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Johann Wolfgang von Göthc.
XII. Rode Zum Andenken des cdeln Dichters, Lruders und Freundes Wieland.
Durchlauchtigster Protector,
Sehr ehrwürdiger Meister,Verehrungswürdigste Anwesende!
Ob es gleich dem Einzelnen unter keinerBedingung geziemen.will, alten ehrwürdigenGebräuchen sich entgegen zu stellen, und das,was unsere weisen Vorfahren beliebt und an-geordnet, eigenwillig zu verändern, so würdeich doch, stände mir der Zauberstab wirklich zuGebote, den die Muse unserm abgeschiedenenFreunde geistig anvertraut, ich würde dieseganze düstere Umgebung augenblicklich in eineheilere verwandeln: dieses Finstere müßte sichgleich vor Ihren Augen erhellen, und ein fest-lich geschmückter Saal mit bunten Teppichenund munteren Kränzen, so froh und klar alsdas Leben unseres Freundes, sollte vor Ihnenerscheinen. Da möchten die Schöpfungen seinerblühenden Phantasie Ihre Augen, Ihren Geistanzichn, der Olymp mit seinen Göttern, ein-geführt durch die Musen, geschmückt durch dieGrazien, sollte zum lebendigen Zeugniß dienen,daß derjenige, der in so heiterer Umgebung ge-lebt , und dieser Heiterkeit gemäß auch von unsgeschieden, unter die glücklichsten Menschen zuzählen, und keineswegs mit Klage, sondern mitAusdruck der Freude und des Jubels zu be-statten sei.
Was ich jedoch den äußern Sinnen nichtdarstellen kann, sei den innern dargebracht.Achtzig Jahre; wie viel in wenigen Sylben!Wer von uns wagt es, in der Geschwindigkeitzu durchlaufen und sich zu vergegenwärtigen,was so viele Jahre, wohl angewandt, bedeuten?Wer von uns möchte behaupten, daß er denWerth eines, in jedem Betracht vollständigen,Lebens sogleich zu ermesse» und zu schätzenwisse?
Begleiten wir unsern Freund auf dem Stu-fengange seiner Tage, sehen wir ihn als Kna-ben, Jüngling, Mann und Greis, so findenwir, daß ihm das ungcmeine Glück zu Theilward, die Blüthe einer jeden dieser Jahreszei-ten zu pflücken; denn auch das hohe Aller hatseine Blüihe, und auch dieser auf das heiterstesich zu freuen war ihm gegönnt. Nur wenigMonate sind es, als die verbundenen Brüderihre geheimnißvolle Sphinx für ihn mit Rosenbekränzten, um auszudrücken, daß wenn Ana-kreon, der Greis, seine erhöhte Sinnlichkeitmit leichten Rosenzweigen zu schmücken unter-nahm, die sittliche Sinnlichkeit, die gemäßigte,geistreiche Lebensfreude unseres Edlen einen rei-chen, gedrängt gewundenen Kranz verdiene.
Wenige Wochen sind es, daß dieser trefflicheFreund noch unsern Zusammenkünften nicht nurbeiwohnte, sondern auch in ihnen thätig wirkte.Er hat seinen Ausgong aus dem Irdischen durchuntern Kreis hindurch genommen; wir warenihm auch noch Mehr die Nächsten, und wenndas Vaterland, so wie das Ausland, sein An-denken feiert, wo sollte dieß früher und kräf-tiger geschehen, als bei uns!
Den ehrwürdigen Geboten unserer Meisterhabe ich mich daher nicht entziehen dürfen, undspreche in dieser angesehenen Versammlung zu10 seinem Andenken um so lieber einige Worte,als sie flüchtige Vorläufer sein können dessen,was künftig die Welt, was unsere Verbrüde-rung für ihn thun wird. Diese Gesinnungist's, diese Absicht, um derentwillen ich mir15 ein geneigtes Gehör erbitten darf; und wenndasjenige, was ich mehr aus einer fast vierzigJahre geprüften Neigung, als aus rednerischerUeberlegung, keineswegs in gehöriger Verbin-dung, sondern vielmehr in kurzen Sätzen, ja20 sprungweise vortrage, weder des Gefeierten,noch der Feiernden würdig erscheinen dürfte,so muß ich bemerken, daß hier nur eine Vor-arbeit, ein Entwurf, ja nur der Inhalt undwenn man will, Marginalien eines künftigen22 Werks zu erwarten seien. Und so werde denn,ohne weiteres Zaudern, zu dem uns so lieben,werthen, ja heiligen Gegenstand geschritten IWieland war in der Nähe von Biberach,einer kleinen Reichsstadt in Schwaben, 173330 geboren. Sein Vater, ein evangelischer Geist-licher, gab ihm eine sorgfältige Erziehung undlegte bei ihm den ersten Grund der Schulkennt-niffe. Hierauf ward er nach Kloster Bergenan der Elbe gesendet, wo eine Erziehungs-35 und Lehranstalt, unter der Aufsicht des wahr-haft frommen Abtes Steinmetz, in gutem Rufestand. Von da begab er sich auf die Univer-sität zu Tübingen, sodann lebte er einige Zeitals Hauslehrer in Bern, ward aber bald nach40 Zürich zu Bodmern gezogen, den man in Süd-deutschland, wie Glcimen nachher in Nord-deutschland, die Hebamme des Genie's nennenkonnte. Dort überließ er sich ganz der Lust,welche das Selbsthervorbringen der Jugend45 verschafft, wenn das Talent unter freundlicherAnleitung sich ausbildet, ohne daß die höherenForderungen der Kritik dabei zur Sprache kom-men. Doch entwuchs er bald jenen Verhält-nissen, kehrte in seine Vaterstadt zurück und50 ward von nun an sein eigner Lehrer und Bild-ner: indem er auf das rastloseste seine lilera-risch poetische Neigung fortsetzte. Die mecha-nischen Amtsgcschäfte eines Vorstehers der Kanz-Ici raubten ihm zwar Zeit, aber nicht Lust und55 Muth, und damit ja sein Geist in so enge»Verhältnissen nicht verkümmerte, wurde er diMin der Nähe begüterten Grafen Stadion, chu»«fürstlich Mainzischem Minister bekannt. 3"diesem angesehenen, wohleingerichtelen Häuft60 wehte ihn zuerst die Welt- und Höfluft an:innere und äußere Staatsverhältnisse blieb«»ihm nicht fremd, und ein Gönner fürganze Leben ward ihm der Graf. Hierdurchblieb er dem Ehurfürsten von Mainz nicht »n-65 bekannt, und als unter Emmerich Joseph °Akademie zu Erfurt wieder belebt werden s»» 'so berief man unsern Freund dahin, undthätigte dadurch die duldsamen Gesinnung 'welche sich über alle christlichen Religion»»«