Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
231-232
JPEG-Download
 

231

Johannes von Müller.

232

stahl er sich durch. Seufzend warf eine alteFrau an der lothringischen Gränze ihm unterder Messe ihr Spargeld in den Schoß. Durch-gehends wurde die entstellte Würde verehrt.Nachdem die Straßburger ihn eine Woche be- 5wirthet, sandten die Eidgenossen ihm eine Be-deckung. Viele Lothringer, die das Haus, dieihn und das Land liebten, zogen mit ihm überZürich nach Murten.

(Belagerung Murtens.) Die Stadt 10Murten, nach einer Feuersbrunst besser gebaut,war mit Mauern, Thürmen, einem doppeltenGraben und jetzt mit Schanzen und Bollwer-ken befestigt. Einerseits ist gegen Freyburg,Laupen, Bern, ein von der Sane durchschnit- 15tenes, waldichtes Hügelland: anderseits ein Seevon nicht unbeträchtlicher Tiefe, dessen vormalsweit größere Ausdehnung unwegsame, hin undwieder bodenlose Moräste zurückließ. GegenWivlisburg öffnet sich ein fruchtbares Kornge- 20fild in eine genügsame Breite. Die Halbinsel,den Weinberg Mistelach und seinen fruchtbarenwohlbevölkerten Fuß gegen den Neufchatellersee,hielt Graf Romont in Besitz; der Jnselgau,das Huperland, ist von einem vorzüglichen 25Stamm treuer und kraftvoller Landleute be-wohnt. Es gelüstete dem Grafen, die weilandvranischen Güter in dieser Gegend einzunehmen:die von Cudrcsin zeigten durch den Sumpf undüber die Broye den Weg, so daß der Fürst 30unerwartet und wohlgerüstet am frühen Mor-gen zu Ins an dem Weinberg war. Auf daserste Zeichen der Wache erschienen die Land-leute beiderlei) Geschlechts mit selbstgemachterFahne und allerley Waffen, so muthvoll, und 35Neustatt, Craffier, die Männer von den Lan-deren, waren so bereitwillig auf, und die Zil-brücke wurde von einem einzigen Neufchateller,Baillodz, mit solchem Heldenmuth behauptet,daß, nachdem der Graf etwas Vieh erbeutet, 40er zurückeilte und selbst jenseit der Morästekeinen Standpunkt zu behaupten vermochte.

Da er sich zu schwach fand, für sich etwasgegen die Volksmenge zu unternehmen, verei-nigte er sich mit der Hauptarmec. 45

An demselben Lag ordnete sich der Herzogin dem Wald ob Folz, erschienen mit mehr alsvierhundert Zelten auf den Höhen gegen Mor-gen der Stadt Murten, auf der nördlichenSeite bey dem Moutillicr, Graf Romonts 50Zwölftausende, und an dem See der großeBastard mit dreißigtausend Mann. Die Stadtwurde (außer an Einem Ort gegen den See)umringt; kaum unterhielt Nachts ein kleinerKahn Verbindung mit den Eidgenossen. Stach 55abgeschlagener Aufforderung wurden drohendeund verführerische Zettel in die Stadt geschos-sen; hierauf durch Romont Sturm angelegt.

Es siel durch die Burgunder ein großes StückMauer; mit Siegesgeschrei liefen sie an. Aber 00die lebendige Wehr fester und geschickter Män-ner erschien. Der die große Büchse bediente,wurde aus der Stadt erschossen; durch den Todvon siebenhundecten der Muth gebrochen, undnach der achtstündigen Arbeit das Eingestürzte 65Nachts hergestellt. In Ausfällen waren dieBelagerten glücklich. Don ^en Freiburgernwurde Anton d Orly mit dem Rest seiner Sa-voyer vernichtet. Durch geschickte Ordnung

verabredeter Zeichen wurde von der Neustatt,von Erlach und den Landeren Verstärkung indie Stadt gebracht, auf daß bey der unaufhör-lichen Anstrengung dem unüberwindlichen Muthnicht endlich Leibeskraft fehle. Die Burgunder,voll Ungeduld ider Herzog schmähte bitter)verschonten aus dem Lande weder Alter nochGeschlecht. Ebendieselben zogen eilends an dieBrücken, welche bei Gümmincn und Laupenüber die Sane führen, um den Entsatz abzu-schneiden. Es war nur eine (leine Schaar,kein Banner, kein Hülfsvolk an den Orten;aber der Landmann, im Pflichtgefühl unerschro-cken , aber der Pfaff zu Ncuenek, an der Spitzeseiner Gemeinde zum Heldentod bereit, vertrie-ben den Feind. Stunden lang wurde zu Berngestürmt, und der Stadt Banner brach auf,über sechstausend stark, an die Brücke»; derSchultheiß blieb noch.

Desto heftiger donnerte, hörbar den Ber-ncrn, das burgundische Belagerungsgeschütz:ohne Wirkung. Es hielt Hadrian von Buben-berg eine solche Ordnung, daß jedem Zufallbestimmte Männer halfen; kein Getümmel inder Stadt; niemand redete von der Mauer,niemand schien erstaunt, an dem Tag, als Karlund Romont das gewaltige Heer mit Feldge-schrei und abwechselnder Kriegsmusik die kleineStadt vorbeyführten. Hadrian, überwältiget,wäre mit seiner Mannschaft gefallen, wie dasHeer an der Birs; Karl scheute den Eindruckdes wüthenden Kampfes Den Sturm erneuerteer. Es war als wenn ganz Murten mit seinenverfallenen durchlöcherten Mauern von der über-mächtigen Zahl niedergestürzt werden sollte!Mit einem übermenschlichen Geschrei und Ge-raffel der Waffen und unaufhörlichem Knalldes Geschützes wurde der Sturm gegen die sie-bente Stunde Abends begonnen, und fand dieBesatzung in ihrem- ruhigen Ernst) Als dieLeitern angelegt, als die Graben gefüllt, undvon dem Zeug alle Bollwerke erschüttert wur-de», so daß wohl dem und diesem der Ausgangzweifelhaft werden mochte, war allenthalbenBubenberch; Bubenberg, der vielversuchte Ritter,der Schultheiß, der Feldhauptmann, in seinemMunde Vaterland, Heldenmuth, und jedem ga"er seine Seele; /o daß mit Untergang vontausend Feinden (viele wurden im Graben vonFußeisen gefaßt; viele, die ihre Todten weg-brachten, diesen beigesellt) auch dieser dreystun-dige Sturm ruhmvoll abgeschlagen wurde, u»Karl in die äußerste Verzweiflung gerieth-Burgund ward Hadrian Ritter, als Jüngüngdem Herzog einst wohlbekannt, auch zu Berburgundisch gesinnt; aber der Privatmann mußdem Bürger weichen. .

„So lang eine Ader in uns lebt,"er nach Bern, da er zehn Lage und Nawmit seinen zweitausend gegen sechszigkam ^gehalten, „so lang in uns eine Ader lebt, g ,keiner nach." Die Berner aber sandten ^alle Straßen der heraneilenden Eidgenossenallerbeweglichstcn Bitten um die Beschleunig ^Sie kamen, wie wir oben gemeldet. ^"^nrggrößte Theil der Besatzungen von F"bund Welschneuenburg begab sich zum - ,d

Endlich wurde Zürich mit banger ^teerwartet. Eine» Boten um den andern I