Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
229-230
JPEG-Download
 

229

Johannes von Müller.

230

rächen uns.« Sie alle laut: hoch lebe Burgund!Herrlicher als je schien das Heer; doch dieinnere Siegszuversichr war nicht mehr imVolk.

(Marsch nach Murten.) Durch Korn-felder ging der Marsch über Morcns, Bioley,dem Neufchalellersee zu; langsam, der Herzoghoffte, die Feinde zu locken, wo Land und Leutefür ihn waren; doch die Ungeduld riß ihn baldfort. Er beschloß, über Murten auf Bern undFreiburg zu ziehen. Den Grafen von Romontsandle er mit neuntausend Mann in die zwi-schen den Seen liegende Landschaft, sowohl umErkundigung, als weil er seiner Operation vondort aus mehrfach nützlich seyn, dem Feind indie Seite oder den Rücken fallen, auch Murtendurch doppelten Angriff geschwächt werden konnte.Die Hauptmacht folgte und kam nach Cugy,Pelerlingen, Wivlisburg, den ganzen Raumfüllend, wo Aventicum war. Hadrian vonBubenberg, mit sechshundert Mann, stieß aufdie Vorposten und machte einen Gefangenen,der ihn unterrichtete. Sofort schrieb er nachBern: „der Herzog von Burgund, mit allerseiner Macht, Micthstruppe» aus Italien, Ver-räthern auch aus Teulschland, stehe ihm gegen-über; Schultheiß, Rath und Bürger sollen sichnicht fürchten, sich nicht übereilen, sollen dieEidgenossen ruhig erwarten; er wolle Murtenbehaupten.« Er berief die ganze Besatzung undalle Einwohner von Murten, sprach zu ihnenmir hohem Ernst, und verpflichtete sie eidlich,alle und jede, wären es auch Vornehme undin Krieg oder Frieden bedienstete Männer, wärees endlich selbst Er, alsobald umzubringen,wen» einer ein klcinmüthiges Wort hören lasse.»Kriegsgesellen wachet! An Murten hängt dasVaterland; nur Eine Vormauer hat die Schweiz,unsern Entschluß!«

(Die Eidgenossen.) Durch alle Städteund Länder von Freyburg, Bern, Sololhurn,erging der Landsturm, und von den Hüttenzur Seite des ewigen Eises, bis wo die Aar>N den Rhein fällt, floß Lag und Nacht dasVolk zusammen auf Bern. Sofort Besetzungder bei Laupcn und Gümmincn über die Saneführenden Brücken; abgeworfen wurden sie nicht,fv wie nicht verschlossen die Thore von Mur-ten , auf daß die Sicherheit offenbarer nur inder Wachsamkeit sey. Schultheiß, Venner undRäthe waren Lag und Stacht versammelt; über-ust Kundschafter; zu oberst in der Stadt aufbsnein hohen Thurm eine mit andern in Ver-wundung stehende Hochwacht; schnelle Reiterüber Basel nach Straßburg, Boten aus dem^vßen Rath an alle Eidgenossen, „so hoch undm theuer die Stadt Bern könne und möge, beybn heiligbeschworncn und ewigen Bünden sie.^fzumahnen mit aller Macht, auf Einen ent-Uheidenden Tag, zu Erlangung schnellen, ruhm-°uen ewigen Friedens und nie vergeßlichen^ anks.« Nicht weiter schrieben sie Ludcwigk'-n Eilftcn, welchem der Ursprung des Kriegs,^ r Bund, ihre Gefahr und seine Pflichten vor„ ^em lebhaft vorgestellt worden; sie hatten

u ihm verlangt, aber daß er Sa-

,ben besetze, dem Feind von dorther furcht-zu seyn; vergeblich: der König wollte

"n keinen Verwand geben, daß er von den

Schweizern ablasse; bey diesen hoffte er, soll ersein Verderben finden.

In den Eidgenossen selbst war nicht immereinerley Wille: der alte Bund im Hochgebirg war5 für die Freyheit : von Staat, von Herrschaftenwußten diese Männer nichts; nichts von einemwelschen Helvetien, oder daß die Natur denJura zur Landmark gesetzt. Es ist in ihrerEinfalt eine gewisse Scheu; sie mögen sich nicht10 mißbrauchen lassen. Jetzt, wo die Alpen mitVieh besetzt waren ibeym Zug nach Gransonlagen sie noch unter Schnee) war nicht jedemkommlich, in den Krieg zu ziehen. Da dachtewohl mancher, ob die Herzogin Jolantha so15 unrecht hatte, vor großen Planen der Wernerzu warnen. So wurde erst untersucht, obMurten wesentlich, ob es in dem Bund be-griffen? So hatte Karl Muße bekommen, sichneu zu rüsten. Als er in der furchtbaren Größe20 seiner Macht neu vor ihnen stand, und Bern,unverzagt, aber dringend, vom Tag zu Lau-pen, der Treu, der Freundschaft, zu ihnen re-dete, war die ganze Eidgenossenschaft unver-züglich auf; vorerst Wilhelm Teils Volk, die25 Männer von Uri, zogen unter Hannsen im Hofmit ihrem Landbanner durch die nächsten Thä-ler den Vernein zu; durch die Habkeren undüber den Brünig, Unterwalden; die allzeit rü-stigen Entlibuchcr, voraus ihrem ganzen Kan-30 ton; da kam von Greyerz Ludwig, der Grafdes obern Hirtenlandcs; willig folgten die Sa-nenlcute, weit über den Thurm Treym hinaus,für ihren Herrn und für Bern; es strömte vonden Ufern und Bergen des Thunersees und von35 den Hintern einsamen Höfen kraftvolle Mann-schaft mir der Stadt Banner von Thun zu-sammen; die Reisigen von Aargau, doppeltfreudig, weil der Krieg auch für Oestreich war;wetteifernd, die Aargauer Städte; unter For-40 ster, einem besonders tapfern Mann, die Vieler,gewohnt von Alters her, den Bernern zur Seitezu streiten; aus den Balstaller,Clauscn eiltemit zweitausend Baselern und hundert Reisigender Ritter Peter Rot; es führte Gras Ludwig45 von Oettingen die zu Roß und Fuß und anZeug schöne Hülfe der Straßburger; es folgtendie Elsasser Städte und von Vordcröstreich dasdreifache Aufgebot; vereinigt mit den Rotwylern,St. Gallcrn, dem Land Appenzell kam die50 Stadt Schaffhausen.

Die lheilnehmendsten Blicke zog Herzog Reneauf sich, den Karl aus Lolbringen vertrieb.Fünf..und zwanzig Jahre alt, schön, anstands-voll, tapfer, gütig, weise, sehr den Teutschen55 und sie ihm zugethan. Als er in seinem Un-glück verlassen und arm zum König nach Lyongezogen, halten junge teutsche Kaufleute dielothringische Uniform sich heimlich mache» las-sen, um ihn an> Thor als eine wahre Ehren-60 wache zu erfreuen; seither hatte seine sterbendeGroßmutter ihm seidene Kleider und Geld ge-geben; eine Zeit lang harrete er bey seinerMutter auf die Winke und Wirkung der Zu-sagen Ludwigs, bis die Herannäherung eines65 großen Tages bey Murten weit und breit alleGemüther aufregte. Da entriß sich Rene ver-klagenden Mutter; unter Bedeckung einigerhundert französischen Soldaten, die -doch mitden Burgundern durchaus freundlich lebten,