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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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189-190
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Johann Heinrich Pestalozzi.

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Umgebungen befriedigenden Werth, in so ferner als ein solches in allen Verhältnissen ist,was er seyn soll, zu seinem Fundamente.

Und wenn der liefere Forscher der Men-schennalur das Wort aussprichl: der Menschmuß in seiner Bildung, wenn man ihn nichtdurch dieselbe schlechter machen will, als erohne Einmischung irgend einer Art künstlicherBildungsmitrel hätte werden können, als einselbstständiges Ganzes ins Auge gefaßt und be-handelt, er muß so gebildet werden, daß alleinnere wesentliche Elemente und Triebfedernseiner Natur harmonisch angeregt, und in allein,was er ist, und zu allem, was er thut, zugleichund gemeinsam wirksam gemacht werden, sodenkt er bey diesem Wort im Wesentlichen nichtsanders, als was der schlichte Menschensinn jedenbraven Mann fühlen macht, der beym Grabeeines Edeln aussprichl: Er war ein Mann,wie wir alle seyn sollten.

Jeder tiefere Forscher der Menschennaturmuß am Ende dahin kommen, zu erkennen, daßdie Bildung des Menschen kein anderes Zielhat, als die harmonische Entwicklung der Kräfteund Anlagen, deren gemeinsames Beyeinander-seyn aus ihm selbst von Gotteswegen ein heiligzusammengeflochtenes Ganzes ausmacht; er mußam Ende seines Forschens immer dahin kom-men, einzusehen: —

Der Mensch ist nur dann, was er seynsoll, wenn er dahin kommt, daß die, denen erdas Leben dankt, die, so ihr Leben ihm danken,eben so wie die, die entferntere Bande desSchicksals ihm an die Seile gegeben — seineRachbaren, seine Dorfs- und Vaterlandsgenos-se», und vorzüglich die Verlassenen, die Nolh-leidenden und Unterdrückten unter ihnen, —chm das Zeugniß gegeben: er war ein Mann,auf den man Kopfs-, Herzens- und Berufs-halber zählen konnte; er zeigte in allem, worü-ber er urtheilte, einen gesunden Verstand, inallem, wozu er riech, was er unternahm undü>ozu er half, einen kraftvollen, jeder Anstren-gung und jeder Ausharrung fähigen Charakter,Und in jedem Bcgegniß, das sein Herz ansprach,einen unbestechlichen Geradsinn, eine allgemeineWohlwollende Liebe und einen zu jeder weisenAufopferung fähigen, höher» Sinn; und indemulso die Resultate seines geübten Verstandes,seines höher» Sinnes und seiner gebildetenThatkraft in dem ganzen Umfange seines Wir-kungskreises sich wechselseitig durchdrängen, mußteulles, was er that, nothwendig ihn selbst undüble sxjne Verhältnisse befriedigen und er da-Urch alg ein Mensch, wie alle seyn sollten,»erkannt und als ein solcher geschätzt und ge-ubt werden.

Der Mann aber, der sein Kind zu diesem«uele der Vollendung seiner selbst erheben will,

sbb er ein tiefer Forscher der Mcnschenna-ur oder ein schlichter Mann im Lande, dessen^uzcs Denken an seinem Thun, wie die Frucht^ Baumes an ihrem Aste hängt, blühet und— der Mann, der aus seinem Kindeden 'E' "as es seiner Statur gemäß »ver-sus c " werden soll, muß sich vor allemUnd was liegt, erstens, im Kinde selbst,

du» ö>veytens, in seinen nothwendigen Umge-»gen und Verhältnissen, das die Natur für

die Bildung aller Menschen benutzt und wodurchsie aller dießfälligen Kunst ein sicheres Funda-ment und eine sichere Richtschnur vorweist undan die Hand gibt?

5 Die Beantwortung der zweyten Frage aberhängt durchaus von der Beantwortung der er-sten ab, und es ist „ur durch ihre genugthuendeAnmerkung und Auflösung möglich, die zweytezu beantworten. Beyde zusammen ine Auge10 gefaßt, ist offenbar, daß Anlagen zum Fühlen,Denken und Thu» im Kind selber, und Reizzum Denken außer ihm der ganze Umfang allesdessen sind, was die Natur benutzt, uin denMenschen also seiner Natur gemäß zu bilden,15 und was sie hinwieder zu diese»» Endzweck derKunst als ein sicheres Fundament und eineuntrügliche Richtschnur vorweist und an dieHand gibt.

Voin Gefühl, von der Thätigkeit und von20 den Reizen zu beyden ist alles ausgegangen,»vas der Mensch an Kräften und die Mensch-heit an Ausbildungefortschritten unsers Ge-schlechts im ganzen Umfang seiner Kultur vor-weist ; und das Leben des Menschen und seines25 Geschlechts ün Allgemeinen betrachtet ist nichtsanders, als eine immerwährende Aeußerungund ein gemeinschaftlicher Wechsel des Fühlelis,des Thuns und der Reize zu beyden. Wennman dann aber den ganzen Umfang des Füh-50 lens, des Thuns und der Reize zu beyden insAuge faßt, so fällt es auf, das Heilige, dasGute, das Bildende, das den Menschen zurharmonischen Vollendung Führende von alleindiesein, geht von einem allgemeinen Mittelpunkt55 aus, und dieser ordnet, .leitet, belebt und be-schränkt dasselbe nach einem höhern Sinne desinnern Heiligthums unserer Natur.

Und nun ist unwidersprechlich iin ganzenUmfang der menschlichen Ge,ühle das Gefühl40 der Liebe iin Kinde dasjenige Gefühl, das dasWesen des höhern Sinnes der Menschennaturallein rein aussprichl und der Mittelpunkt ist,von dem alles übrige Fühlen geordnet, geleitet,belebt und beschränkt werden muß, um sich mir45 dem höhern Sinne unserer Natur in seinemganzen Uinfang in Harmonie zu erhalten.

Hinwieder ist ebenfalls im ganzen Umfangdes menschlichen Thuns die Geistesthätigkeic,die, indem sie in und' mit Liebe in unserer50 Natur entquillt, das Wksen dieses höher» Sin-nes rein aussprichl, diejenige Thätigkeit, vonder alles übrige Thun des Menschen geleitetgeordnet, belebt und beschränkt werden muß'wenn es eine harmonische und vollendete Enr-55 Wicklung der Anlagen unserer Natur und da-durch ihre wirkliche und untrügliche Veredlungbezwecken soll.

Liebe und eine mit Liebe iin Kinde entquel-lende Gcistesthärigkeit sind also offenbar der00 gemeinschaftliche positive und unveränderlicheAnfangspunkt, von welchem die Entwicklungaller Anlagen zu unserer Veredlung ausgehtund ausgehen muß.

Es ist durchaus keine Möglichkeit denkbar,05 aus dein Kinde des Menschen auf dieser Weltdas zu machen, »vas es werden und seyn soll,um unter seinen Mitmensche» als ein edles,seinen Lagen und Verhältnissen genugthuendcs,in sich selbst befriedigtes Wesen zu erscheine»,