Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
187-188
JPEG-Download
 

187

Friedrich Heinrich Iacobi. 188

hältnissen entsprungenen Gesinnung beyzumessen.Eines Brutus, eines Cato will ich nicht ein-mal erwähnen, so ungünstig jeder Tugend auchschon damals Roms Verfassung war; sonderneines Soranus, eines Helvidius, eines Thrasea,die in Zeiten lebten, deren Verderbniß schaudernmacht. Bon Soranus und Thrasa sagt Ta-citus, daß Nero, nach Hinrichtung so vielergroßer Männer, in diesen beyden endlich dieTugend selbst auszurotten gestrebt habe. Ichweiß nichts rührenderes und nichts größeres alsdas Ende des letzteren. Da man ihm die Bot-schaft seiner Verurtheilung brachte, war er ineiner Unterredung mit dem Philosophen De-metrius über die Natur der Seele begriffen.Er ging dem Quästor entgegen, und hieraufmit Helvidius und Demetrius in sein Zimmerhielt die Adern an beyden Armen hin, und alsdas Blut floß, rief er den Quästor näher,spritzte es über die Erde und sagte: libemussov, liboralori! Jupitern dem Befreyer! . . .O Freunde! - Der Mensch ist durchaus ge-brechlich und wandelbar in seinem Thun; aberwo er noch einige Größe, einige Standhaftig-keit zu beweise» vermag, da vermag er es al-lein durch irgend einen hohen Begriff, der inseiner Seele herrschend geworden ist; da han-delt er aus Vernunft, die das Leben des Gei-stes — Gefühl der Gottheit und ihrer Kraft ist."

Henrictte sprang auf, ergriff WoldemarsHand, drückte sie an ihr Herz und wollte sieküssen- In den Augen der klebrigen stand esdeutlich, daß sie Theil an Henriettens Empfin-dungen nahmen, in ihren Dank willigten, undim Grunde des Herzens ihn bestätigten.

„Die Sonne ist untergegangen, sagte Wol-demar; wir sind tief im Walde: laßt uns auf-brechen, meine Freunde!«

Es war ein schöner Heimweg für alle.

Woldemar wurde noch über seine Aussich-ten in eine bessere Zukunft befragt: Was ereigentlich hoffe; ob er ein Ende sähe; undwelche Ordnung der Dinge alsdann seyn würde?

Woldemar bekannte, daß er kein Ende sähe.

„Alle Veränderungen, die mit der Mensch-heit vorgingen, sagte er, veränderten nur hieund da ihr äußerliches Ansehen, ohne jemalsihre Art zu verändern, und dem Sittlichenüber das Unsittliche wirklich die Oberhand zuverschaffen. Der große Haufe der Menschenbliebe in demselben Grade eigensüchtig, gewalt-thätig, thierisch — von Herzen lasterhaft. Zueinem äußerlich sittlichen Verhalten bequemtensie sich nur aus Noth, der Verträglichkeit we-gen: und sp würden auch ihre innerlichen frey-

willigeren Tugenden nur aus Unbehagen er-zeugt, nur um mit sich selbst einigermaßenleben zu können. Diese wie >enes, Gerechtigkeitund Weisheit würden zu den Mühseligkeiten5 des Lebens, zu den beschwerlichen Ausgaben ge-rechnet, und man hielte für die Einnahme,was ungestraftes Laster, willkührliche Gewalt,leichter und vollkommener verschafften. Kurz,die Menschen im Durchschnitte sähen es für10 ihren Vortheil an, dem bessern Theile ihrerselbst, der eigentlichen Humanität, allen mög-lichen Abbruch zu thun, und ihre Brutalitätin Freyheit zu setzen. Da es immer so ge-wesen wäre; und, nach seinem Urtheil immer15 so bleiben würde, wenn nicht in dem Wesenselbst des Menschen eine Veränderung vorginge,wodurch das Verhältniß seiner Neigungen undKräfte umgekehrt würde: so hätte er aus vol-ler Ueberzeugung wider die zu hohe Meinung20 seiner Freunde von den vergangenen Zeilen sichauflehnen und die gegenwärtige Periode, als— vielleicht — mit besseren Dingen schwan-ger in Schutz nehmen können. Denn der sitt-liche Trieb im Menschen könnte zu wirken und25 auch in Absicht des Ganzen der Menschheit sichthätig zu beweisen nicht aufhören: er wäre diewahre eigentliche Menschenenergie: Gott imMenschen. Der Gegenstand dieses Triebes wäre— Tugend in eigener Gestalt; nämlich: reine50 Tugend, Tugend als Zweck an sich. Auf einebewundernswürdige Weise hätte sich diese Ener-gie in Zeiten, wo Unsittlichkeit und Unvernunftalles zu verschlingen drohten, mehrmals bewie-sen. Welcher Gestalt sie unsern gegenwärtigen55 Bedürfnissen zu Hülse kommen würde, darüberhätte er keine Vermuthung; nur dünkte ihm,eine große Veränderung zum Bessern — oderder jüngste Tag müsse vor der Thüre seyn.Er verließe sich darauf, daß Gott im Verbor-1» gcncn regiere. Das Vergangene wäre ihm ebenso räthselhast, als die'Zukunft dunkel; dochhätte Geschichte und Beobachtung ihn so vielgelehrt, daß in allem und durch alles ein freyesWesen herrsche, welches wir vergeblich zu bin^45 den suchen. Dieß nicht sehen — dem Gottemit Gewalt entfliehen, so gar ihn unterwerfenzu wollen, wäre Geist der Zeit — Aber Erwürde sich zeigen — unüberwunden!«

Das Waldgcspräch, und was aufdem M/N50 Rückwege bey zunehmender Dämmerung, wäh-rend ein Stern nach dem andern hervorkam,und man beym Zuhören gleichsam dem Himmelin die Augen sah, noch war geredet worden,halle tiefe Eindrücke und einen lebhaften Reiz55 zum weiteren Nachdenken zurück gelassen-

Johann Heinrich Pestnlozzi.

Vrundsätze dcr Erricssling.

Erstem l vierter) B t i c f. war ein Mensch, wie alle seyn sollten,^

ganz gewiß das hohe Bewußtseyn, der Mc> ^Freund. Das Zeugniß des schlichten Mcn- ist ei» selbststandiges Ganzes und hat

chensinncs an der Grabstätte des Edlen: er so weit einen ihn in sich selbst und in >