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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Johann Wolfgang von Göthe.

was sich durch Erfahrung bethätigen läßt, sokonnte er sich doch niemals enthalten, gleichsamversuchsweise, über die so scharf gezogenen Linienwo nicht binauszuschreiten, doch hinüber zublicken und sich eine außerweltliche Welt,einen Zustand, von dem uns alle angebornenScelenkräfte keine Kenntniß geben können, nachseiner Weise auszuerbauen und darzustellen.

Einzelne Züge seiner Schriften geben hiezumannichfallige Belege, besonders aber darf ichmich auf seinen Agathodämon, auf seine Eu-thanasie berufen, ja auf jene schönen, so ver-ständigen als herzlichen Aeußerungen, die ernoch vor kurzem offen und unbewunden dieserVersammlung mittheilen mögen. Denn zu un-serm Brüderverein hatte sich in ihm eine ver-trauensvolle Neigung aufgerhan. Schon alsJüngling mit demjenigen bekannt, was uns vonden Mysterien der Alten historisch überliefertworden, floh er zwar nach seiner heitern klarenSinnesart jene trüben Geheimnisse, aber ver-läugnete sich nicht, daß gerade unter diesen,vielleicht seltsamen Hüllen zuerst unter die ro-hen und sinnlichen Menschen höhere Begriffeeingeführt, durch ahnungsvolle Symbole mäch-tige, leuchtende Ideen erweckt, der Glaube aneinen über alles waltenden Gott eingeleitet,die Tugend wünschenswerchcr dargestellt, unddie Hoffnung auf die Fortdauer unsers Daseinssowohl von frischen Schrecknissen eines trübenAberglaubens, als von den eben so falschenForderungen einer lebenslustigen Sinnlichkeitgereinigt worden.

Nun als Greis von so vielen werthen Freun-den und Zeitgenossen auf der Erde zurückge-lassen, sich in manchem Sinne einsam fühlend,näherte er sich unserm theuern Bunde. Wiefroh er in denselben getreten, wie anhal-tend er unsere Versammlungen besucht, unsernAngelegenheiten seine Aufmerksamkeit gegönnt,sich der Aufnahme vorzüglicher junger Männererfreut, unsern ehrbaren Gastmahlen beigewohnt,und sich nicht enthalten, über manche wichtigeAngelegenheit seine Gedanken zu eröffnen, da-

von sind wir alle Zeugen, wir haben es freund-lich und dankbar anerkannt. Ja wenn dieseraltgegründete und nach manchem Zeitwechsel2 oft wieder hergestellte Bund eines Zeugnissesbedürfte, so würde hier das vollkommenste be-reit sein, indem ein talcntreicher Mann, ver-ständig, vorsichtig, umsichtig, erfahren, wohlden-kend und mäßig, bei uns seines Gleichen zu10 senden glaubte, sich bei uns in einer Gesellschaftfühlte, die'er, der besten gewohnt, als Vollen-dung seiner menschlichen und geselligen Wünscheso gern anerkannte.

15 Vor dieser so merkwürdigen und hochge-schätzten Versammlung, obgleich von unsernMeistern aufgefordert, über den Abgeschiedenenwenige Worte zu sprechen, würde ich wohl ha-ben ablehnen dürfen, in der Betrachtung, daß20 nicht eine flüchtige Stunde, leichte, unzusam-menhängende Blätter, sondern ganze Jahre, jamanche wohl überdachte und geordnete Bändenöthig sind, um sein Andenken rühmlich zufeiern, neben dem Monumente, das er sich selbst25 in seinen Werken und Wirkungen würdig er-richtet hat. Auch übernahm ich diese schönePflicht nur in der Betrachtung: es könne dasvon mir Vorgetragene dem zur Einleitung die-nen , was künftig, bei wiederholter Feier seines30 Andenkens, von andern besser zu leisten wäre.Wird es unsern verehrten Meistern gefallen,mit diesem Aufsatz in ihre Lade alles dasjenigeniederzulegen, was öffentlich über unsern Freunderscheinen wird, noch mehr aber dasjenige, was35 unsere Brüder, auf die er am meisten und ameigensten gewirkt, welche eines ununterbrochenennähern Umgangs mit ihm genossen, vertraulichäußern und mittheilen möchten, so würde hie-durch ein Schatz von Thatsachen, Nachrichten40 und Urtheilen gesammelt, welcher wohl einzigin seiner Art sein dürfte, und woraus dennunsere Nachkommen schöpfen könnten, um mirstandhafter Neigung ein so würdiges Andenkenimmerfort zu beschützen, zu erhalten und zu45 verklären.

XIII. Shakspeare

Es ist über Shakspeare schon so viel gesagt,daß es scheinen möchte, als wäre nichts mehrßu sagen übrig; und doch ist dieß die Eigen-schaft des Geistes, daß er den Geist ewig an- 50*egr. Dießmal will ich Shakspeare von mehrals Einer Seite betrachten,« und zwar erstensals Dichter überhaupt; sodann verglichen mitdsn Alten und den Neuesten; und zuletzt alseigentlichen Theater-Dichter. Ich werde zu 55entwickeln suchen, was die Nachahmung seinereist auf uns gewirkt, und was sie überhauptNucken kann. Ich werde meine Beistimmungöu dem, was schon gesagt ist dadurch geben,nß ich es allenfalls wiederhole, meine Abstim- t>0mung aber kurz und positiv ausdrücken, ohnelch in Streit und Widerspruch zu verwickeln,sei also von jenem ersten Punkt zuvör-derst die Rede. °

und kein Ende.

I. Shakspeare als Dichter überhaupt.

Das Höchste wozu der Mensch gelangenkann, ist das Bewußtsein eigner Gesinnungenund Gedanken, das Erkennen seiner selbst, wel-ches ihm die Einleitung gibt, auch fremde Ge-müthsarten zu durchschauen. Nun gibt esMenschen, die mit einer natürlichen Anlage hie-zu geboren sind und solche durch Erfahrung zupraktischen Zwecken ausbilden. Hieraus entstehtdie Fähigkeit, der Welt und den Geschäftenim höher» Sinn etwas abzugewinnen. Mirjener Anlage nun wird auch der Dichter gebo-ren, nur daß er sie nicht zu unmittelbaren ir-dischen Zwecken, sondern zu einem höhern gei-stige» allgemeinen Zweck ausbildet. Nennenwir nun Shakspeare einen der größten Dichter,so gestehen wir zugleich, daß nicht leicht jemand