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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Friedrich Heinrich Jacobi.

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und Begriffen da nicht eingehen könnt, undnun doch einmal beständig mit ihnen zu schaffenhabt: so seyd ihr in so fern schlimmer daranals sie selbst. Ihr zerstückt durch das alberneMitmachen eure ganze Existenz, macht sie vollZwist und Mißhelligkeiten. — Und ist es nichtwahr, daß ihr das Volk, von dem ihr euch ly-rannisiren laßt, nicht allein verachtet, sonderndaß ihr auch, wegen der Störungen die es euchallenthalben verursacht, dagegen aufgebracht,erbittert und nicht selten voll wahren Haffesseyd? — Und glaubt ihr, das merken dieseLeute nicht, ihr könnet ihnen das verbergen ?Obgleich in dem ganzen Haufen keiner dem an-dern recht gut seyn kann, so fühlen sie doch ge-gen einander einen gewissen Zug, der sie einigt,der sie zu einer Gemeine macht, und — dereuch absondert. Sie haben wider euch, was ihrwider sie habt; sie können euch nicht leiden,wie ihr sie nicht leiden könnt: das geht rich-tig gegen einander auf. Ihr aber beharrt nichtdestoweniger, wollt nicht ablassen von der Freund-schaft, wollt das gute Vernehmen nicht zer-stören, und — seyd überall die Betrogenen.

„Gewiß, ihr Guten! es klingt nicht lächer-licher als es ist. Und wenn es nur lächerlichwäre! Aber man kommt bey diesen wie bey allenArten von Nachäffungcn auf so mancherley Weisezu Schaden, und sollte daher nie als im äu-ßersten Nothfall sich zu etwas verstehen, wobeyes einem nicht ums Herz wäre. Ein großer,vielleicht der größte Theil des Uebels in derWelt würde mit einem Male daraus wegge-schafft, wenn ein jeder nur das und nichts an-ders begehren, verfolgen und ins Werk richtenwollte, als was ihm wirklich Freude macht.Aber wenige haben so viel Sinn, recht zu wissen,was sie wollen, und noch weniger den Muthsich daran zu halten. Dumpfheit des Gefühls,Verworrenheit des Herzens ist die allgemeine-Krankheit. Was einmal mit einer angenehmen«der unangenehmen Vorstellung in wiederholteBeziehung gekommen ist, darnach rennen dieweisten, oder fliehen es von nun an, ohneweiter zu sehen: und da diese Verknüpfungengrößtentheils bloß zufällig gewesen, oder, un-willkührlicher Weise, nur zu dem Ende veran-chffet worden sind, um gewisse, oft höchst un-gereimte naturwidrige Meynungen im Gehirnekest zu setzen, daß sie Bestimmungsgründe zuHandlungen würden, wozu sie denn auch ge-°eye„: so kann man von diesen Leuten mitallem Fug sagen, daß sie thun was sie nichtwollen; zumal wenn das seit verschiedenen Ge-erationen schon so fortgegangen und alle erstetsasicht, jeder anfängliche Trieb längst ver--s-auuide» und vertilgt ist. — Solche Menschen!"° in ihrer Gattung, was unter den Früchten^-annapfel ist: lauter Schale ohne FleischNd Saft, Hülse bis ins Herz. Und wer sichva„ macht und sie genießt, der wird es an, avm eigenen Leibe erfahren, an der Lerwand-"^seiner festen, flüssigen und geistigen Theile."L, .^aldemar zeigte seinen Freunden, wo ihrwar wirklich schon in Schale übergegangen>w ' "»d wie das Uebel, obgleich unmerklich,N Er weiter um sich greifen müßte. — Der-er behauptete er, wäre so gemacht, daßch mehr im Andern als in sich selbst fühlte.

Er könnte sich der Gesinnungen und Neigun-gen derer, mit denen er umginge, nicht erweh-ren , und gäbe unwillkührlich ihren Urtheilenund Meynungen nach. Im Grunde wäre dießeine Folge der besten und liebenswürdigsten Ei-genschaften seiner Natur, aber darum nicht min-der gefährlich. Denn mit eben jenen Eigen-schaften,, mit Sympathie, Gefälligkeit und Ehr-liche hiengen Nachäffung, Menschenfurcht undEitelkeit zusammen; es wären ihre natürlichenKinder, die sich oft gegen ihre Mütter auflehn-ten und ihre Mörder würden.

„Wo ist der Mensch, rief er aus, der sichvor der Ansteckung des Beyspiels bewahre» kann?Wo ist Einer, der sich nicht von Menschenfurchtin die Enge treiben läßt? Männer, welche tau-sendmal ihr Leben gewagt Haben, werden tau-sendmal zurückbeben, wenn sie mit ihren Grund-sätzen einem Nichtswürdigen, der an keineLugend glaubt und dessen spöttelnde Befrem-dung sie voraussehen, unter die Augen tretensollen. Heilige sind zu Sündern geworden insolchen Fällen.

„Was das ist im Auge des Menschen, diesGewaltige, welches schreckender ist als die Hölle,lockender als der Himmel? — Ich kann es nichterklären; aber es ist!"

Noch einmal sagte Woldemar: — „DerMensch fühlt sich mehr im Andern als in sichselbst. Unsere körperliche Gestalt können wirnicht gewahr werden, als in einem andern Kör-per, der sie vor uns abspiegelt; unsere Seelekann sich nicht empfinden, als mittelst eines an-dern Geistes, der ihren Eindruck aus sie zurück-wirft. Dieß ist der lebendige Odem in die Nasedes Erdenkloßes. Darum ertragen wir lieberjedes Elend, als eine gänzliche Einsamkeit;darum würden wir aus den herrlichsten Zau-bergärten entfliehen, wo wir alles hätten, nurkeinen Gefährten; — entgegen jedem Mangel,jedem Schrecknisse, um Menschen anzutreffen.

„Und hieraus folgt nun gerades Weges:daß uns das Daseyn unerträglich fallen müsse,wenn wir denen Menschen unerträglich sind, diewir um uns haben. Ihre Achtlosigkeit ist Ver-nichtung, ihre Verachtung Hölle.

„So offenbar richtig und so allgemein an-erkannt ist dieses, daß wir einmürhig es fürdas größte Unglück schätzen, wenn jemand umEhre oder guten Namen kommt; — daß wirvon einem Menschen, der über die Achtung sei-ner Mitbürger sich hinaus zu setzen im Standeist, auch das ärgste vermuthen; wir sagen vonihm: er mache sich aus nichts etwas, und füh-len, daß wir ihn damit in den Koth treten.

, „Auch im niedrigsten Pöbel lebt diese Em-pfindung und beherrscht ihn; auch er dehnt sie,instinktmäßig, sogar über die Person des ein-zelnen Menschen hinaus, weiß in dem was auchnicht mehr er selbst, sondern was nur zu ihmgehörig ist, .>hn zu ehren und zu beschimpfen.Wenn ein Hollunke den andern auf das em-pfindlichste kränken will, so schreit er ihm nach:dein Laier, dein Bruder hängt am Galgen;deine Mutter, deine Schwester sitzt im Zucht-hause ; du hast kein Hemd auf dem Leibe, deineKinder gehen betteln.

„Also, diesem unüberwindlichen Naturtriebezufolge, können wir nicht umhin, so bald wir

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