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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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125-126
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Johann Wolfgang von Gotkc.

Geist belebt, liegt innerhalb der Welt, dennwenn auch Wahrsagung und Wahnsinn, Träume,Ahnungen, Wunderzeichen, Feen und Gnomen,Gespenster, Unholde und Zauberer ein magi-sches Element bilden, das zur rechten Zeit seine 5Dichtungen durchschwebt, so sind doch jene Trug-gestalten keineswegs Hauptingredienzien seinerWerke, sondern die Wahrheit und Tüchtigkeitseines Lebens ist die große Base, worauf sie ru-hen; deßhalb uns alles was sich von ihm her- 10schreibt, so ächt und kernhaft erscheint. Manhat daher schon eingesehen, daß er nicht sowohlzu den Dichtern der neuern Welt, welche mandie romantische genannt hat, sondern vielmehrzu jenen der naiven Gattung gehöre, da sein 15Werth eigentlich auf der Gegenwart ruht, under kaum auf der zartesten Seite, ja nur mitder äußersten Spitze an die Sehnsucht gränzt.

Deß ungeachtet aber ist er, näher betrach-tet, ein entschieden moderner Dichter, von den 20Alten durch eine ungeheure Kluft getrennt,nicht etwa der äußern Form nach, welche hierganz zu beseitigen ist, sondern dem innerstentiefsten Sinne »ach.

Zuvörderst aber verwahre ich mich und sage, 25daß keineswegs meine Absicht sei, nachfolgendeTerminologie als erschöpfend und abschließendzu gebrauchen; vielmehr soll es nur ein Ver-such sein, zu andern, uns schon bekannten Ge-gensätzen nicht sowohl einen neuen hinzuzufü- gogen, als, daß er schon in jenen enthalten sei,anzudeuten. Diese Gegensätze sind:

Antik.

Naiv.

Heidnisch.

Heldenhaft.

Real.

Nothwendigkeit.

Sollen.

Modern.Sentimental.Christlich.Romantisch.Ideal.Freiheit.Wollen.

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Die größten Qualen, so wie die meisten, 40welchen der Mensch ausgesetzt sein kann, ent-springen aus den einem Jeden inwohnende»Mißverhältnissen zwischen Sollen und Wollen,sodann aber zwischen Sollen und Vollbringen,sollen und Vollbringen, und diese sind es, die 45>hn auf seinem Lebensgange so oft in Verlegen-heit setzen. Die geringste Verlegenheit, die aus°>nem leichten Irrthum, der unerwartet undschadlos gelöset werden kann, entspringt, gibtAnlage zu lächerlichen Situationen. Die 50höchste Verlegenheit hingegen, unauflöslich oderünaufgelös'c, bringt uns die tragischen Mo-mente dar.

Vorherrschend in den alten Dichtungen istUnverhältniß zwischen Sollen und Voll- 55^wgen, in den neuern zwischen Wollen und^ ollbringen. Man nehme diesen durchgreifen-ei" Unterschied unter die übrigen Gegensätze"»weilen auf, und versuche, ob sich etwasIln^. leisten lasse. Vorherrschend, sagte ich, 60Jw ,n beiden Epochen bald diese, bald jenes^Ue; weil aber Sollen und Wollen im Men-Nnor radical getrennt werden kann, soIch hbn überall beide Ansichten zugleich, wenn

eine vorwaltend und' die andere unter- 65dem gefunden werden. Das Sollen wirdNus auferlegt, das Muß ist eine harte

»l,f V ^Wollen legt der Mensch sich selbst' es Menschen Wille ist sein Himnielreich-

Ein beharrendes Sollen ist lästig, Unvermögendes Vollbringens fürchterlich, ein beharrlichesWollen erfreulich, und bei einem festen Willenkann man sich sogar über das Unvermögen desVollbringens getröstet sehen.

Betrachte man als eine Art Dichtung dieKartenspiele; auch diese bestehen aus jenen bei-den Elementen. Die Form des Spiels, ver-bunden mit dem Zufalle, vertritt hier die Stelledes Soltens, gerade wie es die Alten unter derForm des Schicksals kannten; das Wollen, ver-bunden mit der Fähigkeit des Spielers, wirktibm entgegen. In diesem Sinn möchte ich dasWhistspiel antik nennen. Die Form diesesSpiels beschränkt den Zufall, ja das Wollenselbst. Ich muß, bei gegebenen Mit- und Ge-genspielern, mit den Karten, die mir in dieHand kommen, eine lange Reihe von Zufällenlenken, ohne ihnen ausweichen zu können; beimL'hombre und ähnlichen Spielen findet das Ge-gentheil statt. Hier sind meinem Wollen undWagen gar viele Thüren gelassen; ich kanndie Karten, die mir zufallen, verläugnen, inverschiedenem Sinne gellen lassen, halb oderganz verwerfe», vom Glück Hülfe rufen, jadurch ein umgekehrtes Verfahren aus den schlech-testen Blättern den größten Vortheil ziehen,und so gleichen diese Art Spiele vollkommender modernen Denk- und Dichtart.

Die alte Tragödie beruht auf einem unaus-weichlichen Sollen, das durch ein entgegenwir-kendes Wollen nur geschärft und beschleunigtwird. Hier ist der Sitz alles Furchtbaren derOrakel, die Region, in welcher -Oedipus überAlle thront. Zarter erscheint uns das Sollenals Pflicht in der Antigone, und in wie vieleFormen verwandelt tritt es nicht auf. Aberalles Sollen ist despotisch. Es gehöre der Ver-nunft an, wie das Sitten- und Stadtgesetz,oder der Natur, wie die Gesetze des Werdens,Wachsens und Vergehens, des Lebens und To-des. Vor allem diesem schaudern wir, ohne zubedenken, daß das Wohl des Ganzen dadurchbezielt sei. Das Wollen hingegen ist frei, scheintfrei und begünstigt den Einzelnen. Daher istdas Wollen schmeichlerisch und mußte sich derMenschen bemächtigen, sobald sie es kennenlernten. Es ist der Gott der neuen Zeit: ihmhingegeben, fürchten wir uns vor dem Entge-gengesetzten, und hier liegt der Grund, warumunsre Kunst, so wie unsere Sinnesart, von derantiken ewig getrennt bleibt. Durch das Sol-len wird die Tragödie groß und stark, durchdas Wolle» schwach und klein. Auf dem letztenWege ist das sogenannte Drama einstanden,in dem man das ungeheure Sollen > durch einWollen auslös'te; aber eben weil dieses unsrerSchwachheit zu Hülfe kommt, so fühlen wiruns gerührt, wenn wir nach peinlicher Erwar-tung zuletzt noch kümmerlich gerostet werden.

Wende ich wich nun, »ach Lorbe-

trachlungen, zu Shakipeare, so muß der Wunschentspringen, daß meine Leser selbst Vergleichungund Anwendung übernehmen möchten. Hiertritt Shakspeare einzig hervor, indem er dasAlte und Neue auf eine überschwängliche Weiseverbindet. Wollen und Sollen suchen sich durch-aus in seinen Stücken ins Gleichgewicht zusetzen; beide bekämpfen sich mit Gewalt, doch