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Johann Wolfgang von Göthe.
finden, was so viele Jahre sein Glück gemachthatte, ja der innigste Bestand seines Lebensgewesen war; aber er verzehrt sich nicht ineitlen Klagen, deren wir in Prosa und Werfenvon andern so viele kennen; sondern er ent-schließt sich zur Gegenwirkung. Er kündigtallem, was sich in der Wirklichkeit nicht im-mer nachweisen läßt, den Krieg an, zuvörderstalso der Platonischen Liebe, sodann aller dog-matisicenden Philosophie, besonders den beidenExtremen, der Stoischen und Pythagoreischen.
.Unversöhnlich arbeitet er ferner dem religiösenFanatismus und allem, was dem Verständeexcentrisch erscheint, entgegen.
Aber sogleich überfällt ihn die Sorge, ermöge zu weit gehn, er möge selbst phantastischhandeln, und nun beginnt er zugleich einenKampf gegen die gemeine Wirklichkeit. Er lehntsich auf gegen alles, was wir unter dem WortPhilisterei zu begreift» gewohnt sind, gegenstockende Pedanlerei, kleinstädtisches Wesen,kümmerliche chißere Sitte, beschränkte Kritik,falsche Sprödigkeic, platte Behaglichkeit, an-maßliche Würde, und wie diese Ungeister, de-ren Name Legion ist, nur alle zu bezeichnensein mögen.
Hierbei verfährt er durchaus genialisch, ohneVorsatz und Selbstbewußtsein. Er findet sichin der Klemme zwischen dem Denkbaren unddem Wirklichen, und indem er beide zu gewäl-ligen oder zu verbinden Mäßigung anralhenmuß, so muß er selbst an sich hallen, und, in-dem er gerecht sein will, vielseitig werden.
Die verständige reine Rechtlichkeit edlerEngländer und ihre Wirkung in der sittlichenWelt, eines Addison, eines Stcele, hatte» ihnschon längst angezogen; nun findet er aber indieser Genossenschaft einen Mann, dessen Sin-nesart ihm weit gemäßer ist.
ShafieSbury, den ich nur zu nennen brauche,um jedem Gebildeten einen trefflichen Denkerins Gedächtniß zu rufen, Shaflesbury lebte zueiner Zeit, wo in der Religion seines Vater-landes manche Bewegung vorging; wo die herr-schende Kirche mir Gewalt die Andersgesinntenzu bezähmen gedachte. Auch den Staat, dieSitten bedrohte manches, was einen Verstän-digen, Wohldenkenden in Sorge setzen muß.Gegen alles dieses, glaubte er, sei am bestendurch Frohsinn zu wirken; nur das, was manmit Heiterkeit ansehe, werde man recht seh»,war seine Meinung. Wer mir Heiterkeit inseinen eigenen Busen schauen könne, müsse einguter Mann sein. Darauf komme alles an,und alles übrige Gute entspringe daher. Geist,Witz, Humor seien die ächten Organe, womitein solches Gemüth die Welt anfasse. Alle Ge-genstände, selbst die ernstesten, müßten einesolche Klarheit und Freiheit vertragen, wennsie nicht mit einer nur anmaßlichen Würdeprunkten, sondern einen ächten, die Probe nichtscheuenden Werth in sich selbst enthielten. Beidiesem geistreiche Versuch, die Gegenstände zugewälligen, konnte man nicht umhin, sich nachentscheidenden Behörden umzusehen, und soward einerseits der Menschenverstand über denInhalt, und der Geschmack über die Art desLortrags zum Richter gesetzt.
An einem solchen Manne fand nun unser
Wieland nicht einen Vorgänger, dem erfolgen,nicht einen Genossen, mit dem er arbeiten sollte,sondern einen wahrhaften älteren Zwillingsbru-der im Geiste, dem er vollkommen glich, ohne5 nach ihm gebildet zu sein; wie man denn vonMenächmen nicht sagen könnte, welcher dasOriginal, und welcher die Copie sei.
Was jener, in einem höheren Stande gebo-ren, an zeitlichen Mitteln mehr begabt, durch10 Reisen, Aemter, Weltumsicht mehr begünstigt,in einem weiteren Kreise, zu einer ernsterenZeit, in dem meerumfloffenen England leistete,eben dieses bewirkte unser Freund von einemanfangs sehr beschränkten Punkt aus, durch eine15 beharrliche Thätigkeit, durch ein stetiges Wirkenin seinem, überall von Land und Bergen um-gränzten Vaterlande, und das Resultat davonwar, damit wir uns bei unserm gedrängtenVortrage eines kurzen, aber allgemein verständ-20 lichen Wortes bedienen, jene Popularphilosophie,wodurch ein praktisch geübter Sinn zum Ur-theil über den moralischen Werth der Dinge,so wie über ihren ästhetischen zum Richter be-stellt wird.
25 Diese, in England vorbereitet und auch inDeutschland durch Umstände gefordert, wardalso durch dichterische und gelehrte Werke, jadurchs Leben selbst, von unserm Freunde, inGesellschaft von unzähligen Wohlgesinnten ver-
30 breitet.
Haben wir jedoch, in sofern von Ansicht,Gesinnung, Uebersicht die Rede sein kann,Shaftesbury und Wieland vollkommen ähnlich ge-funden, so war doch dieser jenem an Talent weit35 überlegen; denn was der Engländer verständiglehrt und wünscht, das weiß der Deutsche, inVersen und Prosa, dichterisch und rednerischauszuführen.,
Zu dieser Ausführung aber mußte ihm die40 Französische Behandlungsweise am meisten zu-sagen. Heiterkeit, Witz, Geist, Eleganz ist inFrankreich schon vorhanden : seine blühende Ein-bildungskraft, welche sich jetzt nur mit leichtenund frohe» Gegenständen beschäftigen will, wen-45 der sich nach den Fee» - und Rittermährchen,welche ihm die größte Freiheit gewahren. Auchhier reicht ihm Frankreich in der Tausend undEinen Stacht, in der Romanenbibliothek schonhalb verarbeitete zugerichtete Stoffe, indessen50 die allen Schätze dieses Fachs, welche Deutsch-land besitzt, noch roh und ungenießbar dalagen-Gerade diese Gedichte sind es, welche WielandsRuhm am meisten verbreiteten und bestätigten-Jhre Munterkeit fand bei JedermannEingang, und55 selbst die ernsteren Deutschen ließen sie sichfallen: denn alle diese Werke traten wirklichzur rechten und günstigen Zeit hervor. ^waren alle in dem Sinne geschrieben, den >mtoben entwickelt haben. Oft unternahm de60 glückliche Dichter das Kunststück, ganzgültigen Stoffe» durch die Bearbeitung einthohen Werth zu geben, und wenn es nicht zläugnen ist, daß er bald den Verstand überhöheren Kräfte, bald die Sinnlichkeit übet ^65 sittlichen lriumphiren läßt, so muß man dauch gestehen, daß am rechten Ort alles,schöneSeele» nur zieren mag, die Oberhand beha ^Früher, wo nicht als alle, doch als diestcn dieser Arbeiten, war die Uebersetz