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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
167-168
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Friedrich Heinrich Jacobi.

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fangs ritt ich, bey Haib erträglichem Wetter,richtig alle Lage aus, und wäre mit Freudenzweymal ausgelitten; — hernach gingen Wa-chen hin, ohne daß ich Lust bekam aufzusitzen.Der Gedanke, daß die Pferde aus dem Stallemußten, siel mir gemeiniglich wie ein Steinaufs Herz. Ich sing an mich vor meinem Reit-knecht zu scheuen und ihm aus dem Wege zugehen. Kam er denn endlich doch, um mich zuerinnern, und setzte mir zu, und wies meine 10Entschuldigungen ab, und beunruhigte mein Ge-wissen: dann wurde ich ungeduldig, verdrieß-lich. — Und es kam dahin, daß ich keinen Fußmehr in den Stall setzte. Das nahm meinBursche auf, als läge mir nichts an meinen 15Pferden: er verlor den Respekt und wurde nach-läßig. Wollte ich nun unversehens einmal aus-teilen, so war der Kerl nicht bey der Hand;oder das Geschirr war nicht in Ordnung;und ich bekam allerhand zu sehen und zu hö- 20ren, das mich ärgerte. Lieh und Mensch ver-.darben durch meine schlechte Regierung. Ichschwur hundertmal das Ding zu endige». Aberdann erschienen, leider! wieder Augenblicke, woes mir so gelegen kam die Pferde zu haben, 25daß mir bauchte, ich möchte sie um alles in derWelt nicht missen. So schleppte ich mich überein ganzes Jahr. Meine sämmtlichen Freunde,Anverwandte und Bekannten gingen zur Parteymeiner Pferde und meines Stallknechts über, 30und lagen mir beständig damit in den Ohren —„Warum reiten Sie so selten?» — „Wozuhaben Sie nur die Pferde? Es ist zum Lachen!»

— „Wenigstens Ihrer Gesundheit zu Liebe rei-ten Sie doch!" — „Ich hole dich morgen ab!» 35

— „Da bin ich; wo sind die Stiefel? hurtig,angezogen und aufgesessen!» — und dergleichen.Zum Glück waren die Pferde bald hin; ichsollte neue nebst einem andern Stallknecht an-schaffen. Da erwog ich reiflicher; berechnete 40gegen einander; verglich: — und fand dieGründe für die Abschaffung meines Stalls, wiehundert gegen Eins. Mir war unaussprechlichwohl, da ich diese Last abgeworfen hatte. —Und, o! könnte ich mir nur eben so noch man- 45ches andre vom Halse schaffen! Zu allererstmeinen 'Bedienten. Ich habe so wenig für einenBedienten zu thun, und da muß ich nun dieentsetzliche Langeweile denken, die der Kerl hat,wenn er da sitzt, bloß um auf meine Befehle 50zu lauern, — oder, ich muß leiden, daß er her-um läuft. Lasse ich ihn herum laufen, so fehlt

er mir gerade wenn ich ihn am nöthigsten brau-che, wird liederlich, belügt und betrügt michund ich bin gezwungen ihn wegzujagen. Das 55ist nun immer ein unerträglicher Zeitraum fürmich, von dem Augenblick an, wo ich sehe, esist nicht anders, ich muß den Kerl abschaffen,bis dahin, daß er weg ist. Jedesmal, wenn icheinen neuen annehme, erzähle ich ihm die Ge- »0schichte seiner Vorgänger, sage ihm, wie ichbin und wie es mir die Leute zu machen pfle-gen , und wir philosophiern mit einander einlanges und breites darüber. Fängt der Kerlan nicht mehr zn laugen, so ermähne ich ihn 05brüderlich, bitte, warne; welches denn immerso viel hsifl, baß den Schlingeln die Thränenin die Augen komme», daß sie mich erstaunlichlieb haben, daß sie auf den Tod sich für mich

herum schlügen; aber denn doch nicht lassenkönnen was mich schiert. — Und, ach! das istso natürlich! — Nun bin ich aber fest ent-schlossen, wenn mir der Bursche, den ich jetzt5 habe, auch verdirbt, keinen wieder anzunehmen.»„Aus ähnlichen Ursachen mag ich keinen eige-nen Garten haben, wie süß es mir in hundertAbsichten wäre. — Und so durchgängig!»

„Alles dieses aber gereicht mit Nichten zumeinem Lobe. Es gibt viele wackere, geschäf-tige, vorzüglich nützliche Menschen, die einengewisse» ihrem Stande gemäßen Aufwand ohneMühe besorgen, denen das Erholung ist, unddie dabey auf eine so vernünftige und edle Weiseverfahren, daß ich gegen sie mit meinen einsa-men Licbhabereyen und mit meiner Peinlichkeitnicht auftreten darf. Diese Peinlichkeit, welchemich genügsam zu seyn nöthiget, hängt zwarmit einigen guten, zugleich, aber mit hundertschlimmen Eigenschaften zusammen, und laßtmir, wie sehr ich mich verwahre, dennoch dasLeben sauer genug werden. Aber, ich bin nuneinmal so; und da ich mich nicht verwandelnkann, so däucht es mir am besten, mich nachmeiner Gemüthsart zu bequemen, diejenige Lagein der Welt zu suchen, welche, nach dieser Ge-müthsart, die vortheilhafteste für mich selbst undfür meine Mitmenschen die unschädlichste ist. —Von niemanden begehre ich, daß er mehr thue;ich vermesse mich nicht, besser als der andereselbst zu wissen, was ihm sein Herz gebietetund worauf es ihm am meisten ankommt. Nurwünsche ich, daß er weise sey in seinem Theil,ein kluger Haushalrer, und zu seinen Zweckendie tauglichsten Mittel ergreife.»

„Wenn ich gegen den Luxus vor euch gepre-digt und die Vortheile des Reichthums herun-ter gesetzt habe; so war ich auf irgend eineWeise dazu von euch aufgefordert worden, undes geschah in freundschaftlicher Ergießung deSHerzens. Da mußte ich denn, nach meinerEmpfindung, behaupten: daß die Bequemlichkei-ten des Lebens in der That wenig Bequemlich-keit verschaffen; daß über der Arbeit, Mühe undSorge, 'Vergnügen und Ansehen zu erwerben:über der Arbeit, Mühe und Sorge, eine Mengtvon Lust- und Pracht-Maschinen zu lenken, sieim Gange und wechselseitigem Spiele zu erhal-ten, und ein großes Vermögen auf diese Weistzu genießen, leicht alle herzliche Freude, und,mit ihr, zuletzt aller Adel der Seele verlorengehe.»

„Damit aber habe ich nie zu sagen gedaap,daß man sich wirklich vorhandener, lange ange-wöhnter Bequemlichkeiten mühsam einschlagen-und den Reichthum, dadurch daß man ihn ntNverwalke und nicht gebrauche, sich zur Lastchen solle. Weder die Patriarchen noch die Ho-merischen Helden haben den Reichthum nnwas mit ihm verwandt ist von sich gewiesen^sie weideten sich in ihrem Ueberfluffe, aßen utranken so gut sie es nur haben konnten,hielten nicht wenig auf Schmuck und kost!Dinge. Noch unendlich mehr aberauf persönliche Eigenschaften, Tugend, -Religion , auf Geschlecht, Eltern und Gebt rland, auf Kinder, Gatte» und Freund: ^

so hatte alles gute Wege; wird es eben ^all haben, wo nur jedes Ding in seinem W