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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
193-194
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Johann Heinrich Pestalozzi.

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unsers Geschlechts auch nur gedacht und ge-träumt werden kann.

Es ist unbedingt wahr: wo Liebe und Thä-tigkeit für Liebe im häuslichen Kreise warhaststatt finden, da darf man zum voraus ausspre- 5chen, seine Erziehung kann im Wesentlichenbeynahe nicht mehr fehlen; das Kind muß, eskann beinahe nicht anders als gut werden. DerErfolg seiner Erziehung ist in dieser Rücksichtbeynahe nothwendig, und man darf beynahe lomit Bestimmtheit anssprechen, wo immer dasKind des Menschen nicht wohlwollend, nichtkraftvoll und thätig erscheint, da liegt ganz ge-wiß die Schuld darin, daß seine Liebe und seineThätigkeit für Liebe im häuslichen Leben nicht, 15wie sie sollten, Nahrung und Leitung gefunden.

Wo immer das Kind des Menschen dieses reinfindet, da wird es gewiß gut und gewiß kraft-voll.

Es kann nicht anders. Indem das Kind 20im Heiligrhume dieses Lebens täglich und stünd-lich mit aller Wonne der Liebe besorgt wird,lebt es in diesem Kreise mitten in — jedenAugenblick auf dasselbe zuströmenden Reizen zurLiebe, und indem es an der Hand dieser Liebe 25geführt, dann allmählich für die Mitwirkungzu seiner eignen Versorgung selbstthätig wirdund zugleich anfängt, auch Vater und Mutterin dem, was sie bedürfen und wünschen, durchseine Selbstthätigkeit an die Hand zu gehen, 30findet es in seiner also geweckten Liebe Antriebzu jeder ihm wahrhaft dienlichen Thätigkeit,

Und hinwieder in seiner Thätigkeit Befriedigungseiner Liebe für jedes Verhältniß, in dem essteht. 35

Also schmelzen sich im häuslichen Leben Ar-beit und Liebe, Gehorsam und Anstrengung,Dank und Fleiß gleichsam in einander undwerden durch ihren gegenseitigen Einfluß aufeinander, gegenseitig wahrhaft und stark. 40Der Mensch, der liebt, scheut für das, waser liebt, keine Anstrengung, und die Liebe, dieurbeiret, führt durch die innere und äußere^Hörigkeit, die sie belebt und zu einer mir ihrharmonischen Geisteskraft und zu einer unbe- 45Engten Fertigkeit, Geist und Herz in allem^hun des Lebens darzustellen, und also alles, was Einsicht und Liebe ihm als das Zielfeines Strebens vorsetzten, auch äußerlich aus-zuführen und zu erreichen. 50

Freilich aber setzt die Sicherheit einer sol-chen, der Menschennatur durch den Einfluß deshäusliche Lebens genugtyuendcn Bildung inledem Fall einen Vater und eine Mutter vor-, us, die das Heiligthum der Liebe und der aus 55hr entquellenden, Hähern, menschlichen Lhätig-lebendig in sich selbst tragen. Sie setztwen Vater und eine Mutter voraus, die das«chältnch ihrer Stellung gegen ihr Kind vonN Verhältnissen aller ihrer übrigen Stellungen 60ill r' ^ Welt und alles dessen, was darinnenUnk - ö" sondern und das erste in sich selbstSk über alle übrigen zu erheben im

die"»^ Sie setzt Eltern voraus, denenNicke- ^ in der That und in der Wahrheit 65»ori ^ siegen Kind. Sie setzt Menschenwob«, ' st^n sie auf dem Throne oderder ^ niedern Hütten, — alle AnsprücheKrelr, insofern sie den Ansprüchen ihres^urz, Pros. Lit. II.

Kindes für alles, was sein Heil ist, in demWege stehen, für nichts achten; Menschen, dieim Bewußtseyn ihrer innern Kraft, das hoheWort in sich selbst wahr fühlen: „Könnte ich dieganze Well gewinnen, litte aber Schaden anmeinem Kinde, was würde ich mit allem demzum Gegenwerthe für dasselbe besitzen?"

- Es setzt Eltern voraus, die sich dahin erhe-ben, aller Umgebungen des Kindes sich so weitzu bemeistcrn, um mit Sicherheit verhüten zukönnen, daß diese keinen, der Liebe und deraus ihr entquellenden Thatkraft entgegenstehen-den und beyde zerstörenden Einfluß haben, —die im Gegentheil im Stande sind, alle Reizezur Liebe und Thatkraft, die in den besondernVerhältnissen und Stellungen eines jeden Kin-des liegen, auszusuchen, festzuhalten und wo siesich immer befinden, in aller ihrer Segcnsfüllefür dasselbe ans Licht zu ziehen, — und diesesauch selbst da, wo sie vor der Menge und derGewalt der Unheiligen, die sie umschweben, sichzurückziehend und verbergend, in ihrer hohenStille nur dem reinen Herzen sichtbar vor-liegen.

Also Mann der Liebe, der du die Vered-lung deines Geschlechts wünschest und suchest,lebest du auf einem Throne oder in einer nie-dern Hütte — was Noth thut, deinem Ge-schlechte zu helfen, sind Vater und Mütter, dieden Kindern seyn wollen und ihnen seyn kön-nen, was sie ihnen seyn sollen.

Umsonst liegt dir die Veredlung deines Ge-schlechts am Herzen, wenn du die Fundamentederselben nicht hier suchest, sie sind nur hier,du findest sie sonst nirgends.

Das Buch der innern Menschennatur liegtfür ihr Kind nur dem reinen Vater- und Mut-tersinn offen vor Augen. Der heilige Ausdruckder reinern und ediern Gefühle und Kräfte,die in diesem Buche mit dem Flammengriffeldes Schöpfers selbst eingeprägt sind, ist der be-stimmte ewig sich gleiche Ausdruck der ihremSinne und ihren Verhältnissen eignen Gefühleund ihrer von diesem Sinne und von diesenVerhältnissen geweckten und gebildeten Kräfte.

Es ist das Lebe», es ist die Seele ihres el-terlichen Seyns selber, die Wonne zu sehen, diein dem Auge ihres Kindes strahlt, wenn seinHerz von Liebe überfließt. Es ist Drang undWonne ihres elterlichen Seyns und Quelle ho-her innerer Beruhigung, die Ruhe zu sehen,die auf seiner Stirne und auf seinen Lippenschwebt, wenn es in ihrem Arme oder auf ihremSchooße innig zufrieden in Gefühlen des Ver-trauens lebt, deren Sinn es noch nicht ahndet.

— Sie fühlen sich selig, wenn sie im Auge desKindes den Himmel des Danks und der An-hänglichkeit erkennen, in welchem es sich ver-liert und stumm wird, indem es tausendfachausdrückt, daß Niemand und Nichts auf der Erdedie Empfindungen in ihm aufregte, die Vaterund Mutter in ihm aufregen.

Das Heiligste ihrer Kräfte wird rege undlebendig, wenn sie die Unschuld ihres liebendenKindes, wie durch eine innere Gewalt getrieben,das froh und gerne thun und froh und gernemeiden sehen, was es ihnen nur an den Augenansieht, das sie gerne gethan oder vermiedenhätten.

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