Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
239-240
JPEG-Download
 

Johannes von Müller.

240

239

sie, welchen Ausgang die unweise Politik überdie Herzogin Iolanta gebracht.

(Don dem Herzog.) Der Herzog vonBurgund war in Einem Ritt von Murtcn aufMorges, am folgenden Tag nach dem savoyi-schen Städtchen Ger, nicht weit von Genf,gekommen; hier blieb er vier Tage. Romontfand ihn hier. Der Prinz von Tarent kamnicht wieder. Diesen hatte Karl, wie viele an-dere, lang mit Hoffnungen aus seine Erbtoch-rer unterhalten; Friedrich war ein schöner undgeistreicher Jüngling, von seinem königlichenVater prächtig ausgestattet. Schon vor demKrieg bemerkte er, daß Karl durch gleicheHoffnungen Savoyen zu gewinnen wußte; danahm er vom König Ludwig einen Paß. Dochhielt ihn der Krieg; er stritt bey Granson, viel-leicht bey Murten; den Tag vor diesem Un-glück erhielt er von seinem Vater Befehl, sichzu verabschieden. Ueberhaupt mußte Karl eineallgemeine Abnahme seines Ansehens bemerken.Er war in einem abwechselnden Zustande vonWuth und Abwesenheit; oft saß er lange schwei-gend , in ganz vernachlässigter Gestalt, ohneSpeise, ohne Hunger; dann sprang er auf,knirschend, sich raufend, fürchterlich den Sei-nigen, vertraulich nur mit Eampobasso, wel-cher ihn verrieth; es ist aufgezeichnet worden,daß er alle Unterhaltung mit redlichen Dienern,so wie die Erhebung zu Gott verschmähet.Wechselweise brauchten seine Aerzte stillendeund stärkende Mittel.

(Iolanta von Tavoycn.) In diesemZustande mag er gehört haben, wie die Herzo-gin Iolanta nach jenem ersten Unglückstage denKammerherrn Montagny an den König abge-ordnet. Da stellte sich ihm dar, wie viel ihreBriefe, ihre Schmcichelworte, die savoyischenHändel überhaupt, beigetragen, diesen Krieg,die Schande, den Ruin, ihm zuzuziehen; re-dete davon mir Unwille, mit Bitterkeit, zuRomont, zu dem Bischof zu Genf, ihren Schwa-gern. Jener, ein Staatsmann, dieser ein un-überlegter sinnlicher Jüngling, aus Furcht, oderweil sie ihr Haus wirklich noch an Burgundfesthalten wollten, gaben ihm den Rath, sie zuprüfen, und nöthigenfalls nebst ihrem Hauseaufzuheben. Sie kam täglich von Gens »achGer, um ihn aufzuheitern. Dießmal gab er zuerkennen, daß er nächstens abreisen wolle, umseine Sachen wieder zu ordnen; sie werde ihrenFreund doch wohl nach Burgund begleiten; dasUngeschliffene Schwcizervolk sey keine Nachbar-schaft für eine zarte Fürstin und unmündigePrinzen. Die Herzogin erwiederte, daß „wasdie Freundin herzlich wünschte, für die Landes-regentin wohl nicht ralhsam wäre; Genf durchden Strom und gute Mauern bedeckt, die Treueder Savoyarden, die Feste Montmelian, sicheregenugsam vor den Schweizern." Da gab erheimlich Befehle. Nach diesem wußte er, siemöglichst lang aufzuhalten. Das Land ist hü-gelicht, hat viele Häuser und Dörfer, auch dasKorn stand hoch. um die zweyte Stunde derNacht sprengte Olipier de la Marche, der bur-gundische Obersthofmeister, die Heimziehenden an.Indeß Claude Raconis, Marschall von Sa-voyen, der Hauptmann TaiUant und viele an-dere vergeblich widerstanden, ritt Olivier mit

der Herzogin davon; andere brachten PrinzKarin, ihren zweyten Sohn, ihre Jungfrauen,ihre Dienerschaft; aber Gottfried Rivarol, Er-zieher des jungen Herzogs, verbarg Philiberten5 in dem Getreide: Ludwig von Villetre lief mitJakob Ludwig, dem jüngsten Prinzen, davon.Das himmelhohe Geschrey erregte die StadtGenf; man fiel heraus. Die Herzogin, invergeblichem Jammer, wurde über Mijoux,10 durch viele rauhe Jorathälcr endlich nachRouvre, einem nahe bey Dijon liegenden Schlosse,gebracht, wo ihr nichts als die Freyheit fehlte.Der Herzog von Burgund, als der Obcrsthof-meister wieder zu ihm kam, gericth in den al-lst lerfürchterlichsten Zorn, und wollte ihn umbrin-gen, weil Philibert entkommen war.

Indeß die Landstände Savoyens zusammen-eilten, das Haus und Land König Ludwigenzu empfehlen, dieser den jungen Philibert und2V seinen Bruder nebst Ehambery, der Haupt-stadt, und Montmelian, dem Schlüssel des Lan-des, in seine Gewalt bekam, und Jolantenslanggesammelter Schatz in die verschwenderischen

Hände des Bischofs von Genf gerieih, fetzte der25 Herzog von Burgund seinen unmuthigen Zugnach Salins fort.

(Der Herzog zu Lalins.) Noch vorseiner Ankunft ließ er durch den großen Ba-stard allen guten Städten von Burgund seinen

30 Unfall, der jedoch nicht viele namhafte Männer

gekostet habe, zu wissen thun, und einen Landtagansagen. Die geistlichen und weltlichen Herren und

Gemeinden Burgundiens begaben sich nach Salinswo in der Hauplkirche der Landtag durch e>ne35 zweystündige Rede von dem Herzog selbst eröffnnet wurde. Ausführlich stellte er vor, was erwohl sich selbst gemeiniglich vorsagte, wierecht und nöthig dieser Vertheidigungskriegwie Hagenbach und Romont die Schweizer, w>e40 seine Herrschsucht alle Fürsten aufgereizt, saß^er nicht; wohl sprach er vom Nachgebenvon der abscheulichste» Schändlichkeit, vonnerem Krieg wie von Ehre und Pflicht;wenn ein unweiser Krieg ehrenthalber forlg^45 setzt werden müßte, bis der ganze Staat ve'lorcn ist. In der Hoheit seines ungebrochenSinnes, als Karl der Kühne, trug er »o

„daß das Glück sich bezwingen läßt; wieallen Römer nach dem Unglück bey Canna50 Glorie von Aama durch Standhaftigkeic erstten: auch sein königlicher Stamm, sein HN ^cher Staat, sie, die alten Burgunder, >NRom nicht gefürchtet, und freywillig denken beygetrelcn, und seine reichen, tapfern, S55 willigen Beigen, seyn durch zwey mißlnng ^Tage nicht überwunden. In ihm, dem Swcken Frankreichs, Lüttichs Zerstörer, dem ^diger der Volksaufruhren, in ihm sey dw ^sinnung, wodurch sein Urgroßvater auch ,l',0 Kühne, sein Großvater der Unerschrockc ^heißen verdient, und die ruhmvolle Stautigkeil seines Vaters Philipp. Er woden Teutschen sich und sie rächen; N,Burgunder, sollen das große Volk85 Landen, und nach ihnen eine Monarchie ge ^werden. Hiezu begehre er die Stellungvlerzigtausend Mann, die Abgabe des ^ Ae. Theils von dem Vermögen eines jeden- .^rStände bezeugten ihre Bewunderung