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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Gothc.

ständig klar, sein Ausdruck deutlich, gemeinfaß-lich, und da er, bei ausgebreiteten Kenntnissen,steis an dem Interesse des Lages festhielt, dem-,elben falzte, sich geistreich damit beschäftigte,so war auch seine Unterhaltung durchaus man-nichfaltig und belebend; wie ich denn auch nichtleicht jemand gekannt habe, welcher das, wasvon andern Glückliches in die Mitte gebrachtwurde, Mit mehr Freudigkeit aufgenommen undmir mehr Lebendigkeit erwiedert hätte.

Bei dieser Art zu denken, sich und anderezu unterhalten, bei der redlichen Absicht, auflein Zeitalter zu wirken, verargt man ihm nunwohl nicht, daß er gegen die neuern philoso-phischen Schulen einen Widerwillen faßte. Wennfrüher Kant in kleinen Schriften nur von seinengrößer» Ansichten präludirre, und in heiternFormen selbst über die wichtigsten Gegenständesich problematisch zu äußern schien, da stand erunserm Freunde noch nah genug; als aber dasungeheure Lehrgebäude errichtet war, so muß-ten alle die, welche sich bisher in freiem Leben,dichtend so wie philosophirend ergangen halten,sie mußten eine Drohburg, eine Zwingfestedaran erblicken, von woher ihre heitern Streif-züge über das Feld der Erfahrung beschränktwerden sollten.

Aber nicht allein für den Philosophen, auchfür oen Dichter war, bei der neuen GeisrcS-richiung, sobald eine große Masse sich von ihrhinziehen ließ, viel, ja alles zu befürchten. Dennob es gleich im Anfang scheinen wollte, als wäredie Absicht überhaupt nur asis Wissenschaft, so-dann auf Sittenlehre und was hievon zunächstabhängig ist, gerichtet, so war doch leicht ein-zusehen, daß wenn man jene wichtigen Ange-legenheiten des höher» Wissens und des sittli-chen Handelns, fester als bisher geschehen, zubegründe» dachte, wenn man dort ein strenge-res, in sich mehr zusammenhängendes, aus denLiesen der Menschheit entwickeltes Urtheil ver-langte, daß man, sag' ich, den Geschmack auchbald auf solche Grundsätze hinweisen, und deß-halb suchen würde, individuelles Gefallen, zu-fällige Bildung, Volkseigenheiren durchaus zubeseitigen, und ein allgemeineres Gesetz zurEnlscheidungsnorm hervorzurufen.

Dieß geschah auch wirklich, und in derPoesie that sich eine neue Epoche hervor, welchemir unserm Freunde, so wie er mir ihr in Wi-derspruch stehen mudle. Bon dieser Zeit anerlebte er manches unbillige Urtheil, ohne je-doch sehr davon gerührt zu werden, und icherwähne dieses Umstands hier ausdrücklich, weilder daraus in der deutschen Literatur entstan-dene Eonflicr noch keineswegs beruhigt undausgeglichen ist, und weil ein Wohlwollender,wenn er Wielands Verdienst schätzen und seinAndenken kräftig aufrecht erhallen will, vonder Lage der Dinge, von dem Herankommen>o wie der Folge der Meinungen, von demCharakter, den Talenten der mitwirkenden Per-sonen genau unterrichtet sein müßte, die Kräfte,die Verdienste beider Theile wohl kennen, und,um unparteilich ^ wirken, beiden Parteien ge-wissermaßen angehören.

Doch von jenen hieraus entsprungenen, klei-neren oder größere» Fehden zieht mich eine

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ernste Betrachtung ab, der wir uns nunmehrzu überlassen haben.

Die zwischen unsern Bergen und Hügeln,in unsern anmuthig bewässerten Thälern viele5 Jahre glücklich angesiedelte Ruhe war schonlängst durch Kriegszüge wo nicht verscheucht,doch bedroht. Als der folgenreiche Tag an-brach , der uns in Erstaunen und Schreckensetzte, da das Schicksal der Welt in unsern10 Spazicrgängen entschieden ward, auch in die-sen schrecklichen Stunden, denen unser Freundsorglos enlgegenlebce, verließ ihn das Glücknicht; denn er ward, erst durch die Vorsorgeeines jungen entschlossenen Freundes, danndurch die Aufmerksamkeit der Französischen Ge-walthaber gerettet, die in ihm den verdientenweltberühmten Schriftsteller und zugleich einMitglied ihres großen wissenschaftlichen Institutsverehrten-

Er hatte bald hierauf mit uns allen denschmerzlichen Verlust Amaliens zu ertragen-Hof und Stadt waren eifrig bemüht, ihm jedenErsatz zu reichen, und bald darauf ward er vonzwei Kaisern mit Ehrenzeichen begnadet, der-25 gleichen er in seinem langen Leben nicht gesucht,ja nicht einmal erwartet halte.

Aber so wie an trüben, so auch am heiternTage war er sich selbst gleich, und er bethätigthiedurch den Vorzug zartgebildeter Naturen,:!0 deren mittlere Empfänglichkeit dem guten wiedem bösen Geschick mäßig zu begegnen versteht-

Am bewundernswürdigsten jedoch erschiener, körperlich und geistig betrachtet, nach demharten Unfall, der ihn in so hohen Jahren be-35 traf, als er durch den Sturz des Wagens zu-gleich mit einer geliebten Tochter höchlich ver-letzt ward. Die schmerzlichen Folgen des Fal-les, die Langeweile der Genesung ertrug er mitdem größten Gleichmuth, und tröstete mehr40 seine Freunde als sich selbst durch die Aeuße-rung: es sei ihm niemals ein dergleichen Un-glück begegnet, und es möge den Göttern wohlbillig geschienen haben, daß er auch auf dieseWeise die Schuld der Menschheit abtrage. Nun45 genas er auch bald, indem sich seine Natur wiedie eines Jünglings schnell wiederherstellte, undward uns dadurch zum Zeugniß, wie der Zart-heit und Reinheit auch eine hohe physische Kraftverliehen sei. ,

50 Wie sich nun seine Lebensphilosophie auchbei dieser Prüfung bewährte, so brachte eMsolcher Unfall keine Veränderung in dersinnung noch in seiner Lebensweise yervo^Nach seiner Genesung gesellig wie vorher, »ah"55 er Theil an den herkömmlichen Unterhaltungdes umgänglichen Hof- und Stadllebens, h"wahrer Neigung und anhaltendem Bemühan den Arbeiten der verbundenen Brüder-sehr auch jederzeit sein Blick auf das Z^dssw^60 auf die Erkenntniß, die Benutzung bestemgerichtet schien — deS Außerweltlichen,Üebrrsinnlichcn konnte er doch, als ein vorz ^lich begabter Mann, keineswegs entbehren,hier trat jener Conflict, den wir oben vmsta^65 lich zu schildern für Pflicht gehalten, mcrrw ^dig hervor; denn indem er alles nbzumtschien, was außer den Gränzen der vllS ^neu Erkenntnisse liegt, außer dem Krc>,e o