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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

belehren und mir den Hang und Gang diesesaußerordentlichen Geistes begreiflich zu machen;so diente es ihm gewöhnlich nur zur Belusti-gung, wenn ich mich, um zu dem Berständnißsolcher sibyllischen Blätter zu gelangen, freilichwunderlich genug gebärdele- Indessen fühlteich wohl, daß mir in Hamann's Schriften et-was zusagte, dem ich mich überließ, ohne zuwissen, woher es komme und wohin es führe.

Nachdem die Cur länger als billig gedauert,Lobstein in seiner Behandlung zu schwanke»und sich zu wiederholen anfing, so daß dieSache kein Ende nehmen wollte, auch Peglowmir schon heimlich anvertraut hatte, daß wohlschwerlich ein guter Ausgang zu hoffen sei;so trübte sich das ganze Verhältniß: Herderward ungeduldig und inißmulhig, es wollte ihmnicht gelingen, seine Thätigkeit wie bisher fort-zusetzen, und er mußte sich um so mehr ein-schränken , als man die Schuld des mißralhenenchirurgischen Unternehmens auf Herders allzu-große geistige Anstrengung und seinen ununter-brochenen lebhafte», ja lustigen Umgang mituns zu schieben anfing. Genug, nach so vielQual und Leiden wollte die künstliche Lhränen-rinne sich nicht bilden und die beabsichtigteCommunikalion nicht zu Stande kommen.Man sah sich genöthigt, damit das Uebel nichtärger würde, die Wunde zugehe» zu lassen.Wenn man nun bei der Operation Herder'sSlandhafcigkeit unter solchen Schmerzen be-wundern mußte, so hatte seine melancholische,ja grimmige Resignation in den Gedanken,zeitlebens einen solchen Makel tragen zu müs-sen, etwas wahrhaft Erhabenes, wodurch ersich die Verehrung derer, die ihn schauten undliebten, für immer zu eigen machte. DiesesUebel, das ein so bedeutendes Angesicht ent-stellte, mußte ihm um so ärgerlicher sein, alser ein vorzügliches Frauenzimmer in Darm-stadt kennen gelernt und sich ihre Neigung er-worben halte. Hauptsächlich in diesem Sinnemochte er sich jener Cur unterwerfen, um beider Rückreise freier, fröhlicher, wohlgebildetervor seine Haldvcrlobte zu treten, und sich ge-wisser und unverbrüchlicher mit ihr zu verbin-den. Er eilte jedoch, sobald als möglich vonStraßburg wegzukommen, und weil sein bishe-riger Aufenthalt so kostbar als unangenehmgewesen, erborgte ich eine Summe Geldes fürihn, die er auf einen bestimmten Termin zuerstatten versprach. Die Zeit verstrich, ohnedaß das Geld ankam. Mein Gläubiger mahntemich zwar nicht, abep ich ivar doch mehrereWochen in Verlegenheit. Endlich kam Briefund Geld, und auch hier verläugnete er sichnicht: denn anstatt eines Dankes, einer Ent-schuldigung, enthielt sein Schreiben lauterspöttliche Dinge in Knittelversen, die einenandern irre, oder gar abwendig gemacht hät-ten ; mich aber rührte das nicht weiter, da ichvon seinem Werth einen so großen und mäch-tigen Begriff gefaßt halte, der alles Wider-wärtige verschlang, was ihm hätte schaden können.

Man soll jedoch von eignen und fremdenFehlern niemals, wenigstens öffentlich reden,wenn man nicht dadurch etwas Nützliches zubewirken denkt; deßhalb will ich hier gewissezubringende Bemerkungen einschalten.

Dank und Undank gehören zu denen, inder moralischen Welt jeden Augenblick hervor-tretenden Ereignisse», worüber die Menschensich unter einander niemals beruhigen können.5 Ich Pflege einen Unterschied zu machen zwischenNichtdankbarkeil, Undank und Widerwillen ge-gen den Dank. Jene erste ist dem Menschenangeboren, ja anerschaffen: denn sie entspringtaus einer glücklichen, leichtsinnigen Vergessen-10 heil des Widerwärtigen wie des Erfreulichen,wodurch ganz allein die Fortsetzung des Lebensmöglich wird. Der Mensch bedarf so unendlichvieler äußeren Vor- und Mitwirkungen zueinem leidlichen Dasein, daß wenn er der Sonne15 und der Erde, Gott und der Natur, Vorvor-dern und Eltern, Freunden und Gesellen im-mer den gebührenden Dank abtragen wollte,ihm weder Zeit noch Gefühl übrig bliebe, umneue Wohlthaten zu empfangen und zu genießen.20 Läßt nun freilich der natürliche Mensch jenenLeichtsinn in und über sich walten, so nimmteine kalte Gleichgültigkeit immer mehr über-hand, und man sieht den Wohlthäter zuletzt alseinen Fremden an, zu dessen Schaden man al-25 lenfallö, wenn es uns nützlich wäre, auch et-was unternehmen dürfte. Dieß allein kann ei-gentlich Undank genannt werden, der aus derRohheit entspringt, worin die ungebildete Na-tur sich am Ende nothwendig verlieren muß.30 Widerwille gegen das Danken jedoch, Erwie-derung einer Wohlthat durch unmuthiges undverdrießliches Wesen ist sehr selten und kommtnur bei vorzüglichen Menschen vor: solchen,die mit großen Anlagen und dem Vorgefühl35 derselben, in einem niederen Stande oder ineiner hülflosen Lage geboren, sich von Jugendauf Schritt vor Schritt durchdrängen und vonallen Orten her Hülfe und Beistand annehmenmüssen, die ihnen denn manchmal durch Plump-40 heic der Wohlthäter vergällt und widerwärtigwerden, indem das, was sie empfangen, irdischund das, was sie dagegen leisten, höherer Artist, so daß eine eigentliche Compensation nichtgedacht werden kann. Lessing hat bei dem schö-45 nen Bewußtsein, das ihm, in seiner besten Le-benszeit, über irdische Dinge zu Theil ward,sich hierüber einmal derb aber heiter ausgespro-chen. Herder hingegen vergällte sich und an-dern immerfort die schönsten Lage, da er je-50 nen Unmulh, der ihn in der Jugend nothwen-dig ergriffen hatte, in der Folgezeit durch Gei-steskraft nicht zu mäßigen wußte.

Diese Forderung kann man gar wohl ansich machen: denn der Bildungsfähigkeit eines55 Menschen kommt das Licht der Natur, welchesimmer thätig ist, ihn über seine Zuständeaufzuklären, auch hier gar freundlich zu statten;und überhaupt sollte man in manchen sittlichesBildunasfällen die Mängel nicht zu sch"/60 nehmen, und sich nicht nach allzuernsten, weu^liegenden Mitteln umsehen, da sich gewisse Fel^lec sehr leicht, ja spielend abthun lassen- ^können wir zum Beispiel die Dankbarkeit >uns durch bloße Gewohnheit erregen, lebend ö05 erhalten, ja zum Bedürfniß machen. §

In einem biographischen Versuch zien'twohl, von sich selbst zu reden. Ich bm vNatur so wenig dankbar als irgend ein Msm cund beim Vergessen empfangenes Guten kon