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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
117-118
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Johann Wolfgang von Gvthc.

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Mitarbeiter durch mißbilligende Noten verdrieß-lich , ja sogar abwendig.

Schon früher hatte unser Freund wegengrößerer und kleinerer Schriften gar mancheAnfechtung leiden müssen, um so weniger konntees ihm als Herausgeber einer Zeitschrift an li-lerarischen Fehden ermangeln. Aber auch hierbeweist er sich als immer derselbe. Ein solcherFederkrieg darf ihm niemals lange dauern, undwie sich's einigermaßen in die Länge ziehenwill, so läßt er dem Gegner das letzte Wort,und geht seines gewohnten Pfades.

Ausländer haben scharfsinnig bemerkt, daßDeutsche Schriftsteller weniger als die Autorenanderer Nationen auf das Publikum Rücksichtnehmen, und daß man daher in ihren Schrif-ten den Menschen, der sich selbst ausbildet, denMenschen, der sich selbst etwas zu Danke ma-chen will, und folglich den Charakter desselben,gar bald abnehmen könne. Diese Eigenschafthaben wir schon oben Wielandcn besonders zu-geschrieben, und es wird um so interessantersein, seine Schriften wie sein Leben in diesemSinne zu reihen und zu verfolgen, als manfrüher und später den Charakter unsers Freun-des aus eben diesen Schriften verdächtig zumachen suchte. Gar viele Menschen sind nochjetzt an ihm irre, weil sie sich vorstellen, derVielseitige müsse gleichgültig und der Bewegli-che wankelmüthig sein. Man bedenkt nicht,daß der Charakter sich nur durchaus aufs Prak-tische beziehe. Nur in dem, was der Menschthut, zu thun fortfährt, worauf er beharrt,darin zeigt er Charakter und in diesem Sinnehat es keinen fester», sich selbst immer gleichenMann gegeben als Wieland. Wenn er sich derMannichfalligkeir seiner Empfindungen, derBeweglichkeit seiner Gedanke»-überließ, keinemeinzelnen Eindruck Herrschaft über sich erlaubenwollte, so zeigte er eben dadurch die Festigkeitund Sicherheit seines Sinnes. Der geistreicheMann spielte gern mit seinen Meinungen, aber,ich kann alle Mitteilenden als Zeugen auffor-dern, niemals mit seinen Gesinnungen. Undso erwarb er sich viele Freunde und erhielt sie.Daß er irgend einen entschiedenen Feind gehabt,ist mir nicht bekannt geworden. Im Genußseiner dichterischen Arbeiten lebte er viele Jahrein städtischer, bürgerlicher, freundlich-geselligerUmgebung, und erreichte die Auszeichnung einesvollständigen Abdrucks seiner sorgfältig durch-öosehenen Werke, ja einer Prachtausgabe der-selben.

Aber er sollte noch im Herbst seiner Jahredsn Einfluß des Zeitgeistes empfinden und aufdjne nicht vorzusehende Weise ein neues Leben,eine neue Jugend beginnen. Der Segen desholden Friedens hatte lange Zeir über Dcutsch-o»d gewaltet, äußere allgemeine Sicherheit unds.uhe traf mir den innern, menschlichen, welr-lwgerlichen Gesinnungen gar schön zusammen-n ^ Niedliche Städter schien seiner Mauern'cht mehr zu bedürfen, man entzog sich ihnen,«n sehnte sich aufs Land. Die Sicherheit des- dundbesitzers gab jedermann Vertrauen, dasder^ ^vturleben zog jedermann an, und wiegesellig geborne Mensch sich öfters den süßen„ "L vorbilden kann, als lebe er besser, be-"ur, froher in der Abgcsondertheit, so schien

auch Wieland, dem bereits die höchste litera-rische Muße gegönnt war, sich nach einem nochmusenhaft ruhigern Aufenthalt umzusehen; undals er gerade in der Nähe von Weimar sich5 ein Landgut zuzueignen Gelegenheit und Kräftefand, faßte er den Entschluß, daselbst den Restseines Lebens zuzubringen. Und hier mögendie, welche ihn öfters besucht, welche mir ihmgelebt, umständlich erzählen, wie er gerade hier10 in seiner ganzen Liebenswürdigkeit erschien, alsHaus- und Familienvater, als Freund undGatte, besonders aber, weil er sich den Men-schen wohl entziehen, die Menschen ihn abernicht entbehren konnten, wie er als gastfreier15 Wirth seine geselligen Tugenden am anmuthig-stcn entwickelte.

Indeß ich nun jüngere Freunde zu dieseridyllischen Darstellung auffordere, so muß ichnur kurz und theilnehmend gedenken, wie diese20 ländliche Heiterkeit durch das Hinscheiden einertheuern mitwohnenden Freundin und dann durchden Tod seiner werthen, sorgsamen Lebensge-fährtin getrübt worden. Er legt diese theuernReste auf eignem Grund und Boden nieder,25 und indem er sich entschließt, die für ihn all-zusehr verflochtene landwirthschaftliche Besor-gung aufzugeben, und sich des einige Jahre frohgenossenen Grundbesitzes zu entäußern, so be-hält er sich doch den Platz, den Raum zwischen30 beiden Geliebten vor, um dort auch seine ruhigeStätte zu finden. Und dorthin haben denn dieverehrten Brüdcr ihn begleitet, ja gebracht, unddadurch seinen schonen und anmulhigen Willenerfüllt, daß die Nachkommen seinen Grabhügel35 in einem lebendigen Haine besuchen und heilerverehren sollten.

Nicht ohne höhere Veranlassung aber kehrteder Freund nach der Stadt zurück; denn dasVerhältniß zu seiner großen Gönnerin, der40 Herzogin Mutter, hatte ihm jenen ländlichenAufenthalt mehr als einmal verdüstert. Erfühlte nur zu sehr, was es ihm koste, von ihrentfernt zu sein. Er konnte ihren Umgang nichtentbehren, und desselben doch nur mir Unbe-45 quemlichkeit und Unstalten genießen. Und so,nachdem er seine Familie bald erweitert, baldverengt, bald vermehrt, bald vermindert, baldversammelt, bald zerstreut gesehen, zieht dieerhabene Fürstin ihn in ihren nächsten Kreis.50 Er kehrt zurück, bezieht eine Wohnung ganznahe der fürstlichen, nimmt Theil an dem Som-meraufenthall in Liefurt, und betrachtet sichnun als Glied des Hauses und Hofes.

Wieland war ganz eigentlich für die größere55 Gesellschaft geboren, ja die größte würde seineigentliches Element gewesen sein; denn weiler nirgends oben an stehen, wohl aber gern anallem Theil nehmen wollte, und über allesmit Mäßigung sich zu äußern geneigt war, so00 mußte er nothwendig als angenehmer Gesell-schafter erscheinen , ja er wäre es unter einerleichtern, nicht iede Unterhaltung allzu ernstnehmenden Nation noch mehr gewesen.

Denn sein dichterisches, so wie sein litera-65 risches Streben war unmittelbar aufs Lebengerichtet, und wenn er auch nicht, gerade im-mer einen praktische» Zweck suchte, ein prakti-sches Ziel hatte er doch immer nah oder fernvor Augen. Daher waren seine Gedanken be-