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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
207-208
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207 Johann Heinrich Pestcilozzi. 208

Gezelc einschließen, und unter ihrem Glänze -aber Er — Er allein — Prachtnächte durch-schlummern könnte.

Fünfter (achter) Brief. 5

Freund! So wie es'auf der einen Seiteunwidcrsprechlich ist, daß jedes Individuum un-sers Geschlechtes mehr oder weniger Vater-oder Muttertreue, Theilnahme und Liebe seiner 1l)Mitmenschen, und den hehr und hoch zur Liebereizenden und Kraft weckenden Anblick der gan-zen Natur genießt, so ist es auf der andernSeite eben so wahr, das Menschengeschlecht imAllgemeinen trägt das geahndete Resultat dieser 15Reize und Mittel nichts weniger als lebendigund hehr in sich selbst, es wandelt nicht in derLiebe, es wandelt nicht in der Geradheit undKraft ihrer Tugend einher. Im Gegentheil,das ganze Heer von Krümmungen und Lastern, 20die Folgen der Lieblosigkeit und Schwäche un-serer Natur sind, ist das Gepräge, das dieMehrheit unsers Geschlechts offen an der Stirneherum trägt.

Forschen wir aber den Ursachen dieses an- 25scheinenden Widerspruches nach, so sehen wirbald, daß die Anlagen zur Liebe und Kraft,die im Menschengeschlechte allgemein da sind, imKinde selbst mit allen Reizen der zur Selbst-sucht und Kraftlosigkeit führenden Sinnlichkeit 30verwoben erscheinen, daß hinwieder seine Elternund das ganze das Kind umgebende Geschlechtder Menschen eben so im Allgemeinen mehr vonSinnlichkeit, Trägheit und Selbstsucht, als vonden bessern Trieben der Liebe und dem höhern 35Leben der Kräfte, die durch die Liebe thätigsind, bewegt, und in Thätigkeit gesetzt werden,daß endlich alles Aeußere der Natur für unserGeschlecht allgemein den Saamen des Trugesund der Täuschung in sich selbst trägt, und 40seine Reize selbst eben so allgemein Neigungenin unserm Geschlechte beleben, die dem Wesender Liebe und ihrer heiligen Kraft geradezuentgegen stehen, und daß also der ganze Um-fang aller Mittel, die für die Bildung des 45Kindes zur Liebe und Kraft, die in seinen Ver-bindungen mit den Menschen und mit allen Din-gen dieser Well liegen, nicht hinreichen können,seine Ausbildung für den vorgesetzten Zweck be-ruhigend sicher zu stellen. 50

Wer also das Ziel der Ausbildung des Kin-des zur Liebe und Kraft gesichert wünscht, mußin dieser Rücksicht dasselbe, ich möchte sagen,Vater und Mutter, sein ganzes Geschlecht undHimmel und Erde verlassen und in sich selbst 55zurückkehren machen, um die tiefere Begrün-dung und vollendete Sicherstellung der Liebeund ihrer Kraft allein in sich selbst zu suchenund.zu finden.

Es ist allerdings nur durch das Zurücklen- 60ken des Kindes von seinen äußern Umgebungenund Verhältnissen weg in das innerste Heilig-ihum seines Wesens, wodurch seine Bildungzur Lcebe und Kraft ein untrügliches und inallen Gefahren bewährtes Fundament erhalten 65kann- Und hiedurch sehen wir uns, wie an-fangs durch die höhere Ansicht der Natur desMenschen seiner Anlagen und seiner Bestim-mung, hier durch die Ausartung und das Ver-

derben dieser Natur wieder aus den Anfangs-punkt zurückgeführt, von dem wir ausgingen,auf die Skothwendigkeit, die Kunstmittel derErhebung und Vollendung des Menschen ausdem Innersten seines Wesens selbst zu schöpfen,und ihnen in ihm selbst ein sicheres Fundamentzu verschaffen.

Jede gute Mutter, jeder weise Vater fühltdas Unzulängliche, das für eine befriedigendeSicherstellung der heiligsten Ansprüche ihresKindes in ihnen selbst und in den Verhältnissen,in denen sie sich befinden, — liegt. Es fehltbey keinem unter ihnen, sie fühlen alle das Zu-rückstehen ihrer selbst in allem, was die sichereErreichung dieses Zieles bey ihrem Kinde we-sentlich erfordert; sie fühlen alle, daß tausendihnen gewohnte Neigungen und Schwächen ge-gen die Ueberzeugung von dem, was die Errei-chung dieses Zieles erforderte, handeln macht,sie fühlen den fast unverhütbaren Einfluß tau-send rauschender Umgebungen, die die stillenReize der Liebe und ihrer reinen Kraft gleich-sam in jedem Augenblicke verschlingen.

Es ist nicht anders möglich, es ist keineMutter gut, es ist keine Mutter für ihr Kindrein fühlend, die es nicht sieht, daß das Lebender Liebe und ihrer Kraft, die nur durch dieWeckung und Erhaltung unsers höhern SinnesNahrung in uns selbst findet, von allem Ver-derben der Menschen gefährdet wird, und daßalle Reize der Schönheit der Natur selbst durchdieses Verderben ohne wahrhaft bildende Wir-kung auf den Geist und das Herz des Kindesvor seinen Sinnen stehen.

Je mehr sie gut ist diese Mutter, je mehrer weise ist dieser Vater, desto mehr kränktund drückt sie das Verderben aller Umgebungenihres Kindes, desto unbefriedigender ist ihnenihre Kraft und ihr eigenes Thun gegen diesesVerderben. Je mehr wahre Liebe und wahreKraft für ihr Kind in ihnen liegt, desto mehrmacht sie diese Liebe und diese Kraft selber lei-den, daß die erste nicht reiner, und die zweytenicht mächtiger in ihnen lebt. Je besser undweiser sie sind, desto mehr sind sie durch dieNatur der Vorzüge, die in ihnen liegen, ge*zwungen, das Bild höherer Liebe und höhererKraft, als sie selbst zu besitzen und zu zeige"fähig sind, für ihr Kind in ihnen aufzustelien-Sie müssen — wenn sie gut und edel sind, st'können nicht anders — sie können ihr K>nonicht lieben, ohne dasselbe zu dem Bilde dehöchsten Liebe und der höchsten Kraft, die "der Menschennatur liegt, emporheben zu wolle"'

Die Stimmung, die in ihnen selbst liest'zwingt sie nothwendig, in sich selbst für ihr K""ein Bild der Vollendung aller Liebe und auKraft zu suchen und zu besitzen, gegen denhohen, himmlischen Glanz alle Liebe undKraft, deren die Menschen in der Hülle >b ^Erdewallens fähig sind, weit zurücksteht. 7 ^Gute, das in ihnen liegt, hebt sie inüber die Schranken alles menschlichen Gempor - sie finden nur in Gott Befnedsgu'»für alles Gute und für alle Kraft, die sieihr Kind suchen.

Sie glaubcn an G 0 tt.

Die Wahrheit der Liebe und Kraft, ^ihnen liegt, führt sie zum Glauben an