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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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277-278
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wsianu Georg Förster.

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Vordersätzen wage ich es indeß nicht, die AnWendung auf diesen individuellen Fall zu machen,und die eine oder die andere Partey zu ver-dammen. Um das zu können, müßte man indie Geheimnisse der Kabinette eingeweihet undbis zur Epopsie darin gekommen seyn ; ein Punkt,wo, nach dem Ausspruche der Gcwcihetcn, dieEnkscheidungsgründe, womit wir Lauen unsso gern befassen, in tiefes Stillschweigen be-graben, die Urtheile hingegen, mit der unfehl-baren Autorität von Orakelsprüchen, der pro-fanen Welt verkündigt werden. Dcmüthigerals ich bin, will ich mich gleichwohl nicht stel-len : Du weißt, ich halle nichts von Lugenden,die sich mit Gepränge anmelden; und, Scherzbeyseite, wenn ich alles erwäge, was ich soebenhingeschrieben habe, kommt es mir mehr alsproblematisch vor, daß diese Sache so von derHand sich aburtheilen lasse, wofern man nichtgewohnt ist mit Machtsprüchen um sich zu wer-fen , oder auf morsche Grundlagen zu bauen.Der wüthigste Demokrat und der eigenmächtigsteDespot führen heutiges Lages nur EineSprache;Beide sprechen von der Erhaltung und Rettungdes Staats, von Recht und Gesetz; Beide be-rufen sich auf heilige, unverletzbare Verträge,Beide glauben eher alles wagen, Gut und Blutdaran setzen zu müssen, ehe sie zugeben, daßihnen das Geringste von ihren Rechten geschmä-lert werde. Mich dünkt, etwas Wahres undetwas Falsches liegt auf beiden Seiten zumGrunde: Beide haben Recht und Unrecht zu-gleich. Ein Staat kann nicht bestehen, wennjeder sich Recht schaffen will. Ganz richtig;aber nicht minder richtig ist auch der Gegen-satz der demokratischen Parte» : ein Staat kannnicht bestehen, wenn kein Geringer Recht be-kommt. Gegen den Landesherr» sich auflehnen,ist Empörung; die Hcrrschcrmacht mißbrauchen,ist unter allen Verbrechen das schwärzeste, daes in seinen Folgen dem Staate todllich undgleichwohl selten ausdrücklich verpönt ist, son-dern, weil man auf die sittliche Vortrcfflichkeitdes Regenten volles Vertrauen setzte, seinemzarten Gefühl von Pflicht anheimgestellt blieb.Jeder unruhige Kopf kann die verletzten Rechtedes Bürgers zum Verwände nehmen, um einenAufstand zu erregen und seine ehrgeizigen Ab-sichten durchzusetzen; jeder Despot kann aberauch, unter der Larve der Wachsamkeit für dieErhaltung des Staats, die gegründeten Be-schwerden des Volks von sich abweisen, unddessen gerechtestes Bestreben seine Vorrechte zuschallen oder wieder zu erlangen, als einenHochvcrrath oder einen Aufruhr ahnden Inüblich«, Monarchien kann der Fürst, wennstine Unterthanen ihm den Gehorsam aufkün-digen, vor Gott und Menschen gerechtfertigt,isin Erbrecht behaupten und die Rebellen als-Aundbrüchigc zur Rückkehr unter seine Bot-wäßigxxjx zwingen; allein die Insurgenten wer-den ih,, erinnern, daß der Erbvertrag die Be-engung voraussetzt: der Herrscher solle der^ciseste und beste Man» im Staate seyn; wennE. sich nun aber fände, daß der Wechsel derZerren und Generationen die Beherrschten wei-i r und besser gemacht, den Regenten hingegen^Ue an Herz und Verstand verarmen lasse»;cnn sie sich njcho ^ schwach an Geiste fühl-

ten , als ihre blödsinnigen Voreltern, so fragees sich: müsse sie da der Vertrag noch binden,oder müsse nicht vielmehr der Fürst mir ihnenseine Rolle »erlauschen? — Du siehst, die Po-5 litik hat ihre Antinomien wie eine jede mensch-liche Wissenschaft, und es giebt in der Weltnichts Absolutes, nichts Positives, nichts Un-bedingtes, als das für sich Bestehende, welcheswir aber nicht kennen. Nur Bedingnisse des10 Wesentlichen können wir wahrnehmen; undauch diese modisiziren sich nach Ort und Zeit.Die Philosophie darf daher jene Einfalt belä-cheln, womit mancher die einseitigsten Beziehun-gen für unabänderliche Normen halt, da ihn15 doch ein Blick auf das, was von jeher geschahund täglich noch geschieht, so leicht von dembloß relativen Werthe der Dinge überzeugenkann.

Kein Mensch verstände den andern, wenn2V nicht in der Natur aller Menschen etwas Ge-meinschaftliches zum Grunde läge, wenn nichtdie Eindrücke, die wir durch die Sinne erhal-ten, eine gewisse Ähnlichkeit bey allen einzel-nen Menschen beibehielten, und wenn nicht we-25 nigstens unabhängig von allem objektivem Da-seyn, die Bezeichnung der Eindrücke, nach wel-cher wir gut und böse, recht und unrecht,widrig und angenehm, schön und häßlich un-terscheiden, in uns selbst als Form aller Ber-30 änderungen, die in uns vorgehen können, schonbereit läge. Welche bestimmte Eindrücke nunaber diese oder die entgegengesetzte Empfindungin uns hervorbringen sollen, das hängt vonOrganisation und zum Theil auch von Erzie-35 hung oder Gewöhnung ab, und man begreiftwohl, wie am Ende die Verschiedenheit derGefühle und folglich der Gesinnungen bey man-chen Einzelnen schlechterdings nicht zu hebenoder auf einen VcreinigungSpunkt zurückzufüh-40 rcn ist. Aus einem gewissen Standorte be-trachtet, kann es allerdings nicht gleichgültigscheinen, ob dergleichen unüberwindliche Unter-schiede forrexistiren sollen oder nicht; es kannsogar einen Anstrich von höherer Vollkommcn-45 hcit für sich haben, wenn alle Meinungen sichnach einer gemeinschaftlichen Vorschrift bequem-ten, und dann durch das ganze Menschenge-schlecht nur Ein Wille herrschen und nur EinPulsschlag in der großen sittlichen Welt, wie50 in der kleinen physischen des einzelnen Men-schen, regelmäßig Alles in Umkricb erhaltendürfte.

Den kürzesten Weg zur Hervorbringungdieser Gleichförmigkeit hatten unstreitig dieje-55 nigen erfunden, die den großen Entwurf einerUnivcrsalmonarchie mit dem kräftigen Glaubenan eine geistliche Unfehlbarkeit des höchsten Al-leinherrschers und an sei» überirdisches Daseyn,als eines sichtbaren Stellvertreters der Gott-60 heil, zu einem der Zeit und der unruhigenVernunft Trotz bietenden Ganzen verschmolzenzu haben wähnten. Ein Wille, Eine Weisheit,Eine moralische Größe über alles, deren Machtzu widerstreben Thorheit, deren Recht zu läug-65 neu Unvernunft, deren Heiligkeit zu bezwei-feln Gölteslästerung gewesen wäre, konnten,wenn es überhaupt möglich ist, bis auf denPunkt sich aller Gemüther zu bemeistern, zu-erst das Ziel erreichen, welches auch die aus-