu

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