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Johann Wolfgang von Göthe.
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er sich's bequem und man läßt sich's, geistiggenommen, mit ihm bequem werden. Wirspringen mit ihm von Localität zu Lokalität,unsere Einbildungskraft ersetzt alle Zwischcn-handlungen, die er ausläßt, ja wir wissen ihmDank, daß er unsere Geisteskräfte auf eine sowürdige Weise anregt. Dadurch, daß er allesunter der Lheatersorm vorbringt, erleichtert erder Einbildungskraft die Operation; denn mitden „Brettern die die Welt bedeuten", sind wirbekannter als mit der Welt selbst, und wirmögen das Wunderlichste lesen und hören, someinen wir, das könne auch da droben einmalvor unsern Augen vorgehen; daher die so oftmißlungene Bearbeitung von beliebten Roma-nen in Schauspielen.
Genau aber genommen, so ist nichts thea-tralisch als was für die Augen zugleich symbo-lisch ist; eine wichtige Handlung die auf einenoch wichtigere deutet. Daß Thakspearc auchdiesen Gipfel zu erfassen gewußt, bezeugt jenerAugenblick, wo dem lodtkranken schlummerndenKönig der Sohn und Nachfolger die Krone vonfeiner Seite wegnimmt, sie aufsetzt und damitfortstolzirt. Dieses sind aber nur Momente,ausgesäete Juwelen, die durch viel Untheatra-lisches auseinander gehalten werden. Shak-speare's ganze Vcrfahrungsart findet an dereigentlichen Bühne etwas Widerstrebendes; seingroßes Talent ist das eines Epitomatvrs, undda der Dichter überhaupt als Epitomatcr derNatur erscheint, so müssen wir auch hierShakspeare's großes Verdienst anerkennen, nurläugncn wir dabei und zwar zu seinen Ehren,daß die Bühne ein würdiger Raum für seinGenie gewesen. Indessen veranlaßt ihn geradediese Bühnenenge zu eigner Begränzung. Hieraber nicht wie andere Dichter, wählt er sichzu einzelnen Arbeiten besondere Stoffe, sonder»er legt einen Begriff in den Mittelpunkt undbezicht auf diesen die Welt und das Universum.Wie er alte und neue Geschichte in die Engezieht, kann er den Stoff von jeder Chronikbrauchen, an die er sich oft sogar wörtlich halt.Nicht so gewissenhaft verfährt er mit den No-vellen, wie uns Hamlet bezeugt. Romeo undJulie bleibt der Ueberlieferung getreuer, dochzerstört er den tragischen Gehalt derselben bei-nahe ganz durch die zwei komischen FigurenMercutio und die Amme, wahrscheinlich voniwei beliebten Schauspielern, die Amme auch*vohl von einer Mannsperson gespielt. Bctrach-tkt man die Oekonomie des Stücks recht ge-nau, so bemerkt man, daß diese beiden Figu-und was an sie gränzt, nur als possen-bnfte Jntcrmezzistcn auftreten, die uns bei un-isver folgerechten, Uebereinstimmung liebenden^snkart auf der Bühne unerträglich sein"'bffen.
Am merkwürdigsten erscheint jedoch Shak-lpeare, wenn er schon vorhandene Stücke re-'8irt und zusammenschneidet. Bei König Jo-Wnn und Lear können wir diese Vergleichung^stellen, denn die ältern Stücke sind nochvr>g. auch, m diesen Fällen ist er wieder
khr Dichter überhaupt, als Theaterdichter,lör ""^t uns denn aber zum Schluß zur Auf-in i!^ ^ Räthsels schreiten. Die Unvollkom-enhcit der englischen Bretterbühne ist uns
Kurz, Pros. «it. II.
durch kenntnißrciche Männer vor Augen ge-stellt. Es ist keine Spur von der Natürlich-keitsforderung, in die wir nach und nach durchVerbesserung der Maschinerie, der perspekrivi-5 schen Kunst und der Garderobe hineingewachsensind, und von wo man uns wohl schwerlich injene Kindheit der Anfänge wieder zurückführendürfte: vor ein Gerüste wo man wenig sah, woalles nur bedeutete, wo sich das Publicum1V gefallen ließ, hinter einem grünen Vorhang dasZimmer des Königs anzunehmen, den Trom-peter der an einer gewissen Stelle immer trom-petete und was dergleichen mehr ist. Wer willsich nun gegenwärtig so etwas zumuthen lassen?15 Unter solchen Umständen waren Shakspeare'sStücke höchst interessante Mährchen, nur vonmehrern Personen erzählt, die sich, um etwasmehr Eindruck zu machen, charakteristisch mas-kirt hatten, sich, wie es Noth that, hin und20 her bewegten, kamen und gingen, dem Zu-schauer jedoch überließen, sich aus der öden Bühnenach Belieben Paradies und Paläste zu ima-giniren.
Wodurch erwarb sich denn Schröder das25 große Verdienst Shakspeare's Stücke auf diedeutsche Bühne zu bringen, als daß er der Epi-tomator des Epiromakors wurde! Schröder hieltsich ganz allein ans Wirksame, alles anderewarf er weg, ja sogar manches Nothwendige,30 wenn es ihm die Wirkung auf seine Nation,auf seine Zeit zu stören schien. So ist es z. B.wahr, daß er durch Wcglassung der ersten Sce-nen des Königs Lear den Charakter des Stücksaufgehoben; aber er hatte doch Recht, denn in35 dieser Scene erscheint Lear so absurd, daß manseinen Töchtern in der Folge nicht ganz Un-recht geben kann. Der Alte jammert einen,aber Mitleid hat man nicht mit ihm und Mit-leid wollte Schröder erregen, so wie Abscheu10 gegen die zwar unnatürlichen, aber doch nichtdurchaus zu scheltenden Töchter.
In dem allen Stücke, welches Shakspcareredigirt, bringt diese Scene im Verlaufe desStücks die lieblichsten Wirkungen hervor. Lear15 entflicht nach Frankreich, Tochter und Schwie-gersohn, aus romantischer Grille, machen ver-kleidet irgend eine Wallfahrt ans Meer undtreffen den Alken, der sie nicht erkennt. Hierwird alles süß, was Shakspeare's hoher tragi-50 scher Geist uns verbittert hat. Eine Lerglei-chung dieser Stücke macht dem denkenden Kunst-freunde immer aufs neue Vergnügen.
Nun hat sich aber seit vielen Jahren dasVorurtheil in Deutschland eingeschlichen, daß55 man Shakspeare auf der deutschen Bühne Wortfür Wort aufführen müsse und wenn Schau-spieler und Zuschauer daran erwürgen sollten.Die Versuche, durch eine vortreffliche genaueUebersetzung veranlaßt, wollten nirgends gelin-gt» gen, wovon die Weimarische Bühne bei redli-chen und wiederholten Bemühungen das besteZeugniß ablegen kann. Will man ein Shak-spearisch Stück sehen, so muß man wieder zuSchröder's Bearbeitung greisen; aber die Re-gn densart, daß auch bei der Vorstellung vonShakspeare kein Jota zurückbleiben dürfe, sosinnlos sie ist, höpx man immer wiederklingen.Behalten die Verfechter dieser Meinung dieOberhand, so wird Shakspcare in wenigerS