165
Friedrich Heinrich Jacobi.
616
erstaunlich auf, dies und was er weiter sagte.Ich schämte mich fast, daß ich Tische und Stühleim Hause hatte."
„Wirklich! setzte Henriette hinzu, kann Wol-demar unmöglich läugnen, daß er vor kurzemnoch ein ganz unerbittlicher Widersacher allerUeppigkeit gewesen ist. Er trieb es nicht alleinso weit, wie eben meine Schwester erinnerte,daß er auch die eigentlichsten Bequemlichkeitendes Lebens anfocht, sondern sein Haß erstrecktesich bis auf jedes Mittel, jede Veranlassung da-zu, bis auf Reichthum und Handel. Hundert-mal hat er den Spruch angeführt: Es ist leich-ter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe,als daß ein Reicher ins Himmelreich komme.Das Kameel war ihm oft nicht einmal großgenug, unk er gab uns einen Elephanten ein-zufädeln."
„Ja! rief Biderthal — lachend mit den kleb-rigen — Ja! und aus dem Seneka der Lieb-lingsspruch: Reichthümer höben die Mühselig-keiten des Lebens nicht auf, sondern verändertensie nur. Er nahm die Geschichte alter undneuer Zeiten zu Hülfe. . . ."
„Und erzählte vom Teufel, — fuhr Wolde-mar, seinen Bruder unterbrechend fort — vomTeufel, wie er einmal vor einer Kirche, auswelcher eine Menge Leute mit ihrem schönstenPutz herausgingen, stand, und einen andernZuschauer neben ihm fragte: Wer, nach seinerMeinung, wohl der hofsärtigste von allen diesenLeuten wäre? — Der gute Freund ließ sich dieZumuthung gefallen, rieth und rieth sein Mei-stes und Bestes — immer fehl! Endlich kamein Bauerkcrl mit einem elenden abgetragenenRock und — einem paar blanken gelben leder-nen Beinkleidern; der war es. — Der guteFreund, ein gottesfürchtiger Mann, lief demBauerkerl nach, und erzählte ihm seinen Vor-fall mit dem Teufel, den er zuletzt erkannthatte; sprach hierauf dem armen Sünder sokräftig zu, daß er auf der Stelle seine ledernenHosen auszog, und sie in den nächsten Grabenwarf. Als der Bekehrte nun, mit dem bloßenzerrissenen Hemde bedeckt, seine Straße zog,und die Leute große Augen über ihn machten,wurde er ein wenig verlegen. Er erholte sichüber bald; die gegen ihn gekehrten großen Au-gen singen an ihm zu behagen, und er verlangteseine gelben Hosen gar nicht wieder. — Nichtweit davon stand der Teufel; lachte in seinFäustchen, und bohrte dem frommen Manne,welcher ging und Gott dankte, einen Esel."
„Werthe Herren und Damen, ich finde dieß"°ch immer eine sehr lehrreiche Geschichte!"
. „Setzen wir den Fall, ein solcher Bauerkerl,^Isen Herz von einer ledernen Hose bestricktwrd, jst und dient um geringen Lohn.
lederne Hose liegt ihm Tag und Nacht in^^>anken; er kann das Verlangen nach ihrwcht los werden, sinnt und sinnt auf Mittel,ihm endlich der böse Feind den Rath in>e Ohren flüstert, seinen Herrn zu bemausen.
U'tttrliegt der Versuchung. Monate, viel-ha ^?hue gehen darüber hin, daß er aller-Ränke schmieden, immerwährend mit List,sck- ^ Lügen umgehen , Gott und Men-^in Herz verschließen muß. Endlich istGeld beisammen, die Hosen sind gekauft
und sitzen ihm am Leibe. Wie froh! Es ver-lohnte sich doch alles, was er dafür gethanhatte. — Wem er von seinen Bekannten in denWeg kommt, der staunt ihn an, und hat seinWunder an der Pracht. Das erhöht ihm denGeist, befriedigt ihn aber nicht. Um die Wir-kungen seiner Herrlichkeit in einer größer»Sphäre zu versuchen, eilt er nach der Kircheins Wirthshaus. Er spielt, er tanzt, — erverführt. — Zu Hause fällt ihm ein, was eran andern Bauerkerle» bemerkt hat, das so schönzu ihren ledernen Hosen stand, und ihm nochalles abgeht; an diesem ein Wamms von fei-nem Zitz; an jenem ein seidenes Halstuch unddergleichen. Seine liebe Hose wird ihm einEkelp seine Cameraden werden ihm verhaßt;feindselige Empfindungen und tobende Begier-den kehren sein Herz um und um — der armeJunge ist unwiderbringlich verloren."
„Seht, ihr Leute, das kommt von ledernenBeinkleidern: es ist eine gefährliche, abscheulicheSache darum! — Welcher nicht ganz unsin-nige Mensch wird so urtheilen? Freilich wares so bei diesem Kerl. Aber so mancher andreBursche seines Standes, dem etwa von Geburtein paar lederne Hosen angestammt sind, oderder zu harren weiß, bis er das Erforderlichezu ihrem Ankaufe rechtmäßig erworben hat;wird der nicht ohne alle Gefahr und Sündesich damit bekleiden? An sich hatten die leder-nen Hosen keine Schuld , das Uebel steckte alleinin dem Kerl selbst, der ihren Besitz so hoch,jedes andere dagegen so gering achten konnte:dessen ganze Seele mit einem solchen nichtswür-digen Gedanken zu füllen war."
„Und so ist es mit allem Luxus, von wel-chem , seiner durchaus relativen Natur wegen,nie ein fester Begriff statt finden kann. In derärmsten Bauerhücte, in dem Winkel eines Bett-lers, kann mehr Ueppigkeit im Schwange sein,mehr Unmäßigkeit, mehr Verschwendung undböse Lust, als oft in dem reichsten Pallast vollGlanz und Schimmer. Mein seidener Rock,den ich gewiß mit Unschuld trage, würde andem Leibe jenes andern von Thorheit oder garvon Laster zeugen. Person und Umstände ma-chen hier die Sache aus."
„Was den Luxus und mich insbesondere an-geht, so stehen wir auf einem sehr gleichgültigenFuße zusammen. Ich mag keine Pracht, weilich, anderer Neigungen wegen, sie nicht abwar-ten kann: weil sie müßig bei mir seyn und langeWeile haben würde. Ungefähr eben so geht esmir mit dem, was man, im eigentlichen Ver-stände, Bequemlichkeiten und Annehmlichkeitendes Lebens nennt: ich bin zu zerstreut, zu be-schäftigt, um viel darauf zu merken, — viel-leicht im Genuß der Dinge, woran ich hange,zu sehr verloren, überhaupt in meinen Neigun-gen zu heftig- — Vm, der andern Seite stehtmir bey allem dergleichen eine gewisse Trägheitim Wege, oder kommt mir doch bald dazwi-schen. -- — E6 fällt mir so manches ein indiesem Augenblick, fuhr er fort, wie es mirgegangen ist und wie es mir noch geht. — ZumBeyspiel, mit meinen Reitpferden. — Was ichfür eine Herrlichkeit hatte, da der lang gehegteWunsch nun endlich erfüllt war — und wiegeschwinde die Herrlichkeit ein Ende hatte! An-
5
10
>5
20
25
30
35
40
45
50
55
60
65