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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
197-198
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Johann Heinrich Pestalozzi.

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auch da noch mit ihm zusammenhangen, wennund wo dieser Sinn vom Troß einer verdor-benen Welt auch noch so sehr beengt, auch nochso sehr alles Reizes und alles Glanzes beraubt,und im Gegentheil dem unwürdigsten Spottund der unwürdigste» Erniedrigung Preis ge-geben wird.

Indessen erschwert das Verderben eines sounglücklichen, liebe-, Weisheit- und kraftlosenGeistes der Zeit nicht bloß die Möglichkeit, denSegen dieses Sinnes unter den Menschen all-gemein zu machen, sondern es beengt, verwirrtund mißleitet selbst die einzelnen Privatbemühun-gen des häuslichen Lebens der Edelsten undBesten zu diesem Ziele.

Dritter l sechster) Brief.

Außer den Eltern und den nothwendigenVerhältnissen zu ihnen ist dem Kinde offenbarsein eigen Geschlecht, die ganze Masse der We-sen, die mir ihm selbst und mit seinen Elternvon einer und eben derselben Natur sind, undder ganze Umfang der Verhältnisse, durch diediese mit ihm in Berührung kommen, das Ersteund Vorzüglichste in der Welt, das ihm fürdie Entwicklung seiner Liebe und seiner Thätig-keit an die Hand zu gehen gegeben ist-

Die Verhältnisse mit seinem Geschlechtesind bei jedem Kinde von der Wiege an ausge-dehnt und vielseitig und die Berührungs-Punklederselben greifen mit jedem Tage tiefer in seinganzes Wesen ein. So wie es Kind seiner El-tern ist, ist es Bruder oder Schwester seinerGeschwister, es ist den Menschen verwandt, dieihm verwandt find, es ist Nachbars Kind vondenen, die seiner Eltern Nachbar sind, Ortsge-Nosse der Stadt, des Dorfes, in dem seine El-tern wohnen u. s. w.

Indessen ist sich das Kind seiner Verhält-nisse freylich bei weitem nicht so geschwind be-wußt, als es in wirklichem Zusammenhang mit>hnen steht, und durch dieselben berührt wird.

Auch ist der Eindruck dieser Verhältnisselür das Kind in der Stufenfolge seiner Ent-wicklung wesentlich verschieden. Anfänglich er-schienen ihm die Menschen um es her vorzüg-lich nach ihrem Einfluß aufdie Befriedigung sei-ner Bedürfnisse. Sie müssen ihm in diesemZeitpunkt also erscheinen.

Die Bedürfnisse des Säuglings und diesstatur seiner Umgebungen rufen diesem Ge-nchtspunkte nothwendig. Seine Unmündigkeitsordect von allen Seiten her Hülfe, aber auchsucht ihm jedermann, der ihm nahe kommt,?wse zu geben. Vater und Mutter, und werNtmer vor seiner Wiege erscheint, erscheint nur^a um es zu erquicken Wer ihm immer naheJttt, der beschäftigt sich mit ihm, der dienthn>, hilft ihm, und erfreut es.

So lernt das Kind in diesem Zeitpunkte die^ttnschx,i um sich her nur als erfreuende, ihmreifende und dienende Wesen erkennen- Es-.^sttt kxj„ a„dx«s Verhältniß zu seinem Ge-flecht, als nur dieses einzige-li-l, Aber der Zustand dieser beschränkten kind-d-A" Ansicht kann nicht bleiben. Die Ursachen

lelben sind schnell vorübergehend, sie muß esauch sey«.

Das Kind muß die Menschheit und dieVerhältnisse, in dir es mit derselben zu stehenkommt, vielseitiger, es muß sie wahrhaft insAuge fassen, es muß im Menschen alles ken-5 neu lernen, was es von ihm zu hoffen, zu er-warten und zu fürchten hat.

Die Natur führt unser Geschlecht nie ein-seitig und steht der Erkenntniß der Wahrheitnie durch Beschränkungen im Wege, an denen10 sie wesentlich selbst Schuld ist. Sie, die dasunmündige Kind durch diese erste Ansicht seinerVerhältnisse zu seinem Geschlechte wie eine guteMutter beruhigt, arbeitet nun bald, wie einweiser Vater, dasselbe durch die Erweiterung15 seiner Ansichten dieser Verhältnisse für einefeste und sichere Benutzung derselben zu bildenund zu stärken, das Kind faßt jetzt allmäligdie Menschen auch getrennt von den Verhält-nissen, in denen sie vorzüglich gegen ihre un-20 Mündigkeit und Unbehülflichkrit standen, insAuge.

Wenn es in Jakob und in Hans bis jetztnur ihm dienende, ihm helfende und mit ihmspielende Menschen erkannte, so fängt es jetzt25 allmählich an, in Jakob den Bruder seinesVaters und in Hans den Knecht desselben zuerkennen. Es sängt an einen Unterschied zumachen zwischen der alten Frau, die Vaterund Mutter als Großmutter ehren, und der30 alten Nachbarin, die bey ihnen Hülfe und Trostsucht.

Es fängt an einen Unterschied zu machenzwischen den Menschen, denen Vater und Mut-ter lachend die Hand entgegenstrecken, wo sie35 dieselben sehen, und Menschen, bey deren An-blick sie die Stirne runzeln und auf die Seitegehen. Das Seyn und Thun der Menschenerscheint ihm also immer mehr unabhängendvon den Aufmerksamkeiten und Bemühungen,40 die man ihm von allen Seiten schenkte. Essieht jetzt, daß sogar seine Mutter nicht umseinetwillen allein in der Welt ist, daß sie oftgehindert wird, sich mit ihm zu beschäftigen.Je mehr es die Menschen sieht, desto mehr er-45 scheinen sie ihm in Verhältnissen, die ihm fremdesind; und je mehr es sie in solchen Verhält-nissen sieht, desto mehr werden sie ihm selbstfremde. Der Kreis derer, die ihm dieses nichtsind, wird ihm verglcichungsweise gegen sie,50 die es ihm sind, immer kleiner. Wie es an-fänglich alles um sich her beschäftigt sah, ihmzu helfen und es zu erfreuen, sieht es jetztalles, was Mensch ist, weit mehr mit jederandern Sache beschäftigt, als mit ihm. Es55 sieht Menschen, die seiner nichts achten wollenund andere, die in eigener Roth seiner nichtsachten können, im Gegentheil Hülfe und Hand-bietung von ihm annähmen, wenn es sie ihnengeben könnte: kurz — es sieht allmählig das60 ganze Gewühl des Menschenlebens, wie es wirk-lich ist. Es selbst aber sängt auch allmähligan der Wartung nicht mehr zu bedürfen, ohnedie es nicht seyn und nicht leben, noch vielweniger froh seyn und froh leben konnte. Es65 kann fetzt dem, was man ihm bisher zutra-gen mußte, selbst nachgehen, es erwacht in ihmein Gefühl der Befriedigung sich selbst helfenzu können. Es sieht um sich her alles seineKräfte anstrengen sich selbst zu helfen. Sein