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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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257-258
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Jobami Georg Förster.

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Bald aber dünkt es ihn, dieses Bild sey nichtein bloßes Werk der Phantasie, es verwebe sichmit bekannteren Zügen, ja, er kenne den göt-tergleichcn Jüngling, in dem die Rettung derErdebewohner beschlossen liegt! Dieses Bewußt- 5seyns frohe Schauer sind es, die der gesenkteBlick, im innern Anschauen verloren, uns ver-kündet. Wer ahndet den Feuerstrom der Rede,der sonst von diesen Lippen floß, allen Wider-stand bändigte, und die zagenden Herzen er- 10griff? Diese überwundenen, gerührten Lippensinken in die Ruhe der großen, freudigen Zu-versicht. Das ist der Täufer Johann es!

Und wenn er es nicht wäre? Wenn nurdie Kunst ihn so zu schildern, so zu dichten, 15so aus fernen Aelherbahnen, als einen hellenStern in vollem Glänze, uns näher zu rückenvermöchte? Dankt' es denn nicht die Religionder Kunst, die sie verherrlicht? Gewiß, es kannnicht gleichgültig seyn, da wir einmal den leib- 2 ghasten Johannes nicht zu sehen bekommen, obman uns erhabene oder kleinliche Vorstellungenbei diesem Namen erweckt. Nie wäre manlau und gleichgültig gegen das Heilige undGöttliche geworden, wenn die Lehrer der 25Menschen dasjenige, was sie in liebreicher Ab-sicht so nannten, durch keine unedle Äorstel-lungsarc entweihet, wenn sie das Schöne unddas Gute rein empfunden und in neuer Klar-heit aus reinem Herzen mitgetheilt hätten. O 30du mir der Engelseele, aus deren Abgrund dudiese entzückende Erscheinung heraufzauberlest,

Und sie zugleich als Bild des Edlen dachtest,der sich noch nicht werth hielt, seines höherenFreundes Füße zu berühren — wer bist du, 35daß ich bei deinem Namen dich nennen mag,nicht bloß dich denken muß, als den ernstenSchöpfer dieses Johannes? Doch, wer du auchseyst, hier lebt ein Abdruck deiner Kräfte, indem wir dich bewundern und lieben. Wie hei- 40lig ist der, in dessen Seele dieses vollendeteNiesen aufstieg! Keine Bulle — Gott und dieNatur kanonistrten ihn.

Ich begreife es nun, daß selbst der Apolloeinem Menschen so viel nicht seyn kann, als 45dieser Mensch Johannes. Die Gleichartigkeitseines Wesens mir dem unsrigen zieht uns zu'hm hin: er ist in aller seiner Vollkommenheitdoch unser Bruder; in ihm fühlen wir uns er-gänzt; von ihm wollen wir lernen, weil wir 50'hn verstehen, weil er durch Nebeneinanderstel-^»g und Vergleichung, durch Sonderung desverschiedenen und Einigung des Uebcreinstim-sijenden erkennt und denkt wie wir. Der Apoll-'"gegen ist, was er seyn soll: ein Gott. Von 55iftner Erkenntnißarl haben wir keinen Begriff;

!»' 3">>ß Intuition, ganz reiner Sinn, wie

- ck es dunkel ahnden in seiner Gestalt, Ihn.Men wir nicht; von ihm können wir nichtsr,iev; er kann uns nichts als erfreuliche Er- ggM'nung seyn, außer etwa in gewissen Augen-'cke„, wenn auch wir über uns selbst hinaus.""irr und zu einer höhern Reizbarkeit ge-dm ohne von der Vernunft gestört zu wer-qen-' ^r Intuition des reinen Kindersinnes 65meßen. Allein diese Augenblicke mit ihrem

Himmelreich sind unserem Schwachsinn allemalgefährlich, und die Abspannung, die darauf er-folgt, kann mehr als zu deutlich lehren, wiewenig wir für Göttcrgenuß und den Umgangmit Göttern geschaffen sind. Unsere Ungenüg-samkeit ist Schwäche: die Griechen blieben beider Erscheinung stehen, und freuten sich desAnblicks ihrer Schönheit.

Was ich aber nicht mehr begreife, das ist,wie man es noch wagen kann,, einen Christusals Kunstwerk darzustellen. Malt man ihnmit den Zügen eines Götteridcals, so hat ernur das Interesse der Schönheit; allein er rührtnicht das Herz. Im Gegentheil, schildert maneinen Menschen: wie will man das Göttlichedergestalt hineinverschmelzen, daß es dem In-teresse des Herzens nicht schadet? und läßt mandieses ganz hinweg: wie ist es möglich, dieMenschheit so hinaufzuadeln, daß sie noch größer,als hier Johannes, erscheint? Auch habe ichnoch keinen Christuskopf gesehen, von dem ichsagen könnte: er ist es! Vielleicht ist das in-deß weniger die Schuld der Künstler, als derTheologen. Zu seinem Johannes durfte derMaler einige Ideen von dem fälschlich sogenann-ten Antinous entlehnen; diese schöne Statur,die von ächten Kennern als ein Werk der höch-sten griechischen Vollendung anerkannt wird,bot ihm die Züge eines kühnen, trotzigen, star-ken Jünglings dar, deren wilde Größe sich imJohannes mit dem sanfteren Ernst des Denkersso vereinbaren ließ, daß die sinnliche Schön-heit zwar untergeordnet, aber dennoch die be-deutungsvolle Zierde seines Wesens blieb. Manerkennt auf den ersten Blick die Ähnlichkeit desGemäldes mit dem Marmorbilde; allein wiearm wäre der, dem außer dieser Ähnlichkeitnicht die eigene Schöpfung des Künstlers ent-gegenleuchteke I Nach meiner Empfindung ver-sündigte er sich stärker an der Kunst, als wenner im Virgil nur den Nachahmer Homers er-blicken wollte. Jeder Zug dieses Johannesbürgt uns für den Dichtergenius seines Urhe-bers, wenn nicht schon die eigenthümliche Be-handlungsart sein Verdienst erwiese. Nie zeich-nete ein Florentiner richtiger und schöner; undbei dieser Wahrheit des Farbenschmelzes ver-mißt man Tizians magischen Pinsel nicht. Ra-phael, dem man hier das Gemälde zuschreibt,har zu keiner Zeit diesen Grad der Vollendungim Kolorit erreicht. Eine andere Hypothesenennt Andrea del Sarto als den großen Künst-ler dieses braungelockren Jünglings; und wenner wirklich sein ist, dann hätte Michel Angeladoch wohl recht? Ich trage einen unauslöschli-chen Abdruck dieses in seiner Art einzigen Mei-sterwerks mir mir davon. Was Italien der-einst Schöneres und Voukommneres mir zeigenkönne, muß ich von der Zeit erwarten; aberdie Stunden gereuen mich nicht, die ich denweichen, kurzen Locken, die so schön das Hauptumgeben, den seelenvollen Zügen, den unnach-ahmliche» umrissen dieses einfachen, in sich voll-kommenen, bewundernswürdigen Ganzen zumletztenmal schenkte.

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