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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
201-202
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Johann Heinrich Pestalozzi.

nimmt; das gute Schaas, das liebe Huhn, dietrauliche Taube und alles was lebt, erfreutjetzt das Kind, sein Vertrauen auf alles Leben,das es umgibt, erweitert sich immer mehr, esist glücklich in diesem wachsenden Vertrauen 5und wenn es ein liebes Thierchen, dem es sotraut, auf den Schooß seiner Mutter hinlegt,ist es voll Freude und Wonne; es legt demguten Täubchen ein Körnchen von seinem Abend-brod vor den Schnabel, daß es daran picke, es 10sucht dem lieben Schaas ebenfalls auf der Weidedie Kräuter und Blätter, die es gerne ißt, undwenn der liebende Knabe der Unmündigkeitkaum entronnen ist, so kennt er keine größereFreude, als mit dem Vater und mit dem Knechte 15in den Stall oder auf die Weide zu den Stie-ren oder zu den Pferden zu gehen; wenn die-ser oder jener mit ihnen pflüget, wenn er sietränkt, wenn er sie füttert, möchte er immerauch gern dabey seyn und möchte sie auch gern 20tränken und füttern.

Aber das heilige Dunkel, das den erstenEindruck aller Dinge begleitet und dem Kindedie Welt um es her nur in spielenden und hü-pfenden Gestalten erscheinen macht — auch die- 25ses heilige Dunkel hellet sich allmählig auf. Essieht, daß das Schaas schauert und bebet, wennman ihm die deckende wärmende Wolle vonseiner Haut schneidet, daß der Stier am Pflugsich nur gezwungen für seinen Vater ermüdet, 30daß ihn dieser, hart hält und mächtig bändigt,bis er ihm thut, was er soll, und daß die Mut-ter der armen Kuh ihr Kalb vom Euter weg-nimmt, um mehr Milch für ihre Haushaltungzu bekommen. 35

Es sieht die schöne Rose Dornen tragen,es sieht die ungebaute Erde mit Disteln undschlechten Gesträuchen bewachsen, es siehtden lieben Vater ermüdet und mit Schweißbedeckt vom Felde heim kommen, es sieht, daß 40dieses Feld, ohne die ermüdende Anstrengungunsers Geschlechts, das nicht trägt, was wirUvn ihm wünschen und suchen.

Die Erfahrung zeigt ihm noch mehr, siezeigt ihn Geschöpfe, die anstatt 'ihren Mitge- 45schöpfen Freude zu machen, Entsetzen um sichher verbreiten und Tod und Verderben übers>e verhängen. Es sieht sein geliebtes Täubchendorn Geyer ergriffen und zum Tode hingeschleppt.

Es sieht die böse Katze mit der armen Maus, 50wenn sie sie schon gefangen und zwischen denWuhnen trägt, noch in ihrer Todesangst ihr^Piel treiben. Es sieht den Taubenschlag vomMarder und den Hühnerstall vom Fuchse er-wachen. Es sieht den treu und gut scheinen- 55

Hund den armen Hasen und das leichte^h auf den Tod verfolgen und Schaas undW^ib mit der schrecklichen Gewalt seines Beißens. "b seines Bellens vor sich her zur Schlacht-i^dk treiben. Es sieht ihn den armen Vogel 60

Neste ausspüren und ihn von seiner Brüttg dem Jäger in den Schuß und ins Garn

^wen.

^i Dennoch tödtet auch diese Erfahrung dienicht in dem Kinde, bei welchem sie durch 65un^Eb"reue und Mcnschentheilnahme erzeugtH ° gegründet ist. Im Gcgentbeil, die böseaus^E' die das stärkere Thier am schwächer,!

übt, weckt in einem solchen Kinde allgemein

ein stilles, aber lebendiges Gefühl; der Menschmuß nicht seyn wie diese Thiere; er muß ander Schwäche seines Geschlechts nicht handelnwie der Sperber an der Taube, die Katze ander Maus, der Hund am Hasen, am Schaafeund am Vogel. Das liebende Kind weint,wenn es seine liebe Laube, sein gutes Schaasvor seinen Augen todt sieht. O! die TäubetO, das Schäfchen! — ruft es, und umfaßtweinend des Vaters Hand, dann geht dieserhin, den Taubenschlag mit Dornen und Sta-cheln gegen den Geyer und den Hühnerstall,mit stärkern Brettern gegen den Fuchs zusichern.

Ein solches Kind, in dessen Hand die edlerirGefühle unserer Natur durch Muttertreue undVatersorge tief gegründet sind, ist schon an sichgut und milde und aller Eindruck der Natur,der Anblick der großen Werke Gottes, des Him-mels und der Erde, ist geeignet, es noch mil-der zu machen. Es kann die Sonne in derPracht ihres Aufganges und im Glänze ihresUnterganges, es kann Mond und Sterne nichtsehen ohne Gefühl von Wonne und Freude.Es lächelt der Blume, die es pflücket, und demBaume, an dessen Aesten die Frucht reifet, diees liebet. Je mehr der Mensch gut ist, je mehrMuttertreu und genossene Sorgfalt der Men-schen ihn sanft und edel gemacht, desto mehrweckt alle Schönheit und aller Segen der Na-tur seine Liebe und ihre Thatkraft.

Aber auch die todte Natur erscheint demMenschen nicht immer in ihrer Schönheit undsegenbringenden Gestalt.

Der Fluß, der deine Auen wässert, trittaus, verheert deine Felder, reißt dem Ufer be-wohnenden Armen seine Hütte um, und Men-schenund Vieh finden in seinen Fluthcn ihr Grab.

Das Feuer, ohne das du kein Brod äßestund dein Fleisch blutend verzehren müßtest, dasFeuer, das deine Wohnstube, auch wenn dasLand um dich her vor Frost erstarrt, mildemacht, wie der schönste Frühlingstag mildeist, dieses wohlthätige Feuer verbrennt Städteund Dörfer; und das Wasser des Himmels,ohne dessen segnendes Fallen weder Gras nochKorn, weder Wein noch Holz wachsen würde— dieses Segenswasser der Obwell fällt zuZeiten in harten Schloßen auf die wachsendeSaat, tödtet alle Hoffnungen der Ernte, undnimmt dann dem Armen und seinem Säug-linge den mit seinem Schweiß errungenen Trost-bissen seines Elendes für ein ganzes Jahr gleich-sam vor dem Munde weg.

Aber auch wenn die Natur das thut, undoft mehr noch, wenn sie es thut, als wenn siees nicht thut, erregt sie dem Kinde, das Mut-tertreu und,genossene Liebe der Menschen sanftund edel gemacht., die in ihm wohnende Liebeund ihre Thatkraft. Wo immer die Noth großist, da fließen Thränen der Liebe. Selber wergewöhnlich nicht Liebe fühlt, liebt, wenn undwo die Noth groß ist.

Ob sein Vater auch ein harter Mann ist,ob die Selbstsucht es auch schon selber ergrif-fen, das Kind des Reichen weint, wenn dieNoth des Armen vor seinen Augen groß ist, eseilet von dem Anblicke des Entsetzens weg, umseinö Mutter um Kleider für die unbekleideten,