177
Friedrich Heinrich Jacobi.
178
nirgend Tugend in eigener Gestalt. — Diebloßen Triebe zum Gute» und Edel», unge-läutert und sich selbst überlassen, diese Triebemit ihren unmittelbaren zufälligen Aeußerun-gen, sind noch nicht die Tugend; sie mache»nur ihren Stoff aus. Diesen Stoff hat dieZeit analysirt, eine Menge Scheidungen damitvorgenommen, mit dem Geschiedenen allerhandMischungen versucht. Jede dieser Mischungenerhielt ihr eigenes Gefäß und Siegel. Einigeläuterten sich schön. Zerbrach nun aber dasGefäß, oder bekam es eine Oeffnung; so ver-flog der Geist, und hinterließ wenig mehr, alsGeruch. Mit allen bisherigen Formen derMenschheit ist es so ergangen. Gute und schlechtehaben unter einander sich zertrümmert; alle inUnwesen sich enlbildet; sind zusammen ein un-geheures Chaos geworden, das noch gährt: dieOberfläche eine scheußliche Lache; die vermischteAusdünstung Gestank!'"
„Einige Form — muß jedem Dinge bleiben;und so behält auch der Mensch auf alle Fällewenigstens die Form seiner besondern Thierhcit.Diese war es nun, wohinein er alles flüchtete,was er noch zu retten gewußt hatte, und erwendete an ihre Ausbildung seine gesummtenKräfte."
, „Der Erfolg war zum Erstaunen ; nichts war'hm noch in dem Grade gelungen. Verfeinerte,ausgearbeitete Lhierheit, dachte er, müßte alsowohl seine eigentliche wahre Bestimmung seyn;und er verdoppelte die Schritte. — Nicht lange,so wähnte er sich nahe an der höchsten Voll-kommenheit seiner Natur. Er jubelte, taumeltevor Stolz. Das Thier, und das Thier allein,sollte und wollte sich nun alles in allem seyn;sollte und wollte von keinem Geiste mehr wissen,weder in ihm, noch über ihm. Und damit ent-floh der letzte Funken ächter und alter Tugend."
„Aber auch ohne Lugend kann der Menschvicht dauern, so wenig als ohne Speise und-"ank. Er mußte also — oder vielmehr er*vuß, denn in diesem Zeitpunkte befinden wirv»s eben, - er muß - erwirb, durch seinenMenschlichen Instinkt gezwungen, aus den Tic-ken seines Wesens sich eine Tugend wieder her-schaffen."
. »Und diese Tugend, da sie, allen nur ersinn-sUhen Hindernissen zuwider, aus seinen noth-wendigsten und dringcnsten Trieben, wie von!?bst hervorgegangen ist, muß und wird ihmw Geheimnisse seiner Natur und seiner Glück-^"gkeit Heller offenbaren, als es noch keinenorm bisher zu thun vermögend war."
»Ich weiß nicht, erwiderte Biderthal, ob duN^klich neue Ideen in mir erweckest, meinemth^stände eine wahrhaft neue Erleuchtung mit-fink ' °ber ob du mich nur blendest. — Ichdxx *>och am Ende immer den Gedanken wie-daß Lugend aus Begriffen nicht viel mehrHa ^" Fantom sein kann. Die erste gutetigff°kung, wenn ich so reden mag, die vcr-Gec»^ wurde, geschah ohne Vorschrift, ohnebat; <-°s>ne Absicht auf ihre Güte; ihren Lohndes k ^ dey sich j» der Befriedigung des Lrie-wied/s sw forderte; und so wurde sie jedesmalholt, wenn eine ähnliche Gelegenheit sichskel,t°s- Wo Tugend lebendig ist, da de-sto auf diese Weise. Es ist damit wie mit
K»rz, Pros. <>j,.
5
1V
15
20
25
30
35
40
45
50
60
65
der Freundschaft, die sich nicht machen, nichtzusammensetzen läßt, sondern durch gegenseitigesVerhältniß, wie aus Einem Stücke, entwederda ist, oder nie da seyn wird; ohne unmittel-baren Geschmack ist sie eitel Heuchelet). — Alleswas sich von den Vortheilen der Tugend, von denFreuden , die sie begleiten, von ihren Triebfedernin Gedanken aufbewahren, gleichsam, verzeihe mirein niedriges Gleichniß — einsalze» und in denRauch aufhängen läßt — ist so weit hergeholt,so schwach und so schwindend! — Und dergleichenGedanken sollen denn doch sinnliche Begierdenüberwältigen; mit ihrer Vereinigung soll eineForm sich bilden, worin unsere Kräfte coagu-lirt, zu einem undurchdringlichen Ganzen höch-ster Vortrcflichkeit werden! — Ich begreifedavon nichts — begreife noch weniger von einerLugend in eigener Gestalt, die aus unsern drin-gendsten Trieben wie von selbst hervor gehenkönnte. Denn es gibt doch wohl kein innerli-ches Bestrebe» im Menschen, das nicht durchden Reiz eines Gegenstandes außer ihm zuerstwäre in Bewegung gesetzt worden. So wenigunser Angesicht sich in sich selbst beschauen kann:so wenig kann es unsere Seele. Sie wird ih-res innern Wesens nur durch Anstoß und Ge-genwirkung gewahr. Zur Entdeckung unsererbesten, reinste», unsinnlichsten Freuden gelang-ten wir indem wir sinnlich handelien. Undobschon wir dergleichen Empfindungen nachherabzusondern, einigermaßen in uns aufzubehaltenvermögen; so können sie doch in dieser Abgezo-genheit nur auf eine sehr düstere und hinfälligeWeise bestehen; sie gleichen, wie ich schon vor-hin bemerkte, einem Lraumgesichr, und bedür-fen einer immerwährenden Erfrischung durchwiederholte That. Tugend also muß mit Be-dürfniß und Leidenschaft zusammen fließen, wennsie zuverläßig seyn soll; Lage und Umständemüssen zu Hülfe kommen, damit sie durch täg-lichen Gebrauch zur Angewöhnung werde! —Wen» nun diese Lage, diese Umstände" . . -
„Du verfällst in Wiederholungen, sagte Wol-demar: so kommen wir nicht weiter. Was duvorbringst, ist mir so wenig entgegen und fremd,daß ich meine eigenen Wendungen und Wortein deiner Rede wieder finde; nur gehst du imVerbinden und Folgern ziemlich einseitig undflüchtig zu Werk."
„So viel ist gewiß, daß sich Tugend nichterklügeln läßt, und daß gute und edle Gesin-nungen nur aus guten und edlen Neigungenund Trieben hervorgehen können."
„Auch das mag wahr seyn, daß unsre Seele,eben so wenig als unser Angesicht, sich in sichselbst zu beschauen im Stande ist, und daß sieihres Wesens nur durch Anstoß und Gegenwir-kung innc wird."
„Aber sie wird es denn doch i»ne, und siegelangt zur Beschauung ihrer selbst in unaussprech-lichen Gefühlen. Sie, ihr inneres Wesen, ihr wun-derbares Ich. wird und ist in allen Menschen sichselbst ein Gegenstand der Empfindung, der Be-trachtung, der Freude und des Schmerzes, desWohlgefallens und des Abscheus, und zwar dernächste, wirklichste, fruchtbarste und interessantestevon allen. Da wir den Werth der Dinge außer unsnach ihren Wirkungen auf uns bestimmen, so mußunsere eigene innerliche Beschaffenheit, weil sie uns12