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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
171-172
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Friedrich Heinrich Jacobi.

riethe. Unsere Nachkommen werde» dereinsterfahren, daß in diesem Jahrhunderr der Wei-sen und Philosophen, der tugendhafteste unterden Menschen lächerlich gemacht und für einenNarren gehalten worden ist, weil er seine große 5Seele nicht mit den Lastern seiner Zeitgenossenbesudeln, weil er kein Bösewicht seyn wollte mitCäsarn und den andern Verheerern seiner Zeit."

»Ich bin kein Cato, sondern Bürger undKaufmann zu B * *, und gedenke niemanden lOzum Beyspiel zu leben. Dorenburg eben sowenig. Wir wissen auch, daß wir die Tugen-den voriger Zeiten nicht einmal in uns selbsterneuern können ; daß sogar unser Sehnen nachihnen nicht viel mehr ist als des Blindgeborncn 15Sehnen nach Licht. Jenes Schöne und Kroße,das wir umfassen, an dem wir uns haltenmöchten: es ist zu weit von uns weg! wir kön-nen nur in trüber Ahndung uns ihm nähern,nur schweben um den wankenden Schimmer. — 20Die Erhebung unserer Seele ist nur ein Traum,den das erste zufällige Geräusch verjagt! —

Ach, die Empfindungen, die Gedanken, die nichtaus That hervor gegangen sind und gleichwieder hinzielen auf That, nicht im alltäglichen 25Leben unaufhörlich wiederkommen, wie Hungerund Speise, Müdigkeit und Ruhe, Arbeit undGenuß - mit diesen Gedanken/ mit diesenEmpfindungen ist der Seele wenig geholfen. —

Und so kann wohl niemand dem Verderbnisse 30seines Zeitalters gänzlich entrinnen, wie sehrer dieß Verderbniß auch erkennen und verab-scheuen mag: denn allein in seinem Zeitalterleibt und lebt er nun einmal. — Wie viel hie-mil gesagt ist, muß jeder fühlen, der über Mensch- 35heit nachgedacht, Menschheit in seinem eigenenBusen erforscht hat. Unsere herrlichsten Er-kenntnisse dienen am Ende uns nur zur müßi-gen Betrachtung; unsere erhabensten Gefühlenur zur einsamen unfruchtbaren Ergötzlichkeit! 40in unsern Handlungen aber werden wir vonandringendem Bedürfniß und von andringenderLeidenschaft geführt. Und das ist der Naturder Dinge gemäß. Begierde kann nur durchBegierde vertilgt, Leidenschaft nur durch Lei- 45denschafc überwunden werden: der Charaktersitzt nicht im Verstände, sonder» im Herzen. —Will man nun dennoch der allgemeinen Ver-derbtheit einigermaßen ausweichen, und etwasanders seyn als was der alltägliche Weltlauf 50gegenwärtig aus den Leuten macht; so mußman aus dem Strom heraus und sich in andreUmstände versetzen. Ich baue mehr auf denCharakter eines gemeinen Handwerkers, demsein Beruf seine Lebensart bestimmt, der fleißig, 55mäßig und ordentlich seyn muß, um das liebeBrod zu haben, als auf den Charakter des Mo-ralisten von Profession, der in beständiger Er-wägung des Guten und Schönen willkührlicheinher geht, und die ganze Summa tugendhaf- 00ter Ideen und Gefühle sich und andern aufzu-jücken weiß auf der obern Haut. — Wahrhaf-tig! jede gute Eigenschaft, die mir nicht ausdem Herzen werden kann, will ich denn Nocheher aus dem Magen erwarten und Herbeyschaf- 05fen, als allein aus dem Kopf. — Ich suchealso weiter nichts mit den Veränderungen inmeiner Lebensart, als eine Lage, die mich seynlasse, was ich zu seyn wünsche; eine Lage, worin,

nach Sokratischer Anweisung, meine Sinne ge-sund. mein Verstand heiter, und mein Willefrey erhalten werde. — Ohne Form, wie duweißt, kann nichts bestehen; und da sich mirin unsern Tagen keine Form anbietet, worin —meine besten Kräfte aufgefordert, erweckt undangewandt — ich zum höchsten Genusse derMenschheit gelangen könnte: so bilde ich mirselbst eine andre, die mich wenigstens vor allzutiefem Sinken bewahren wird; oder vielmehr,ich ziehe mich in die älteste lauterste Form derMenschheit zurück, indem ich allen eiteln beun-ruhigenden Freuden den Paß verhacke, denZerstreuungen ausweiche, meine Seele stillermache, und so jede einfache Naturneigung inmir empor bringe und stärke."

Biderthal hörte auf zu reden, und allesschwieg. Woldemar hatte sich entfärbt; dieAugen stunden ihm voll Wasser. Er raffte sichauf, und fiel seinem Bruder um den Hals.„Lieber!" sagte er zu ihm mit beklommenerStimme — „Lieber! . . Du hast mir aus demLiede meiner tiefsten Schwermuth vorgesungen.". . . . Sein Gesicht senkte sich gegen Bider-thals Brust, die Wehmulh überwältigte ihn.

Freunde! hub er an, indem er sich wiederin die Höhe richtete — Es ist wahr, nur allzuwahr, daß unser Leben in einen der trübstenZeitpunkte gefallen ist. Die edelsten Formender Menschheit sehen wir zertrümmert; undwenn wir nun auch Lieh werden wollen, wieuns die Weise» rathen: so sind wir, aus Man-gel an Leibeskräften, auch das zu seyn nichteinmal im Stande."

„Wir müssen dennoch, fuhr er fort, indem erBiderthals und Dorenburgs Hand ergriff —wir müssen dennoch Muth behalten, und, an-statt unter schönen Schwärmereien zu erliegen,uns empor schwinge» zu Wirklichkeit und Wahr-heit; — wir müssen auf dem Wege der Vor-sehung, wenn er auch noch so dunkel scheint/demüthig fortwandeln; thätig seyn auf der Stelle,wohin sie uns gesetzt hat; die große Weltmassevoran wälzen helfen: denn zurück wälzen wer-den wir sie nie. — Die Zeit ist vielleicht nalss-wo aus jenen zertrümmerten Formen eine neuezusammen fließen wird, — eine reinere undbessere. — Was wollen wir uns mit eitlesFlickwerk aufhalten? Der unsichtbare Geist, de»einmal, entwichen ist, wird in die verlasse»/Hülle nie zurückkehren ; er hatte sie ausgebrauuss,im Gebrauch sie zerstört. Nachbilden —das können wir einigermaßen: aber was ist d>elNachbildung? Eine hohle Wachöpuppe, in >»e'eher auch nicht einmal die innere todte Gest»zu finden ist; — geschweige bewegender L>rs.^nismus; — und geschweige die Seele! -7irren überhaupt, wenn wir glauben, cin Lwiffer Geist müsse nothwendig in eine ge>» i.Form, und in eine gewisse Form nothwe»ein gewisser Geist gebannt seyn. Man »^§mir irgend Eine, und gebe an, was »j//^,llihre nothwendigen Folgen ansieht; und ichzeigen, daß, unter verschiedenen Umständen,mehr als einem Orte diese Form da 3 hin-ist - ohne dergleichen Folgen hervor zugen. Ich will Gesellschaften ausweisen "fern Tagen, von denen sich beweisen laß, ^

sie die Hauptcharaktere an sich haben, übe