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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
169-170
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Fri cdrich Heinrich Jacvbi.

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bleibt und in gehörigem Umlauf. Nicht wasin den Menschen hinein geht verunreinigt denMenschen, sondern was aus ihm herausgeht.

An sich ist das Aeußerliche gleichgültig; undmir däucht die Einfalt des Herzens und der 5Sitten zeige sich eben darin, wenn man dasAeußerliche läßt wie es sich machen will, ohneweder auf die eine noch auf die andere Weiseetwas darin zu suchen oder zu setzen. UnterZweyen, wovon der Eine etwas darin sucht, 10daß er einen leinenen Kittel anlegt, und derAndre, daß er mit Sechsen daher rollt; ist je-ner ialles übrige gleich!» unstreitig der verkehr-teste, eitelste, leerste - tief in die Seele hinabunthätigste." 15

Während dieser Unterredung, wovon nurdas Wesentlichste hat mitgetheilt werden können,waren die Erfrischungen eingenommen, und derWald ziemlich durchkreuzt worden. Die etwasermüdeten Wanderer lagerten sich an einem 20Platz, der von niederm Gebüsche leer, ihnenrundum eine weite Aussicht in den Wald ver-stattete. Wie ein schöner Himmel zog undwölbte sich das Grün um sie her. Dorcnburghatte das Wort genommen, und philosophirre -25mit ungemeinem Scharfsinn wider Woldemarüber den wesentlichen Zusammenhang zwischenAeußcrlichem und Innerlichem. Er zeigte, wiefast alle Veränderungen, sowohl zum Gutenals zum Schlimmen, von Aeußcrlichem ihren 30Anfang nehmen: daß man, um eine schädlicheNeigung zu vertilgen, nicht eine gute danebenpflanzen, sondern an jene selbst Hand anlegenmüsse, wo denn allemal das erste sei, ihrenAusbrüchcn Einhalt zu thun. Er erinnerte an 35die Zucht der Alten, die sich so sehr mit demAeußeclichen beschäftiget hätten; deren erstesAugenmerk gewesen wäre, niedrigen Leidenschaf-ten zu begegnen; durch strenge AngewöhnungenTugenden — nicht zu erwecken, sondern ihnen 40nur den Weg aufzuräumen; nur die Seele frei,los und heiter zu machen. Diese Zöglinge wä-ren die edelsten Menschen geworden — ohneWunder; denn das unbethörte Herz ergebe demSchönen und Guten sich von selbst, und der 45lautere abgehärtete Sinn lasse es unbeweglichseyn in dieser edeln Liebe: Ueppigkeit aber be-thöre und zertheile das Herz, mache es unfähigin allem Guten.

„Gerade daran liegt es, sagte Biderthal. 50Nicht darum sind wir schlecht, weil wir nicht3»t sind; sondern wir sind nicht gut, darum,

!?eil wir schlecht sind. Die niedern Gegenständeünd uns so nah vor das Gesicht gerückt, daßlvir darum die höhere», auch mit den besten 55Äugen, nicht sehen können; wir sind voll Zwei-. in Absicht ihrer; läugnen wohl gar, daß sie? anders als im hitzigen Fieber gesehen wur-t», und glauben deswegen uns trefflich bera-.l>tn, indem wir eine sehr künstliche Zubcrei- 00H»S wissen — von Herzhaftigkeit aus Furcht,

°» Tugend aus Unmäßigkeil und Habsucht —

^ » allgemeiner Menschenliebe aus kahlem per-»lichcn Interesse, ja aus baarer platter Sin-

Fleisches-Lust; — indem wir, — ohne 65h. ,Alands- und Freiheits - Gefühl, ohne alles^ zilche Interesse, ohne Muth und ohne LiebeSt ^»».chtung von Tod und Wunden — mitvckprügeln hervorzubringen - Gefangene zu

unserer Wache und Beschirmung anzustellenwissen; - und glücklich und zufrieden zu seyn,ohne Tugend, ohne Unsterblichkeit und ohneGott. — Also sind unsre Augen aufgelhan;das tausendjährige Reich ist uns nahe, und wirverkündigen es mit einer Begeisterung, die auchneuer Art ist, — mir der abenteuerlichen Be-geisterung des Materialismus, mit dem En-thusiasmus der Gleichgültigkeit."

„Woher dieser Verfall? Dieser lächerliche,ich darf sagen — gräßliche Unsinn? Allein vonallherrschender Ueppigkeit! Bon der Meinung,die im Gefolge dieser Ueppigkeit sich nach undnach gebildet hat, „daß die Glückseligkeit einesMenschen im Besitz des möglich größten An-theils an Reichthümer», Beförderungen undEhrenstellen bestehe. — Was könnten wir nichtim Gegcntbeil vom menschlichen Herzen, unterUmständen, die diesem Begriff von der Glück-seligkeit in den Weg träten; oder unter demEinfluß einer entgegen gesetzten Meinung er-warten , die eben so fest und allgemein wäre;unter dem Einflüsse der Meinung, daß diemenschliche Glückseligkeit nicht im sinnlichenWohlleben, sondern in den freyen Aeußerungeneines wohlthätigen Herzens bestünde; nicht inReichthum oder nichtigen Vortheilen, sondernselbst in der Verachtung dieser Dinge, in derHerzhaftigkeit und dem freyen Muthe, die ausdieser Verachtung entspringen."

„Es ist mehrmals angemerkt und, besondersvon Rousseau, ins helleste Licht gestellt worden,daß diejenigen Bande der Gesellschaft, die ausWohlwollen und gegenseitiger Hochachtung be-stehen, unter uns nachgelassen; diejenigen Bandehingegen, welche Wollust und Eitelkeit zusam-men weben, und welche durch persönliches In-teresse angezogen werden, sich desto fester ge-macht haben: wie denn, in jedem Falle, dieAnstrengung der einen dieser Bande, die Rach-laffung der andern unausbleiblich nach sich zieht."

„Mir fällt hier, aus eben diesem Rousseau,eine Stelle ein, die einigermaßen auf dasjenigepaßt, was Woldemar vorhin sagte: man müssesich dem Stande und dem Jahrhundert, worinman sich befinde, gemäß verhalten und nichtKomödie spielen. Einer von Rouffeau's Geg-nern hatte gesagt: Große Staaten zu denkleinen Tugenden der Republiken zurückzurufen,hieße einen ausgewachsenen starken Mann zwin-gen wollen, in der Wiege zu stammeln. Dießsey Cato's Rarrheit gewesen. Mir angeerbterübler Laune und angeerbten Vorurtheilen, habeer sein ganzes Leben hindurch geschwatzt, hohegestritten und sey gestorben, ohne etwas nützli-ches für sein Vaterland gethan zu haben. —Hierauf antwortete Rousseau: — ^Jch weißnicht, ob Cato nichts für sein Vaterland gethanhat, aber ich weiß, daß er für das menschlicheGeschlecht sehr viel gethan hat, indem er ihmdas Schauspiel und das Muster der reinstenLugend gab: diejenigen, welche aufrichtig diewahre Ehre lieben, hat er gelehrt, wie man denLastern seines Jahrhunderts widerstehen könne:sie gelehrt, den greulichen Lehrspruch der Leutenach der Mode zu verabscheuen: man müssethun wie die ander»; ein Lehrspruch der einenweit führen könnte, wenn man unglücklicherWeise in eine Gesellschaft von Kartusche» ge-