127
Johann Wolfgang von Göthe.
128
immer so, daß das Wollen im Nachtheilebleibt.
Niemand hal vielleicht herrlicher, als er,die erste große Verknüpfung des Wollens undSollens im individuellen Charakter dargestellt.Die Person, von der Seite des Charakters be-trachtet, soll; sie ist beschränkt, zu einemBesondern bestimmt; als Mensch aber willsie. Sie ist unbegränzt, und fordert das All-gemeine. Hier entspringt schon ein «innererConflict, und diesen läßt Shakspeare vor allenandern hervortreten. Nun aber kommt einäußerer hinzu, und der erhitzt sich öfters da-durch , daß ein unzulängliches Wollen durchVeranlassungen zum unerläßlichen Sollen er-höht wird. Diese Maxime habe ich früher anHamlet nachgewiesen: sie wiederholt sich aberbei Shakspeare; denn wie Hamlet durch denGeist, so kommt Macbeth durch Hexen, Hekate,und die Ueberhexe, sein Weib, Brutus durchdie Freunde in eine Klemme, der sie nicht ge-wachsen sind; ja sogar im Coriolan läßt sichdas Aehnliche finden; genug ein Wollen, dasüber die Kräfte eines Individuums hinausgeht,ist modern. Daß es aber Shakspeare nicht voninnen entspringen, sondern durch äußere Ver-anlassung aufregen läßt, dadurch wird es zueiner Art von Sollen, und nähert sich dem An-tiken. Denn alle Helden des dichterischen Al-terthums wollen nur das, was Menschen mög-lich ist, und daher entspringt das schöne Gleich-gewicht zwischen Wollen, Sollen und Vollbrin-gen ; doch steht ihr Sollen immer zu schroffda, als daß es uns, wenn wir es auch bewun-dern, anmuthen könnte. Eine Nothwendigkeit,die, mehr oder weniger, oder völlig, alle Frei-heit ausschließt, verträgt sich nicht mehr mitunsern Gesinnungen; diesen hat jedoch Shak-speare auf seinem Wege sich genähert, denn in-dem er das Nothwendige sittlich macht, so ver-knüpft er die alte und neue Welt zu unsermfreudigen Erstaunen. Ließe sich etwas von ihmlernen, so wäre hier der Punkt, den wir inseiner Schule studiren müßten. Anstalt unsereRomantik, die nicht zu schellen noch zu ver-werfen sein mag, über die Gebühr ausschließ-lich zu erheben und ihr einseitig nachzuhängen,wodurch ihre starke, derbe, tüchtige Seite ver-kannt und verderbt wird, sollten wir suchen,jenen großen unvereinbar scheinenden Gegensatzum so mehr in uns zu vereinigen, als ein gro-ßer und einziger Meister, den wir so höchlichschätzen, und oft ohne zu wissen warum, überalles präconisiren, das Wunder wirklich schongeleistet hat. Freilich hatte er den Vortheil,daß er zur rechten Erntezeit kam, daß er ineinem lebensrcichen, protestantischen Lande wir-ken durfte, wo der bigotte Wahn eine Zeitlangschwieg, so daß einem wahren Nalurfeommen,wie Shakspeare, die Freiheit blieb, sein reinesInnere, ohne Bezug auf irgend eine bestimmteReligion, religiös zu entwickeln.
Vorstehendes ward im Sommer 18 k 3 ge-schrieben, und man will daran nicht marktennoch mäkeln, sondern nur an das oben Gesagteerinnern, daß Gegenwärtiges gleichfalls ein ein-zelner Versuch sei, um zu zeigen, wie die ver-
schiedenen poetischen Geister jenen ungeheurenund unter so viel Gestalten hervortretendenGegensatz auf ihre Weise zu vereinigen undaufzulösen gesucht. Mehreres zu sagen, wäre5 um so überflüssiger, als man seit gedachter Zeitauf diese Frage von allen Seiten aufmerksamgemacht worden, und wir darüber vortrefflicheErklärungen erhalten haben. Vor allen ge-denke ich Blümner's höchst schätzbarer Abhand-kv lung über die Idee des Schicksals in den Tra-gödien des Aeschylus und deren fürtrefflichcRecension in den Ergänzunqsbläktern der Je-naischen Literatur-Zeitung (1815 No. 12, 13j.Worauf ich mich denn ohne weiteres zu dem15 dritten Punkt wende, welcher sich unmittelbarauf das deutsche Theater bezieht, und auf jenenVorsatz, welchen Schiller gefaßt, dasselbe auchfür die Zukunft zu begründen.
20 m. Shakspeare als Theaterdichter.
Wenn Kunstliebhaber und Freunde irgendein Werk freudig genießen wollen, so ergötzensie sich am Ganzen und durchdringen sich von25 der Einheit, die ihm der Künstler geben kön-nen. Wer hingegen theoretisch über solche Ar-beiten sprechen, etwas von ihnen behauptenund also lehren und belehren will, dem wirdSondern zur Pflicht. Diese glaubten wir zu30 erfülle», indem wir Shakspeare erst als Dich-ter überhaupt betrachteten und sodann mit denAllen und den Neuesten verglichen. Nun abergedenken wir unsern Vorsatz dadurch abzuschlie-ßen, daß wir ihn als Theaterdichter betrachten.35 Shakspeare's Name und Verdienst gehörenin die Geschichte der Poesie; aber es ist eineUngerechtigkeit gegen alle Theaterdichter frühe-rer und späterer Zeiten, sein ganzes Verdienstin der Geschichte des Theaters aufzuführen.
40 Ein allgemein anerkanntes Talent kann vonseinen Fähigkeiten einen Gebrauch machen, derproblematisch ist. Nicht alles was der Vor-treffliche thut, geschieht auf die vortrefflichsteWeise. So gehört Shakspeare nothwendig in45 die Geschichte der Poesie; in der Geschichte desTheaters tritt er nur zufällig auf. Weil manihn dort unbedingt verehren kann, so muß manhier die Bedingungen erwägen in die er sichfügte, und diese Bedingungen nicht als Tu-50 genden oder als Muster anpreisen.
Wir unterscheiden nahverwandle Dichtung^arten, die aber bei lebendiger Behandlung aflzusammenfließen. Epos, Dialog, Drama, Thea-terstück lassen sich sondern. Epos fordert münd-55 liche Ueberlieferungen an die Menge durch eine»Einzelnen; Dialog, Gespräch in gcschloffenekGesellschaft, wo die Menge allenfalls zuhdelMmag: Drama, Gespräch in Handlungen,es auch nur vor der Einbildungskraft gefüb00 würde; Theaterstück, alles dreies zusammeninsofern es den Sinn des Auges mittigt und unter gewissen Bedingungen delU«und persönlicher Gegenwart faßlich ">erkann. „e
05 Shakspeare's Werke sind in diesem'Sam meisten dramatisch; durch seine Echlungsart: das innerste Leben hervorzukey ^gewinnt er den Leser; die theatralischen S ^rnngen erscheinen ihm nichtig, und so