Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
173-174
JPEG-Download
 

173

Friedrich Heinrich Jacobi.

174

Abgang, als die einzige Quelle unseres Elen-des, so sehr gejammert- wird; und ich will dar-rhun daß diese Gesellschaften demohngeachtetaus den nichtswürdigsten Menschen bestehen."

Dorenburg bat um ein ausdrückliches beson-deres Beispiel.

„Ihr dürft euch nur an die Stadt -k ' undihren Bezirk erinnern, antwortete Woldemar.Ihr wißt, die Einwohner dieser volkreichen Ge-gend sind die emsigsten und ordentlichsten Leutevon der Welt; sie hangen mir Leidenschaft anihrem Beruf, an ihrer Familie, an ihrer Ver-fassung, an ihrer Religion, an ihren Wohn-plätzen: und dennoch, was für elende unglückli-che Menschen? Wie voll Neid und Bosheitgegen einander; wie voll Mißtrauen, Ungerech-tigkeit und Frevel? Ihre tückischen Herzen sinddem Wohlwollen, der Freundschaft - sind jederfrohen und edlen Empfindung verschlossen; ihreStirnen mit dem gehässigsten Eigensinn bezeich-net, mir Feindseligkeit gegen alles, was denmenschlichen Geist zu erheben dient."

Dorenburg wollte dieß Beyspiel näher unter-sucht haben.

„Rein, unterbrach ihn Woldemar, wir gehenkürzer in die Zeiten der Patriarchen selbst,eurer besten Originale, zurück. — Sagt, wares nicht in Abrahams Tagen, da Sodom undGomorrha untergingen und bewohnte nicht einevon diesen Städten der Erzvater Lot? — Wares nicht Abrahams Sohn, der dem Hunger,dem Raube, der Gewaltthätigkeit, bald hierhin,bald dorthin entlaufen mußte? - Waren esdicht die Söhne des noch ängstlicher herumge-gebenen , kummervollen, geplagten Erzvaters3acob, welche ihren Bruder Joseph, ausMiß-3Unst wegen eines bunten Rocks ermorden woll-ten, und hernach aus Barmherzigkeit an Scla-venhändler verkauften? — Und die andern Tha-ten dieser Söhne? . . - Verfolgt in diesemSinne die Jahrbücher der Welt, die ganze Reiheden Denkmalen in gebundener und ungebunde-ne Rede: Ihr werdet überall etwas finden,tv»s eure Formen-Systeme ziemlich erschüttern,Nich euern Unwillen gegen die Tage, worin"N leben, ein wenig mäßigen wird."

. „Schwerlich! erwiederte Biderthal; denn wasN das alles gegen den scheußlichen UnglaubenAr heuligcn Welt an Tugend und besscrc"snschheic, gegen ihre Verachtung alles Ueber-^ischcn und allein die Seele Beglückenden? —^ch fürchte mich daran zu denken."

. „Allerdings, antwortete Woldemar, ist hier

Abgrund des Verderbnisses; eine schreckliche,unvermeidliche Kluft, die, wie Tod und^ .trwesung, zum Uebergang in ein neues, viel-Uns besseres Leben vor unS liegt. Der vonj s betretene Weg brachte dieser Kluft unsveiü?t näher und näher. Wir habe» sie er-luk- ""b müssen nun hinüber. Lange genugwir fort persönliche Eigenschaften, Tu-iür k"' ?"vstrivde und Zustände anzupreisen,Mek ^ keinen Sinn mehr hatten, oder viel-

H die unsern Sinnen ganz entrückt waren.Mi; ,,I^bte„ und wollten unsere Glückseligkeit1ft,„-^vachrung — mit Hintansetzung wenig-büd es ^ Wollust und der Reichthümer suchen;tth "mr poch nichts mehr da, wofür wirthun konnten, als — Wollust und

Reichthümer. Keine der Bedürfnisse, welchedie Seele mit Gewalt erheben, waren mehrvorhanden; keine Gegenstände mehr, bessereund freywillige Bestrebungen zu erwecken."

„Und nun?« sagte Biderthal vor sich.

„Und nun, fuhr Woldemar fort, stand einMann auf, der es frey heraus sagte: Wirschätzten nur die Wollust, hätten nur unsereSinne, gerade fünfe an der Zahl, und keinHerz und keinen Geist: nur Begierden, undkein unmittelbares Gefallen am Menschen, keineLiebe: die Tugend, die sich selbst lohne, sey einHirngespinnst."

„Wer Ohren hatte zu hören, der hörte.Ganz Europa siel der neuen Lehre bey. Manwußte ihren Urheber nicht genug zu rühmen,und nicht genug ihm zu danken."

„Und in der That war es ein großes, denGeist seiner Zeit so zu fassen, wie es Helvetiusgethan hatte; die leeren Schatten vollendszu verjagen; alle bloße Dunstgestalten zu zer-streuen; und aus den einzig wirklich vorhande-nen Materialien ein neues System von Lugendund Glückseligkeit aufzuführen, das so schönund bündig war, als es aus dergleichen Mate-rialien nur immer werden konnte. — Daß eraber diese Materialien durchaus und überall fürdie einzigen hielt, und nun glaubte und zu be-haupten wagte. Sakrales und Epiktet, undCurius, Melellus, Sülly, Alfred — Helden,Heilige und Weise, alle, groß und klein, hät-ten im Grunde nichts anders vor Augen ge-habt, als was auch Er, Generalpachter vonFrankreich, vor Augen hätte, und wären nurnicht klug genug gewesen, um, wie er, genugzu wissen was sie wollten,— wodurch sie dennin den mancherley Irrgärten der Lugend wärenherum getäuscht worden, und darüber das Einsdas Noth ist, den bessern Theil, wirklich zu er-häschen versäumt hätten: - dieß zeugte voneiner Taubheit des Herzens, und einer Lersun-kenheit der Lebensgeister, welche in jeder gesun-deren Seele die widrigste Mischung von Mitlei-den, Unwillen und Ekel erregen mußte."

„Allein dieser gesunderen Seelen waren nichtviele unter denen, welchen die Stimme desPropheten der Sinnlichkeit erscholl, weil diemeisten fanden, daß er wunderbar ihr eigenesHerz ihnen offen gelegt harte, und sie riefenlaut-, dies wäre die reine volle Stimme derNatur. — Das hörten die Jünglinge — undsie wurden weise wie ihre Vater; lernten dieVorschriften der alten Sittenlehre verspotten;den blinden Enthusiasmus für Tugend undEhre in ihrem Herzen verlachen; alle das un-nütze Zeug von sich wegthun, „was doch keineFreuden verschaffen könnte, die sich nicht aufeine weit vollkommnere Art aus dem Rosenbe-kränzten Becher, und von den Lippen einerschönen Cyane saugen ließen." Jeder demnacheiferte die kahlen Umschweife zu vermeiden, undgerade auf das Ziel loszugchen; niemand wollteder Betrogene seyn, und sich durch Alfanzereyenvon Lugend und Ehre hinter das Licht führenlassen, Spiel - Marken anstatt des Geldescinsäckeln- Und so verschwanden vollends Tu-gend und Ehre, wie auch das Geld verschwin-den würde, wenn die Metalle ihren eigenthüm-lichen innern Werth bey uns verlören. Die

5

10

15

20

25

30

35

4 »

45

50

55

60

65