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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
205-206
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Johann Heinrich Pcstalozzi.

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Menschen von dem stärkern erniedrigt und zer-treten sieht. Mit dem Alter wachsen dann diesedunkeln Gefühle zu einer vollendeten Verhär-tung des Herzens heran.

Wenn der Arme auch unter dem Druckedieser Umstände stürbe — was liegt dem lieb-losen Manne an seinem Tode? Warum ist derArme ein Wurm? Warum hat seine Haut keineKraft gegen den Fußtritt des Mannes, der überihn hingeht? Und was kann der Geyer dafür,daß sein Gaumen nach Blut dürstet?

Alle Ansicht der Well wird für das Kind,dessen Liebe nicht von Vater und Mutter ge-weckt ist, nur thierisch. Ein solches Kind istnur des Scheins der Liebe, nicht der Liebe selbstfähig. Dieser Schein ist auch thierisch, und da-durch mit der Ansicht der Welt, die ihm eigengemacht ist, übereinstimmend.

Nur das Wesen der Liebe und ihrer Kraftist menschlich, darum wird aber auch der Scheinder Liebe von denen am meisten gesucht, dieihrer Kraft ermangeln. Dieser, führt sie dannzu dem Tand elender Liebkosungen hin; woimmer die Lieblosigkeit nicht vollends sich ver-schämt hat, da hüllet sie sich in den Manteldieses Tandes, dieser ist der Lieblosigkeit eige-nes Gewand. Sie wagt es selten, in ihrer of-fenen, Nacktheit zu erscheinen.

Von dem armseligen Weibe, das vor allenihren Nachbarinnen die Thüre schließt, und mitVerstoßung unglücklicher verwaister Kinder,ihrer nächsten Verhältnisse und Umgebungenein elendes Schoosthier zu seinem Liebling er-wählt, bis zur Fürstin hinauf, die ihren Herrnund Gemal beredet, sein Reich ihrem, nur deräußern Gestalt nach nicht eben so thierischen,Lieblinge zum Abendschmause vor^ den Mundzu legen, wie die erstere ihrem Schooßhündcheneinen guten Bissen also zum Abendschmausevorlegt, ist gleichsam eine Kette des verschieden-artigsten Zusammenlebens der Lieblosigkeit undder Liebkosungen organisirt. In dieser Kette,so verschieden sonst ihre Zusammensetzung auchseyn kann, ist das Wesen immer, daß edlerewürdigere Menschen verschmäht und den schlech-ten Preis gegeben werden. Allenthalben, wosich Lieblinge einschleichen, da verschwindet dieLiebe, ihre Kraft fliehet das Blendwerk der Lieb-linge und hasset ihren Betrug.

Und so wie die belebte Natur auf ein sol-ches Kind keinen die Liebe und ihre ThatkraftAhernden Einfluß hat, eben so ist auch die todte^atur unfähig, diesen Eindruck auf dasselbe zuZachen.

. Himmel und Erde machen das Kind dernrau nicht edel und gut, die ob ihrem Flitter-lwar Himmel und Erde und es. selbst vergißt.^ faßt Himmel und Erde eben so wenig imZusammenhang mit den Gefühlen der Liebe ins5"ge, als seine Mutter, bei der selbst der Theiler Erde, der ihr Eigenthum ist, nicht um des»Muffes willen einen Werth hat, den er ausvs Wohl Menschen haben könnte, sondernw desjenigen Willen, den er auf den Tandhae ^lclkeitsverirrungen ihres Lebens wirklich

soi-», Ansichten der' Natur sind bey einemGeschlechte verwirrt und verdorben,d Wenn das Weib der Unschuld und Liebe

Schaf, das sein Haupt neben ihrem Kinde

traulich auf ihren Schooß legt, darum werthachtet, weil es gut ist und sie mit seiner Wolleihren Fleiß üben, ihre Haushaltung erfreuenund ihr Kind kleiden kann; wenn ihre Kuh ihrwerth ist, weil sie mit ihrer Milch täglich Men-schen nährt, die ihr lieb sind; wenn ihr Mannseinen Acker im Schweiße seines Angesichtesbaut, um sich und den Seinigcn alle Nothdurftdes Lebens zu schaffen, und mit seinem Ertragauch denen zu dienen und die zu unterstützen,die keine Kuh, kein >schaf und keinen Acker be-sitzen; wenn er in der Kraft seiner Liebe dop-pelt mächtig, sich selbst übertrifft im Anbau desFeldes - so hat der Mann und das Weib derWelt keinen Gefallen an dieser Ansicht seinesThuns.

Die Pracht des Feldes und des Wcinstockesfreut sie nicht darum, weil der Segen ihrerErndte dem Hungrigen Brod, dem Ermüdeten,der Gebährenden und dem Sterbenden Erqui-ckung gewähret. Der Abtrag von dem Feldeund dem Weinstock freut sie nur darum, weilsie ihnen Mittel geben, im Prachtgenuß derProdukte aller Wclttheile zu schwelgen, um sichspiegeln zu können.

Dahin gefährdet der Mensch zu versinken,der von Vater und Mutter nicht zur Liebe undzur Thatkraft in" der Liebe erhoben worden.Das Menschengeschlecht, das ihn umgibt, erhebtihn nicht mehr dazu, die lebende Natur ist ihmfür diesen Zweck todt, und die todte Naturvermag es nicht, in ihm lebendig zu machen,was die lebende Natur, was das Menschenge-schlecht, was Vater und Mutter selbst in ihmtodt ließen.

Gottes Erde, wie sie wirklich ist, ist fürden Menschen von einer solchen Gemüthsstim-mung unbefriedigend, sie muß für einen solchenMenschen unbefriedigend seyn.

Er möchte eine Welt für sich und die Spieß-gesellen seines Glückes, eingerichtet zur Siche-rung ihrer Gaukelspiele und ihrer Gewaltthä-tigkeit.

Aber unsere Welt ist dieses nicht, sie hatvon Gottes wegen und vermöge des Wesens derMenschennatur ganz andere Fundamente ihresHeils, als diejenigen sind, die sein verdorbenesHerz zu fassen, zu ahnden und sie zu glaubenim Stande ist. Der Armen sind Tausendeauf Erden, wo der Glücklichen Einer, und dieLausende müssen den Einen, sie können nichtanders, auf tausendfache Weise in Anspruchnehmen. Das Herz der Selbstsucht ist freylichimmer zu klein für die Ansprüche von Tausen-den, wenn diese auch noch so gerecht sind. Da-rum aber muß auch die Welt, wie sie wirklichist, und wie sie von Gottes wegen seyn muß,und ewig seyn wird, dem Mann der Selbst-sucht eine ekle Erscheinung seyn. In ihr lebendist ihm der Anblick von dem Hehrsten undGrößten, was im großen Weltall seine Sinneberührt, ohne Werth.

Ja, wenn die Sonne für ihn allein aufge-hen würde, und er in ihrem Wagen über dieErde dahin fahrend das Menschengeschlecht, dasihn nicht anbeten wollte, mir dem Flammen-schwung ferner Räder verzehren könnte, dannwürde auch er die Sonne lieben, er würde auchMond und Sterne lieben, wen» er sie in sein

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