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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
175-176
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Friedrich Heinrich Jacobi.

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Folgen dieser Vernichtung des Edelsten undBesten haben wir gesehen, und sehen sie, leider!noch. Aber die Menge der Hinabgesunkenenwird, hoffe ich, die Kluft bald gefüllt haben.Zu umgehen war sie nicht; alles nahm zu ge-waltsam die Richtung nach ihr hin. UnsreHerzen waren durchaus eitel geworden, und dader Mensch den Trieben des Herzens allein docham Ende folgt; wozu hätte es genutzt, daßdiese länger geläugner, länger verstellt geblie-ben wären? Daß sie offenbar wurden, dass sieeine Zei.lang allein herrschten, ungehindert alleihre Wirkungen hervorbrachten, war unendlichbesser. Denn so tief konnte bey dem allen derMensch nicht sinken, daß er irgend eine Eigen-schaft seiner Gattung ganz verloren hätte. Ebenso wenig konnten alle und jede Veranlassungenaufhöre», diejenigen Kräfte in ihm aufzurufen,in deren Anwendung er den besten Genuß seinesDaseyns von jeher gefühlt hat und auf alleZeiten hinaus fühlen wird. Er mußte also beyseinem unselige» Versuch bald der Dürftigkeitdes Zustandes inne werden, auf den er sich sotreuherzig einschränken wollte. Aus dem wie-derholten, obgleich nur dunkeln Gefühl dieserDürftigkeit mußte allmählig eine deutlichereErkenntniß hcrvorgehn; aus dieser Erkenntniß,so lange der einmal gefaßte Unglaube an einBesseres fortdauerte, Verzweiflung; und ausdieser Verzweiflung, eine betrübte, niederschla-gende Resignation. Wir kennen diese philoso-phische Resignation, dieses höchste Gut, odervielmehr dieses Ende der Weisheit unserer Hel-den und Heiligen der Sinnlichkeit, der zufolgesie über die Nichtswürdigkeit s über den uner-träglichen Ekel, der sie verzehrt, durch die Wis-senschaft dieses Ekels und dieser Nichtswürdig-keit sich zu trösten suchen. Eine dürre fürch-terliche Wüste!"

„Aber sie hat einen Ausgang. Er ist schwerzu finden; doch wird er gefunden. Ich selbstkenne einige Zurückgekommene, die nun mitvoller Seele an der Tugend höchstes Wesenglauben. — »Da mich, sagte einer von diesenzu mir, ein guter Geist durch tausend Krüm-mungen an einen Ausgang des Labyrinths ge-leitet hatte, und ich nun einen Pfad, der sichin gerader Richtung vor mir hinzog, betrat,gelangte ich bald in Gegenden, wo mir wurde,als erwachte ich aus einer tiefen Ohnmacht.Warmes Blut trat mir ans Herz, und meinHerz fing an hoch zu schlagen. Mein innerstesBewußtseyn erwachte. Ich erblickte eine neueWelt, empfing ein neues Daseyn. Unerschüt-terlich wurde nun meine Ueberzeugung, daß diethierischen Triebe nicht unsere ganze Naturausmachen: daß der beste Genuß unseres We-sens uns nicht von unten herauf, sondern vonoben herab kommt, — der Mensch nicht alleinvom Brode lebt; - und daß die höchste Glück-seligkeit nicht eine gewisse Art des äußerlichenZustandes, sondern eine Beschaffenheit des Ge-müths, eine Eigenschaft der Person ist."

»Gewiß, Meine Freunde, wird die Anzahlder Zurückkommenden sich vermehren. Je wei-ter diese Unglücklichen von der Tugend entferntwaren; je unschuldiger — oder je gewissenloserdurch eine gänzliche Verblendung; desto tiefereWurzeln- wird der wieder erlangte bessere Glaube

in ihre Herzen schlagen. Sie haben empfun-den, wie dem Menschen bald zu Muthe wird,der, ohne Widerhalt, endlich jedem, auch demkleinsten Reiz zur Lust unterliegen muß; welche5 Schwäche, welche Niederträchtigkeit den Abgöt-tischen umfaßt und gefangen nimmt, dem aufjedem Schritt ein elender Gegenstand voll All-macht entgegen kommt; welcher Umgang ineiner Gesellschaft von lauter dergleichen Götzen-10 sclaven ist, die, ohne Selbstständigkeit, ohneZuversicht und ohne Liebe, wie Gespenster durch-einander schweifen, — in dringcndern Momen-ten ihre Sehnerven fast zerreißen, um einenZug der Wahrheit von einander zu erhäschen;15 einen Blick, um sich mit Vertrauen hineinzu-hacken; — sie haben empfunden, wie schwer dieErrettung aus diesem jammervollen Zustandeist; wie es demjenigen, der lange jedem seinerTriebe nachhing, und nicht einmal die Vor-20 schrifccn seines Eigennutzes zu befolgen wußte,wie es dem so schwer, ja beinah unmöglichwerde, sich den unwandelbaren Gesetzen derRechtschaffenhcit treulich zu unterwerfen; undwie dennoch eine solche Unterwerfung ohne Aus-25 »ahnte und nachherige Klügelet), Lugend undCharakter allein zu sichern vermöge."

»Eine» Augenblick! so ungern ich Sie un-terbreche; fing Henriette an. — Sollte daswahr sein, daß die Erfahrung des Lasters den,:!0 der glücklich durchkommt, zu einem desto bes-seren und weiseren Menschen mache? Ich glaubebeobachtet zu haben, daß der volle Abscheu,welchen die Unschuld vor dem Laster fühlt, mirdieser Unschuld »nwiderbringlich verloren gehe-l!5 Eben so die volle Liebe zum Guten und Schö-nen. — Die bezaubernden Reize des Lastersverderben die Einbildung, verwirren, durch dieEinbildung, den Verstand, und lassen in demHerzen, das sich ihnen hingab, eine unheilbare40 Schwäche zurück. Die reinste Seele, wenn üb-rigens keine zu große Verschiedenheit der Kräftevorhanden ist, wird sich immer auch als diestärkste beweisen. Ich weiß auch kein Beispiel-daß ein Lasterhafter, durch Erfahrung belehrt,45 bloß aus sich selbst anderes Sinnes gewordenwäre; immer hatte er seine Veränderung einerglücklichen Begebenheit zu verdanken, wo ih'^Unschuld in den Weg trat, ihn anblickte, odcihren unbefleckten Mund wider ihn aufrhat- 's50 Zuverläßig, mein Freund, liebt derjenige am 'stcn das Gute als gut, der es nie verließ! --andern unterwerfen sich bloß der Tugend,liebkosen ihr; dieser ist der Tugend Freund!»Wahr! wahr! rief Woldemar aus - „

55 Licht leuchtet so hell, als das Licht einer Se ^voll Unschuld, und der Friede aus der -v ^übertrifft alle Vernunft und Erfahrung- ^denke mit Schaudern an den Wetterstrahl - ^

aus einer einfältigen Rede oft in mein60 fuhr und mich zu Schanden machte. — ^seliebe Henriette, ich glaube nicht widerWahrheit geredet zu haben. — Hören Sw

stanzt . ,v>r

»So weit die Geschichte reicht,

65 Tugend und Laster in wunderlicher ,^ch

in einer Vermischung, die wie rm,'-saussieht: beide überall mit gewissen außFormen der Lebensart, der Gesetzgcbu . .der Religion gleich unzertrennlich ver