Johann Heinrich Pestalozzi.
192
191
die nicht von der Sorgfalt ausgehen sollte, Liebeund eine sein gesammtes Dasen» umfassendeGeistesthatigkeit in ihm allgemein zu entwickelnund bevde in ihm in Uebereinstimmung zubringen. 5
Der Mensch als ein, sich über die Ansprücheder Sinnlichkeit zu erheben, fähiges und zu er-heben verpflichtetes Wesen, findet die Mittel,seiner Bestimmung ein Genüge leisten zu kön-nen, in nichts anderm als in dieser Ueberein- INstimmung seiner Liebe und seiner Thätigkeit.
Es ist aber auch für diese Erhebung zuseiner Bestimmung und zu seiner Pflicht sounbedingt und so vollendet organisirt als dieTendenz zu dieser Erhebung selbst vollkommen 15human, das ist, von Liebe ausgehend, auf Thä-tigkeit ruhend und mit Freyheit gepaart ist.
Zweyter (fünfter) Brief. ^
So wie die Organisation unserer Naturfür die Erhebung unserer selbst zur Liebe undzur Thätigkeit, unserm Wesen und unserer Be-stimmung genugthuend, in uns selbst liegt, alsoliegt auch in den nothwendigen von Gott selbst 25geordneten Umgebungen und Verhältnissen desKindes eine erhabene Organisation vielseitigerdem Wesen unserer Natur und unserer Bestim-mung gcnugthuendcr äußerer Reize, Antriebeund Belebungsmittel der in uns liegenden all- 3«gemeinen UrHraft unserer Selbstveredlung durchLiebe und Thätigkeit.
Und so wie das Heilige, das unsere NaturErhebende, das uns selbst unserer VollendungNäherbringende in allem unserm Fühlen und 35in allem unserm Thun, von dem Gefühl derLiebe und von einem aus der höbcrn Thätigkeitunserer geistigen Natur entquellenden Bewußt-seyn, als von dem unabänderlichen Mittelpunktaller Veredlungsmittcl unsers Wesens ausgeht 40— eben so geht das Heilige, das Erhebende,das unsre Natur Vervollkommende des Ein-flusses der Reize aller Umgebungen und allerVerhältnisse des Kindes für seine Liebe undseine Thätigkeit, von seinen Eltern und von 45seinen Verhältnissen zu ihnen als von dem Mit-telpunkte aus, durch dessen belebten Zusammen-hang mit allen seinen übrigen Umgebungen undVerhältnissen diese letzter« ihm in Rücksichtihres Einflusses auf seine Bildung für Liebe 50und Thätigkeit etwas ganz Anderes, etwas weitHöheres und etwas weit Edleres werden müs-sen, als sie ihm ohne diesen Zusammenhang niegeworden wären, und nie hätten werden können.
Alles, was das Kind an Leib und Seele 55gedeihen machen soll, geht, wie es innerlich vomKind selbst ausgeht, äußerlich von Vater- undMutter- Sorgfalt aus, hängt durch tausendBerührungspunkte mit ihr zusammen, und istwesentlich von ihr unzertrennlich und abhängig. 00
Darum muß auch alles, was je als tüchtigangesehen werden soll, den möglichen Fall desMangels der Sorgfalt wirklicher Eltern zu er-setzen, in den Hjejfl dieser Sorgfalt hinüber ge-tragen und künstlich zu dem gemacht werden, 05was es in der Wahrheit nicht ist.
Wenn auch Vaier und Mutter, sey es mo-ralisch, geistig oder physisch, dem Kinde man-geln, so muß ihm der Vater- und Muttersinn
in der Erziehung, wenn es durch denselben zurMenschlichkeit erhoben werden soll, in seinemWesen nicht mangeln, er muß ihm durch alleMittel kirchlich oder bürgerlich für seine Erzie-hung gegeben werden; geschieht das nicht, somangelt dem armen, verwaisten Geschöpf, trotzaller Schulen, die ihm offen stehen und trotzaller Brod- und Kleiderhülfe, die es erhält, daserste äußere Fundament seiner Bildung zurMenschlichkeit.
Aber so wie dieser da ist, so wie das Kinddie Sorgfalt genießt, die eine nothwendige Folgedieses Sinnes ist, komme sie dann im Fall derNoth auch vom fremdesten Manne her, so istder Eindruck, den das Kind genießt, der Ein-druck der Liebe, in dem ein, sein ganzes Wesenin Anspruch nehmender Reiz zur Gegenliebe,zum Dank, zum Vertrauen und zu aller innernund äußern Thätigkeit liegt, zu der diese Reizedie höher« Anlagen unserer Natur hinzubrin-gen vermögen.
So ist dieser Eindruck geeignet, den physi-schen und moralischen Mangel wirklicher El-tern dem Kinde in Absicht auf das Bedürfnißder wesentlichen Bildungsmittel zur Menschlich-keit, wenigstens bis auf einen gewissen Punktzu ersetzen; durch das Heilige der Vater- undMutter-Sorgfalt erhebt sich der ganze Umfangder Umgebungen des Kindes über den Tod ihresbloß physischen Einflusses auf sein sinnliches Da-seyn zu Mitteln der Befriedigung der Geistes-und Herzens-Bedürfniffe eines höhern mensch-lichen Lebens.
Jeder Bissen Brod, den das Kind ißt, wird— wenn die liebende Mutter ihn ihm in dieHand gibt, — für seine Bildung zur Liebe undThätigkeit etwas ganz anderes, als wenn esdiesen Bissen auf der Straße findet, oder vonfremder Hand empfängt.
Der Strumpf, den sie ihm vor seinen Au-gen strickt, ist ihm für seine Bildung zur Liebeund Thätigkeit etwas ganz anderes als einStrumpf, den es auf dem Markte kaust, odersonst anzieht, ohne zu wissen, woher er in seineHand gelangt.
Der Eindruck der Mutterliebe, der demKinde irgend einen Genuß bereitet, ist der Ein-druck eines unvergänglichen höhern innern Le-bens, er ist der Eindruck eines, das ganze Sey»des Kindes in Anspruch nehmenden Reizes zu*Gegenliebe, zum Dank, zum Vertrauen und Zstaller innern und äußern Thätigkeit, zu der diedurch diesen Reiz geweckten Anlagen unsersNatur uns zu erheben vermögen.
Daraus erhellet, warum das häusliche Lebe"als das einzige von Gott selbst gegebene äuße^Fundament der wahren menschlichen Bild""»angesehen werden muß. ^
In ihm allein liegt der ganze Umfang dReize, der Beweggründe und selbst der Ndund des Zwanges, durch welches dieAnlagen unsers Geschlechtes als göttliche ^walthabcrin in uns entwickelt und gegründe -
Das Band des häuslichen Lebens istnein Wesen ein Band der Liebe, unddas von Gott gegebene Weckungsmittcl
Thätigkeit für Liebe.
In seiner Reinheit ist dieses Leben ^Höchste, das. Erhabenste, was für die Erz> /