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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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115-116
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Johann Wvlfaang von Gothc.

nicht das Wort, sondern der Sinn belebe.Man betrachte, wie er in seinen Einleitungenuns erst in die Zeit zu versetzen und mit denPersonen vertraut zu machen bemüht ist, wieer alsdann seinen Autor auf eine uns schonbekannte, unserem Sinn und Ohr verwandteWeise sprechen laßt, und zulegt noch mancheEinzelheit, welche dunkel bleiben, Zweifel erre-gen, anstößig werden könnte, in Noten auszu-legen und zu beseitigen sucht. Durch diesedreifache Bemühung sieht man recht wohl, hater sich erst seines Gegenstandes bemächtigt, undso gibt er sich denn auch die redlichste Mühe,uns in den Fall zu setzen, daß seine Einsichtuns mitgetheilt werde, aus daß wir auch denGenuß mit ihm theile».

Ob er nun gleich mehrerer Sprachen mäch-tig war, so hielt er sich doch fest an die beiden,in denen uns der Werth und die Würde derVorwelt am reinsten überliefert ist. Denn sowenig wir läugnen wollen, daß aus den Fund-gruben anderer alten Literaturen mancher Schatzgefördert worden, und noch zu fördern ist, sowenig wird man uns widersprechen, wenn wirbehaupten, die Sprache der Griechen und Rö-mer habe uns bis auf den heutigen Tag köst-liche Gaben überliefert, die an Gehalt dem üb-rigen Besten gleich, der Form nach allem an-dern vorzuziehen sind.

Die Deutsche Reichsverfassung, welche soviele kleine Staaten in sich begriff, ähnlichtedarin der Griechischen. Die geringste, unschein-bare, ja unsichtbare Stadt, weil sie ei» eignesInteresse hatte, mußte solches in sich hegen,erhalten und gegen die Nachbarn vertheidigen.Daher war ihre Jugend frühzeitig aufgewecktund aufgefordert über Staatsverhältniffr nach-zudenken. Und so war auch Wicland, als Kanz-leiverweser einer der kleinsten Reichsstädte, indem Fall, Patriot und im bessern Sinne De-magog zu sein: wie er denn einmal über einensolchen Gegenstand die zeitige Ungnade des be-nachbarten Grafen Stadion, seines Gönners,lieber auf sich zu ziehen, als unpatriotisch nach-zugeben , die Entschließung faßte.

Schon sein Agathon belehrt uns, daß erauch in diesem Fach geregelten Gesinnungenden Lorzug gab, indeß gewann er doch Ge-genständen so viel Antheil ab, daß alle seineBeschäftigungen und Neigungen in der Folgeihn nicht hinderten, über dieselben zu denken.Besonders fühlte er sich aufs neue dazu aufge-fordert, als er sich einen bedeutenden Einflußauf die Bildung hoffnungsvoller Fürsten ver-sprechen durfte.

Aus allen den Werken, die er in dieser Artgeliefert, tritt ein welrbürgeclicher Sinn her-vor, und da sie in einer Zeit geschrieben sind,wo die Macht der Alleinherrschaft noch nichterschüttert war, so ist sein Hauptgeschäft, denMachthabern ihre Pflichten dringend vorzustel-len und sie auf das Glück hinzuweisen, das siein dem Glück der Ihrigen finden sollten.

Nun aber trat die Epoche ein, in der eineaufgeregte Nation alles bisher Bestandene nie-derriß und die Geister aller Erdbewohner zueiner allgemeinen Gesetzgebung zu berufen schien.Auch hierüber erklärt er sich mit umsichtigerBescheidenheit und sucht durch verständige Bor-

stellungen, die er unter mancherlei Formenverkleidet, irgend ein Gleichgewicht in der be-wegten Menge hervorzubringen. Da aber derTumult der Anarchie immer heftiger wird,5 und eine freiwillige Bereinigung der Masse un-denkbar erscheint, so ist er der Erste, der dieEinherrschafr wieder anräth und den Mann be-zeichnet, der das Wunder der Wiederherstellungvollbringen werde.

10 Bedenkt man nun Hiebei, daß unser Freundüber diese Gegenstände nicht etwa hinterdrein,sondern gleichzeitig geschrieben, und als Heraus-geber eines vielgelesenen Journals Gelegenheithatte, ja genöthigt war, sich monatlich aus dem15 Stegreife vernehmen zu lassen, so wird derje-nige, der seinem Lebensgange chronologisch zufolgen berufen ist, nicht ohne Bewunderunggewahr werden, mit welcher Aufmerksamkeit erden raschen Begebenheiten des Tags folgte und20 mit welcher Klugheit er sich als ein Deutscherund als ein denkender theilnehmender Manndurchaus benommen hat. Und hier ist es derOrt, der für Deutschland so wichtigen Zeit-schrift, des Teutschen Merkurs, zu gedenken.25 Dieses Unternehmen war nicht das erste in sei-ner Art, aber doch zu jener Seit neu und be-deutend. Ihm verschaffte sogleich der Namedes Herausgebers ein großes Zutrauen: denndaß ein Mann, der selbst dichtete, auch die Ge-30 dichte anderer in die Welt einzuführen ver-sprach, daß ein Schriftsteller, dem man so herr-liche Werke verdankte, selbst urtheilen, seineMeinung öffentlich bekennen wollte, dieß er-regte die größten Hoffnungen. Auch versam-35 melren sich werthvolle Männer bald um ihnher, und dieser Berein vorzüglicher Literatorenwirkte so viel, daß man durch mehrere Jahrehin sich des Merkurs als Leitfadens in unsererLileraturgeschichte bedienen kann- AufdasPub-40 licum überhaupt war die Wirkung groß undbedeutend; denn wenn auf der einen Seite dasLesen und Urtheilen über eine größere Massesich verbreitete, so ward auch die Lust, sich au-genblicklich mitzutheilen, bei einem jeden rege,45 der irgend etwas zu geben halte. Mehr alser erwartete und verlangte, floß dem Heraus-geber zu; sein Glück weckte Nachahmer, ähn-liche Zeitschriften entstanden, die erst monatlich,dann Wochen - und tagweise sich ins Publicum50 drängten und endlich jene Babylonische Ver-wirrung hervorbrachten, von der wir Zeugewaren und sind, und die eigentlich daher ent-springt, daß jedermann reden und niemand hö-re» will.

55 Was den Werth und die Würde des Teut-schen Merkurs viele Jahre durch erhielt, wardie dem Herausgeber desselben angeborne Libe-ralität. Wicland war nicht zum Parteihaupgeschaffen; wer die Mäßigung als Hauptw^60 xime anerkennt, darf sich keiner Einseiligketschuldig machen. Was seinen regen Geist tEreizte, suchte er durch Menschenverstand uGeschmack bei sich selbst ins Gleiche zu bringe -und so behandelte er auch seine Mitarbeit '65 für die er sich keineswegs enthusiasmirke: uwie er die von ihm so hoch geachteten aiAutoren, indem er sie mit Sorgfalt übersetz ^doch öfters in den Noten zu bekriegen E» -so machte er auch oft geschätzte, ja gr