Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
113-114
JPEG-Download
 

113

Johann Wolfgang von Göthc.

114

Shakspearc's. Wieland fürchtete nicht, durchStudien seiner Originalität Eintrag zu thun,ja schon früh war er überzeugt, daß, wie durchBearbeitung schon bekannter Stoffe, so auchdurch Uebersetzung vorhandener Werke, ein leb- 5hafter reicher Geist die beste Erquickung fände.

Shakespeare» zu übersetzen, war in jenenTagen ein kühner Gedanke, weil selbst gebildeteLiieratoren die Möglichkeit läugneten, daß einsolches Unternehmen gelingen könne. Wieland 10übersetzte mit Freiheit, erhäschte den Sinnseines Autors, ließ bei Seite, was ihm nichtübertragbar schien, und so gab er seiner Rationeinen allgemeinen Begriff von den herrlichstenWerken einer andern, seinem Zeitalter die Ein- 15ficht in die hohe Bildung vergangener Jahr-hunderte.

Diese Uebersetzung, so eine große Wirkungsie in Deutschland hervorgebracht, scheint aufWieland,selbst wenig Einfluß gehabt zu haben. 20Er stand mit seinem Autor allzusehr in Wider-streit, wie man genugsam erkennt aus den»vergangenen und ausgelassenen Stellen, mehrnoch aus den hinzugefügten Noten, aus welchendie Französische Sinnesart hervorblickt. 25

Anderseits aber sind ihm die Griechen, inihrer Mäßigung und Reinheit höchst schätzbareMuster. Er fühlt sich mit ihnen durch Ge-schmack verbunden; Religion, Sitten, Verfas-sung, alles gibt ihm Anlaß, seine Vielseitigkeit 30zu übe», und da weder die Götter, noch diePhilosophen, weder das Volk noch die Völker,so wenig als die Staats- und Kriegsleute sichunter einander vertragen, so findet er überalldie erwünschteste Gelegenheit, indem er zu zwei- 35fein und zu scherzen scheint, seine billige, duld-same menschliche Lehre wiederholt einzuschärfen.

Zugleich gefällt er sich, problematische Cha-raktere darzustellen, und es macht ihm z. B.Vergnügen, ohne Rücksicht auf weibliche Keusch- 40heil, das Liebenswürdige einer Musarion, Laisund Phrync hervorzuheben, und ihre Lebens-weisheit über die Schulweisheit der Philoso-phen zu erhöhen.

Aber auch unter diesen findet er einen Mann, 45den er als Repräsentanten seiner Gesinnungenausbilden und darstellen kann, ich meine^«stippe». Hier sind Philosophie und Wclt-3e»uß durch eine kluge Begränzung so heiter undWünschenswerth verbunden, daß man sich als 50Btillevender in einem so schönen Lande, in soguter Gesellschaft zu finden wünscht. Man^riir so gern mit diesen unterrichteten, wohl-enkcnden, gebildeten, frohen Menschen in Ver-ödung, ja man glaubt, so lange man in Ge- 55sanken unrcr ihnen wandelt, auch wie sie ge-llunr zu sein, wie sie zu denken.

In dresen Bezirken erhielt sich unser Freundurch sorgfältige Vorübungen, welche dem Ue-bcfctzer „och mehr als dem Dichter nothwen- 60lA stnd; und so entstand der Deutsche Lucian,uns den Griechischen um desto lebhafter^'stellen mußte, als Verfasser und Uebersetzerr wahrhuseo Geistesverwandte gelten können,dia Mann von solchen Talenten aber, pre- 65wird nach sehr das Gebührende,

Linie d manchmal versucht fühlen, die

schreie Zuständigen und Schicklichen zu übcr-^ >ren, da von jeher das Genie solche Wag-Kurz, »rot. Lit. II.

stücke unter seine Gerechtsame gezählt hat.Diesen Trieb befriedigte Wieland, indem er sichdem kühnen, außerordentlichen Aristophanesanzugleichen suchte, und die eben so verwegenenals geistreichen Scherze durch eigne angeborneGrazie gemildert überzutragen wußte.

Freilich war zu allen diesen Darstellungenauch eine Einsicht in die höhere bildende Kunstnöthig, und da unserm Freund niemals dasAnschauen jener überbliebenen alten Meister-werke gegönnt ward, so suchte er durch denGedanken sich zu ihnen zu erheben, sie durchdie Einbildungskraft zu vergegenwärtigen, der-gestalt, daß man bewundern muß, wie der vor-zügliche Geist sich auch von dem Entfernteneinen Begriff zu machen weiß, ja es würde ihmvollkommen gelungen sein, hätte ihn nicht ebenseine lobenswerrhe Behutsamkeit abgehalten,entschiedene Schritte zu thun; denn die Kunstüberhaupt, besonders aber die der Alten, läßtsich ohne Enthusiasmus weder fassen noch be-greifen. Wer nicht mit Erstaunen und Be-wunderung anfangen will, der findet nicht denZugang in das innere Heiligthum. Unser Freundaber war viel zu bedächtig, und wie hätte erauch in diesem einzigen Falle eine Ausnahmevon seiner allgemeinen Lebensregel machen sollen?

War er jedoch mit den Griechen durch Ge-schmack nah verwandt, so war er eS mit denRömern noch mehr durch Gesinnung. Nichtdaß er sich durch republikanischen oder patrioti-schen Eifer härte hinreißen lasstpi, sondern erfindet, wie er sich den Griechen gewissermaßennur andichtete, unter den Römern wirklichseines Gleichen. Horaz hat viel Aehnliches vonihm; selbst kunstreich, selbst Hos- und Welt-mann ist er ein verständiger Leurtyeiler desLebens und der Kunst; Cicero, Philosoph,Redner, Staatsmann, thätiger Bürger, undbeide aus unscheinbaren Ansängen zu großenWürden und Ehren gelangt.

Wie gern mag sich unser Freund, indemer sich mit den Werken dieser beiden Männerbeschäftigt, in ihr Jahrhundert, in ihre Umge-bungen, zu ihren Zeitgenossen versetzen, um unsein anschauliches Bild jener Vergangenheit zuübertragen, und es gelingt ihm zum Erstau-nen. Vielleicht könnte man im Ganzen mehrWohlwollen gegen die Menschen verlangen, mirdenen er sich beschäftigt, aber er fürchtet sichso sehr vor der Parteilichkeit, daß er liebergegen sie als für sie Partei nehmen mag.

Es gibt zwei Uebersetzungsmaximen: die eineverlangt, daß der Autor einer fremden Nationzu uns herüber gebracht werde, dergestalt, daßwir ihn als den unsrigen ansehen können; dieandere hingegen macht an uns die Forderung,daß wir uns zu dem Fremde» hinüber begebenund uns in seine Zustände, seine Sprachwcise,seine Eigenheiten finden sollen. Die Vorzügevon beiden sind durch musterhafte Beispiele allengebildeten Menschen genugsam bekannt. UnserFreund, der auch hier den Mittelweg suchte,war beide zu verbinden bemüht, doch zog erals Mann von Gefühl und Geschmack in zwei-felhaften Fällen die erste Maxime vor.

Niemand hat vielleicht so innig empfunden,welch verwickeltes Geschäft eine Uebersetzungsei als er. Wie tief war er überzeugt, daß

8