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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
181-182
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Friedrich Heinrich Jacvbi.

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Kreise herausgesetzt, so verlöre» sie alle Haltungund begingen die niederträchtigsten und schändlich-sten Dinge. Die Ursache hievon? Sie waren nurfür Sparta, nicht für die Menschheit erzogen;ihre Lugend war eine bloß bürgerliche Tugend!"

„König Pausanius zog, als die Ehre seinesLandes, gegen den Mardonius zu Felde. Alsdieser in der Schlacht gefallen war, und einBundesgenosse vorschlug, an dessen Leichnam diedem Leonidas von den Barbaren zugefügteSchmach zu rächen, so schalt ihn der Held undsagte: Sparta suche seinen Ruhm in der Mä-ßigung, nicht in einer niedrigen Rache. Erstellte kurz darauf zwey Gastmale an; das Einemit Asiatischer Pracht, das Andre mit Lacedä-monischer Einfalt. Der Kontrast war auffal-lend: und Pausanius rief aus: Welche Starr-heit von einem Mardonius, der so köstlich zuleben gewohnt ist, Leute anzufallen, die allesentbehren könne»! — Und nun, wie plötzlichfiel er dennoch ab, und wie häßlich ist nichtdie Geschichte seiner Berrätherey?"

„Andern Lacedämonischen Heerführern, diein ähnliche Umstände versetzt wurden, ging esauf eine ähnliche Weise; dergestalt, daß sogarein Gylippus, der Befreyer von Syrakus,nachdem er eine Menge großer Thaten verrichtethatte, der Versuchung unterlag, die ihm an-vertrauten zugesiegelten Geldsäcke heimlich auf-zutrennen, und sein Vaterland auf die nieder-trächtigste Weise zu bestehlen. — Eine Prü-fung von Lysanders Leben würde uns noch weitandere Dinge sehe» lassen; aber ich übergeh ihnlieber und lasse auch den Agesilaus unangefoch-ten. - Genug: wenn ich die Lugend diesesVolkes an sich, und dabey noch die Hinfälligkeit°leser Tugend betrachte; so scheint sie mir derMartern, womit sie erkauft wurde, und desvpfers so vieler herrlichen und schönen Gefühle°er Menschheit nicht werth. Ich wenigstens,wenn ich Kinder hätte, würde nie, um ihnen^lese Lugend zu verschaffen, sie einer jährlichenGeißelung, auf den Tod um den Altar der^>ana, den Vorübungen zu diesem gräßlichenSchauspiel, und der Aussendung aus Straßen-raub und Meuchelmord dahin geben."

„Was die wirklich großen und tugendhaftenMänner aus den übrigen Staaten Griechen-wndes angeht, so hatten diese sicher ihre Vor-teflichkeic nicht allein der bürgerlichen Ver-jüng, worin sie lebten, und den öffentlichenTitten zu verdanken, sondern eben so sehr, undelleicht in merklich höherem Grade, den Leh-ä der Weisheit, wovon sie durchdrungen wa-Der große Haufe, den allein die Form- ° gemeine Sitte bildete, war schlechter alsx? uns. Wer die alte Geschichte aus ihrengrell " geschöpft hat, kann dieß mit Händenein? cn. 2n Wahrheit, man weiß nicht wiedie A geschieht, wenn die Gesinnungen,sv^ Meinungen und den Wandel dieser Völker,etw^ öffentlichen als Privatangelegenheitenerst "?bcr sich vor Augen stellt. Ich lassiel den Lhvcydides wieder, und mir

je»e als hatte ich sie noch nie gelesen,

jlrix ^ auf, welche vor dem Peloponnesischenäton^ Athenischen Gesandten zu Lacedä-

Biindes wurde. Dse Athener hatten ihren»genossen allerhand Drangsale angethan,

so daß diese zuletzt sich empörten und zu Spartaum Beystand flehten. Da vertheidigten sich dieAthener nun, unter andern, durch folgendeGründe: „Auch ihr, o Lacedämonier, sagten5 sie, habt ja des PeloponneseS Staaten, die ihrbeherrscht, nach eurem Vortheil eingerichtet.Und hättet ihr euch damals, als Sparta ganzGriechenland anführte, auf immer behauptet,und bey der Herrschaft verhaßt gemacht, gleich10 wie wir; so würdet ihr wahrlich die Bundsge-nossen nicht weniger drücken, und euch gezwun-gen sehen, entweder mit Nachdruck zu herrschenoder euch selbst in Gefahr zu setzen. Eben soist auch unser Verfahren weder seltsam, noch15 der menschlichen Sitte entgegen, wenn wir dieangetragene Herrschaft angenommen haben, unddiese nicht vermindern, von den wichtigstenGründen genöthigt, von Ehre und Furchr undNutzen! Auch ist solches keine Neuerung von20 uns; sondern ein beständiges Gesetz: daß derSchwächere von dem Stärkeren gebändigt werde.Ferner dünkten wir uns selbst der Herrschaftwürdig, und schienend auch euch, so lange bisihr, die sonst den Nutzen erwogen, die Gerech-2 g tigkeit jetzt in Anschlag bringt; welche noch kei-ner, wenn auch mit Gewalt etwas zu gewin-nen war, vorzog, und den höher» Vortheilvernachläßigte. . . . Wer die Macht zu zwingenhat, bedarf keiner Gerichte" u. f. w."zg „Eben diese Athener hören wir, einige Jahrespäter, den Meliern, die von ihnen unabhängigwaren, drohend einschärfen: daß sie Leute vorsich hätten, die wohl wüßten, daß man dasgenaueste Recht in menschlichen Angelegenheiten,gg nur unter Personen, die sich unter einerleyUmständen befänden, zum Maaßstabe der Ent-scheidung mache; wer hingegen die überlegeneMacht in Händen habe, der gehe so weit alser könne, und der Schwächere müsse sich darein4 g ergeben ... So hielten es die Menschen alle,mir Bewilligung der Götter, die nicht anderewären.b

„Perikles, in der Ermunterungsrede an seineaugenblicklich feig gewordenen, schon vor Spartagg kriechenden Mitbürger, beschwört sie, bey ihrentyrannischen Anmassungen selbst, nicht davonabzustehen, da sowohl Gefahr als Ehre, einebilligere Denkungsart auf das dringendste ver-böten."

gg „Dieselben Gesinnungen finden wir in denübrigen Staaten Griechenlands, so daß sie auchdie Bürger unter einander entzwcylen, wovonimmer der eine Theil den andern zu unterjo-chen strebte, und den Vortheit des Stärkerengg für den allgemeinen Geist der Gesetze ansah.Sticht die Entfernung wiUkührlichcr Gewalt,sondern ihren Besitz wünschte sich das Volk;nicht die allgemeine Herrschaft der Gesetze, son-dern die Herrschaft über die Gesetze. Welcher6g Despotismus aber kann wohl schlimmer seyn,als Pöbel-Despotismus? Was verderblicher,als das Ringen nach Ansehen und Einfluß beyeiner thörichten ungeschlachte» Menge, die allesstraft, was ihr nicht gefällt: Lugend, oft und65 hart; das schlaue Laster aber, selten? „Auchdie beste Erziehung, sagt Plato lJm VI. B. d.Rep.j und die edelste Seele ist nicht im Standehiegegen auszuhalten, und wir werden niemalsunter solchen Umständen einen wahrhaft tugcnd-