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Johann Wolfgang von Göthe.
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das heftige Gefühl eines augenblicklichen Mißver-hältnisses mich sehr leicht zum Undank verleiten.
Diesem zu begegnen, gewöhnte ich mich zu-vörderst, bei allem was ich besitze, mich gernzu erinnern, wie ich dazu gelangt, von wemich es erhallen, es sei durch Geschenk, Lauschoder Kauf, oder auf irgend eine andere Art.Ich habe mich gewöhnt, beim Vorzeigen mei-ner Sammlungen der Personen zu gedenken,durch deren Vermittelung ich das Einzelne er-hielt, ja der Gelegenheit, dem Zufall, der ent-ferntesten Veranlassung und Mitwirkiing, wo-durch mir Dinge geworden, die mir lieb undwerth sind, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.Das was uns umgibt erhält dadurch ein Leben,wir sehen es in geistiger, liebevoller, genetischerVerknüpfung, und durch das Vergegenwärtigenvergangener Zustände wird das augenblicklicheDasein erhöht und bereichert, die Urheber derGaben steigen wiederholt vor der Einbildungs-kraft hervor, man verknüpft mit ihrem Bildeeine angenehme Erinnerung, macht sich denUndank unmöglich und ein gelegentliches Er-wiedern leicht und wünschenswert!). Zugleichwird man auf die Betrachtung desjenigen ge-führt, was nicht sinnlicher Besitz ist, und manrecapitulirt gar gern, woher sich unsere höhe-ren Güter schreiben und datircn.
Ehe ich nun von jenem für mich so bedeu-tenden und folgereichen Verhältnisse zuHerdern denBlick Hinwegwende, finde ich noch einiges nach-zubringen. Es war nichts natürlicher, als daßich nach und nach in Mittheilung dessen, wasbisher zu meiner Bildung beigetragen, beson-ders aber solcher Dinge, die mich noch in demAugenblicke ernstlich beschäftigten, gegen Her-der» immer karger und karger ward. Er hattemir den Spaß an so manchem, was ich frühergeliebt, verdorben und mich besonders wegender Freude, die ich a» Ovids Metamorphosengehabt, aufs strengste getadelt. Ich mochtemeinen Liebling in Schutz nehmen wie ich wollte,ich mochte sagen, daß für eine jugendliche Phan-tasie nichts erfreulicher sein könne, als in jenenheitern und herrlichen Gegenden mit Götternund Halbgöttern zu verweilen und ein Zeugeihres Thuns und ihrer Leidenschaften zu sein;ich mochte jenes oben erwähnte Gutachten einesernsthaften Mannes umständlich beibringen undsolches durch meine eigene Erfahrung bekräfti-gen: das alles sollte nicht gelten, es sollte sichkeine eigentliche unmittelbare Wahrheit in die-sen Gedichten finden; hier sei weder Griechen-land noch Italien, weder eine Urwelt noch einegebildete, alles vielmehr sei Nachahmung desschon Dagewesenen und eine manierirte Dar-nellung, wie sie sich nur von einem Uebercul-kivirten erwarten lasse. Und wenn ich denn^>letzt behaupten wollte: was ein vorzüglichesIndividuum hervorbringe, sei doch auch Natur,n»d unter allen Völkern, frühern und spätern,fti doch immer nur der Dichter Dichter gewe-sen ; so wurde mir dieß nun gar nicht gut ge-halten, und ich mußte manches deßwegen aus-liehen, ja mein x,vid war mir beinah dadurcherleidet: denn es ist keine Neigung, keine Ge-wohnheit so stark, daß sie gegen die Mißredcnorzuglicher Menschen, in die man Vertrauen
setzt, auf die Länge sich erhalten könnte. Immerbleibt etwas hängen, und wenn man nicht unbedingtlieben darf, sieht es mit der Liebe schon mißlich aus.
Am sorgfältigsten verbarg ich ihm das In-teresse an gewissen Gegenständen, die sich beimir eingewurzelt hatten und sich nach und nachzu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Eswar Götz von Berlichingen und Faust. DieLebensbeschreibung des Erster» hatte mich imInnersten ergriffen. 'Die Gestalt eines rohen,wohlmeinenden Selbsthelfers in wilder anar-chischer Zeit erregte meinen tiefsten Antheil.Die bedeutende Puppenspielfabel des Andernklang und summte gar vieltönig in mir wieder.Auch ich hatte mich in allem Wissen umherge-tricben und war früh genug auf die Eitelkeitdesselben hingewiesen worden. Ich harte esauch im Leben auf allerlei Weise versucht, undwar immer unbefriedigter und gequälter zu-rückgekommen. Nun trug ich diese Dinge, sowie manche andere, mit mir herum und er-götzte mich daran in einsame» Stunden, ohnejedoch etwas davon aufzuschreiben. Am meistenaber verbarg ich vor Herder» meine mystisch-cabbalistische Chemie und was sich darauf be-zog, ob ich mich gleich noch'sehr gern heimlichbeschäftigte, sie consequenter auszubilden, alsman sie mir überliefert hatte. Von poetischenArbeiten glaube ich ihm die Mitschuldigen vor-gelegt zu habe» , doch erinnere ich mich nicht,daß mir irgend eine Zurechtweisung oder Auf-munterung von seiner Seite hierüber zu Theilgeworden wäre. Aber bei diesem allen blieber der er war; was von ihm ausging wirkte,wenn auch nicht erfreulich, doch bedeutend; jaseine Handschrift sogar übte auf mich eine ma-gische Gewalt aus. Ich erinnere mich nicht,daß ich eines seiner Blätter, ja nur ein Cou-vert von seiner Hand, zerrissen oder verschleu-dert hätte; dennoch ist mir, bei den so man-nichfaltigcn Ort- und Zeitwechseln, kein Do-cumcnt jener wunderbaren, ahnungsvollen undglücklichen Tage übrig geblieben.
Daß übrigens Herder's Anziehungskraft sichso gut auf andre als auf mich wirksam erwies,würde ich kaum erwähnen, hätte ich nicht zubemerken, daß sie sich besonders auf Jung, ge-nannt Stilling, erstreckt habe. Das treue,redliche Streben dieses Mannes mußte jeden,der nur irgend Gemüth hatte, höchlich inte-reffiren, und seine Empfänglichkeit jeden, deretwas mitzutheilen im Stande war, zur Offen-heit reizen. Auch betrug sich Herder gegen ihnnachsichtiger als gegen uns andere: denn seineGegenwirkung schien jederzeit mit der Wirkung,die auf ihn geschah, im Verhältniß zu stehen.Jung's Umschränktdeit war von so viel gutemWillen, sein Vordringen von so viel Sanft-heit und Ernst begleitet, daß ein Verständigergewiß nicht hart gegen ihn sein, und ein Wohl-wollender ihn nicht verhöhnen noch zum Bestenhaben konnte. Auch war Jung durch Herdcrndergestalt exallirt, daß er sich in allem seinemThun gestärkt und gefördert fühlte, ja seineNeigung gegen mich schien in eben diesem Maaßeabzunehmen; doch blieben wir immer gute Ge-sellen, wir trugen einander vor wie nach und er-zeigten uns wechselseitig die freundlichsten Dienste.
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