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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
123-124
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Johann Wolfgang von Göthe.

die Welt so gewahrte wie er, daß nicht leichtjemand, der sein inneres Anschauen aussprach,den Leser in höherm Grade mit in das Be-wußtsein der Welt versetzt. Sie wird für unsvöllig durchsichtig wir finden uns auf einmalals Bertraute der Tugend und des Lasters, derGröße, der Kleinheit, des Adels, der Verwor-fenheit, und dieses alles, ja noch mehr, durchdie einfachsten Mittel. Fragen wir aber nachdiesen Mitteln, so scheint es, als arbeite er fürunsere Augen: aber wir sind getäuscht. Shak-speares Werke sind nicht für die Augen desLeibes. Ich will mich zu erklären suchen.

Das Auge mag wohl der klarste Sinn ge-nannt werden, durch den die leichteste Ueberlie-ferung möglich ist. Aber der innere Sinn istnoch klarer, und zu ihm gelangt die höchste undschnellste Ueberlieferung durchs Wort; denn die-ses ist eigentlich fruchtbringend, wenn das, waswir durchs Auge auffassen, an und für sichfremd und keineswegs so tiefwirkend vor unssteht. Shakspearc nun spricht durchaus an un-sern innern Sinn: durch diesen belebt sich so-gleich die Bilderwelt der Einbildungskraft, undso entspringt eine vollständige Wirkung, vonder wir uns keine Rechenschaft zu geben wissen;denn hier liegt eben der Grund von jener Täu-schung, als begebe sich alles vor unsern Augen.Betrachtet man aber die Shakspeare'schen Stückegenau, so enthalten sie viel weniger sinnlicheThat, als geistiges Wort. Er läßt geschehen,was sich leicht imaginiren läßt, ja, was besserimaginirt als gesehen wird. Hamlets Geist,Macbeths Hexen, manche Grausamkeiten erhal-ten ihren Werth durch die Einbildungskraft,und die vielfältigen kleinen Awischenscenen sindbloß auf sie berechnet. Alle solche Dinge gehe»beim Lesen leicht und gehörig an uns vorbei,da sie bei der Boxstellung lasten und störend,ja widerlich erscheinen.

Durchs lebendige Wort wirkt Shakspearc,und dieß läßt sich beim Vorlesen am bestenüberliefern: der Hörer wird nicht zerstreut,weder durch schickliche noch unschickliche Darstel-lung. Es gibt keinen höher» Genuß und kei-nen reinern, als sich mit geschlossenen Augen,durch eine natürlich richtige Stimme ein Shak-speare'scheL Stück nicht dcclamiren, sondern re-citiren zu lassen. Man folgt dem schlichtenFaden, an dem er die Ereignisse abspinnt. Nachder Bezeichnung der Charaktere bilden wir unszwar gewisse Gestalten, aber eigentlich sollenwir durch eine Folge von Worten und Redenerfahren was im Innern vorgeht, und hierscheinen alle Mitspielenden sich verabredet zuhaben, uns über nichts im Dunkeln, im Zwei-fel zu lassen. Dazu konspiriern Helden undKriegöknechte, Herren und Sclaven, Königeund Boten, ja die untergeordneten Figurenwirken hier oft thätiger, als die Hauptgcstallen.Alles, was bei einer großen Weltbcgebenheitheimlich durch die Lüfte säuselt, was in denMomenten ungeheurer Ereignisse sich in demHerzen der Menschen verbirgt, wird ausge-sprochen; was ein Gemüth ängstlich verschließtund versteckt, wird hier frei und flüssig an denTag gefördert; wir erfahren die Wahrheit desLebens, und wissen nicht wie.

Shakfcheare gesellt sich zum Weltgeist; er

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durchdringt die Welt, wie jener, beiden ist nichtsverborgen; aber wenn des Weltgeists Geschäftist, Geheimnisse vor, ja oft nach der That zubewabren, so ist es der Sinn des Dichters,

5 das Geheimniß zu verschmähen, und uns vor,oder doch gewiß in der That zu Vertrautenzu machen. Der lasterhafte Mächtige, der wohl-denkende Beschränkte, der leidenschaftlich Hin-gerissene, der ruhig Betrachtende, Alle tragen10 ihr Herz j„ der Hand, oft gegen alle Wahr-scheinlichkeit; jedermann ist redsam und redselig.Genug das Geheimniß muß heraus und soll-ten es die Steine verkünden. Selbst das Un-belebte drängt sich hinzu, alles Untergeordnete15 spricht mit, die Elemente, Himmel- Erd- undMeer-Phänomene, Doner und Blitz; wildeThiere erheben ihre Stimme, oft scheinbar alsGleichniß, aber ein wie das anderemal mit-handelnd.

Aber auch die civilisirte Welt muß ihreSchätze hergeben: Künste und Wissenschaften,Handwerke und Gewerbe, alles reicht seine Ga-ben dar. Shakspeare's Dichtungen sind eingroßer belebter Jahrmarkt, und diesen Reich-25 thum hat er seinem Vaterlande zu danken.

Ucberall ist England, das meerumflosscne,von Nebel und Wolken umzogene, nach allenWeltgegenden thätige. Der Dichter lebt zurwürdigen und wichtigen Zeit, und stellt ihre50 Bildung, ja Vorbildung mit großer Heiterkeituns dar; ja er würde nicht so sehr auf unswirken, wenn er sich nicht seiner lebendigen Zeit. gleich gestellt hätte. Niemand hat das mate-rielle Costüme mehr verachtet als er; er kennt55 recht gut das innere Menschen - Costüme, undhier gleichen sich Alle. Man sagt, er habe dieRömer vortrefflich dargestellt; ich finde es nicht;es sind lauter eingefleischte Engländer, aberfreilich Menschen sind es, Menschen von Grund40 aus, und denen paßt wohl auch die römischeToga. Hat man sich einmal hierauf eingerich-tet, so findet man seine Anachronismen höchstlobenswürdig, und gerade, daß er gegen dasäußere Costüme verstößt, das ist es, was seine45 Werke so lebendig macht.

Und so sei es genug an diesen wenigen Wor-ten, wodurch Shakspeare's Verdienst keineswegserschöpft ist. Seine Freunde und Verehrerwerden noch manches hinzuzusetzen haben. Doch50 stehe noch eine Bemerkung hier: schwerlich wirdman einen Dichter finde», dessen einzelnenWerken jedesmal ein anderer Begriff zu Grundeliegt und im Ganzen wirksam ist, wie an denseinige» sich nachweisen läßt.

So geht durch den ganzen Coriolan derAerger durch, daß die Bolksmasse den Vorzugder Bessern nicht anerkennen will. Im Cä^bezieht sich alles auf den Begriff, daß die D"-sern den obersten Platz nicht wollen eingenow'men haben, weil sie irrig wähnen, in Gesaniw^heit wirken zu können. Antonius und Cleo-patra spricht mit tausend Zungen, daß GeMwund That unverträglich sei. Und so würde ws»bei weiterer Untersuchung ihn noch öfter zu d -65 wundern haben.

Shakspearc, verglichen mir dc»Alten und Neuesten.

Das Interesse, welches Shakspeare's groß"'

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