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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
281-282
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Johann Georz Förster.

Phänomene der Auflösung und der in neuen enthalts genossen wir die Aussicht von der Ci-

Bildungen sich wieder verjüngenden Natur die tadelte. Das westliche Ufer springt hier in

Folgen ihres unaufhörlichen Kampfes: so darf einem Winkel vor, und zwischen dieser Höhe

ja dieser Kampf nicht enden, wenn nicht das und dem Flusse liegt die Stadt. Die Espen am

Weltall stocken und erstarren soll! 5 Wege, wo wir hinauffuhren, blüheten so dicht

Schön ist das Schauspiel ringender Kräfte; und grün, daß man sie für belaubt halten

schön und erhaben selbst in ihrer zerstörendsten konnte. Der Umfang der Citadelle ist nicht

Wirkung. Im Ausbruch des Vesuv, im Ge- beträchtlich; ihrer Lage hingegen fehlt es nicht

witlersturm bewundern wir die göttliche Unab- an Festigkeit, der man mir trocknen Gräben

hängigkeit der Natur. Wir können nichts da- 10 noch zu Hülfe gekommen ist. Die preußischenzu, daß die Gcwittermaterie sich in der At- Truppen halten jetzt diese Festung, so wie die

mosphäre häuft, bis die gefüllten Wolkenschläuche äußern Barrieren der Stadt, besetzt; in der

der Erde Vernichtung drohen; daß in den Ein- Stadt selbst aber und an den Thoren stehen die

geweiden der Berge die elastischen Dämpfe sich Lütticher Narionaltruppen. «an der Spitze

entwickeln, die der geschmolzenen Lava den Aus- 15 eines Bastions genossen wir den Anblick derweg bahnen. Das Zusehen haben wir überall; kleinen Welt von Wohnungen unter unsern

glücklich, daß Zeit und Erfahrung uns doch Füßen, und der umliegenden Gegend. Die

endlich von dem Wahne heilten, der diese gro- Maas schlängelte sich durch das Thal, wirklich

ßen Erscheinungen nur für Werkzeuge der gött- romantischschön, hier hellgrün, wo die Sonne

lichen Slrafgerechligkeit hielt. Wir wissen, daß 20 sich darin spiegelte, und dunkelblau in der FerneKalabrien ruht, indeß der Mongibello wüthet: gegen Norden, wo sie sich in viele» Krümmun-

wir wünschen unsern Pflanzungen Gewilterre- gen verliert und immer wieder zum Vorschein

gen, wenn gleich zuweilen durch den Blitz ein kommt. An ihren Ufern sahen wir, so weit

Dorf zum Raub der Flammen wird, ein Men- das Auge reichte, die Hopfenstangen in pyra-

schenleben früher welkt, oder ein Hagel die 25 midalische Haufen zusammengestellt. Der Ho-

Saatcn niederstreckt. psenbau gibt den Lütticher» Anlaß ihr gutes

Mit den Stürmen in der moralischen Welt Bier sehr stark mit dieser Pflanze zu würzen;

hat es genau dieselbe Bewandtnis, nur daß bekanntlich gehört auch dieses Bier zu den be-

Vernunft und Leidenschaft noch elastischer sind, rühmtesten hiesigen Ausfuhrartikeln. Die Wein-

als Schießpulver oder elektrische Materie. Die 30 berge um die Stadt sind zwar auswärtig nicht

leidenschaftlichen Ausbrüche des Kriegs haben bekannt; denn wer hätte je den Wein von

ihren Nutzen wie die phvsischen Ungewitter; sie Lüttich nennen gehört? Allein man kauft den

reinigen und kühlen die politische Luft, und er- Burgunder und den Champagner hier sehr

glücken das Erdreich. Wenn die Selbstentzün- wohlfeil; und der böse Leumund sagt: nicht die

düngen der Vernunft in einem ganzen Volke 35 Schiffahrt auf der Maas sey die Ursache diesesnichts als den erstickenden Dampf zurücklassen, billigen Preises, sondern die Lütticher wüßten

lo wäre es zwar allerdings erfreulicher, den aus dem Safte ihrer Trauben jene französischen

Witz nur zu rechter Zeit als ein unschuldiges Sorten zu brauen. Dieß ist indeß nicht die

Freudenfeuer auflodern oder in schönen Schwär- einzige Art, wie man sich hier die Nähe von

»lern steigen zu sehen; doch wer weiß, was 40 Frankreich zu Nutze macht. Der hiesige Buch-auch in solchen Fällen noch Gutes in dem Handel wird ebenfalls mit lauter Produkten des

Laput inorluuin übrig bleibt? Auch hier ist es französischen Geistes getrieben, den die Nach-

daher verzeihlich, Begebenheiten, an denen man druckerpreffe viel ächter als die Kelter darzu-

»ichts ändern kann, als Schauspiele zu becrach- stellen vermag. Die besten Pariser Werke wer-

ten. Beleidigte etwa diese anscheinende Gleich- 45 den hier gleich nach ihrer Erscheinung neu aus-güliigkeit eine weichgeschaffene Seele? Im Ernst, gelegt und in Holland, in den östreichischen

sie sollte es nicht; denn ob Heraklit über alles Niederlanden und zum Theil auch in Deutfch-

weint, oder der abderilische Weise über alles land , statt der Originalausgaben, verkauft. Die-

tachi, ist im Grunde gleichgültig, weil es nur ser Zweig der hiesigen Betriebsamkeit beschäftigt

aus eine gewisse maschinenmäßig angewöhnte 50 eine große Anzahl von Handwerkern, und ei-Jdeenverbindung ankommt. Warum rührt uns nige Künstler, die ihre reichliche Nahrung bei

die Schilderung eines Unglücks, das irgend ein den Verlegern finden. Was er zur Aufklärung

Dichter seinen Helden erleben ließ, und warum sowohl des Lütticher Staats, als seiner Nach-weinen wir nicht, wenn wir lesen, so viele barn gewirkt hat, liegt am Tage, und war

blieben dort in der Schlacht, so viele flogen 55 auch wohl vorauszusehen. Doch mit den eige-

wit ihrem Schiff in die Luft, so viele hauch- nen Produkten des Geistes, die hier fabrizirt

"n ihr elendes Leben aus in Feldhospitälern, werden, dürfte es wohl etwas schlechter stehen,

^es um den Geier Ehrgeiz zu mästen? Aller- wenigstens, wenn man den Hum Sprichwort

°lngs wird es uns leichter, uns mit Einem gewordenen hiesigen Almanach zum Maßstab

"ls mit Vielen zu identisiziren. Gewöhnten 60 nehmen darf.

wlr uns aber, die Idee des menschlichen Elends Wir mußten endlich wieder Hinuntersteigen

"hmer gegenwärtig zu haben, so würden uns in die engen schmutzigen Gaffen. Unser Weg

lchl nur diese Begebenheiten Thränen entlo- führte uns bey einem Hause von gutem Aus-

en, sondern wir würden beinahe allem, was sehen vorbey, welcher das Eigenthum einer sehr

w sehe» und kören, eine traurige Seite abge- 65 zahlreichen Lesegesellschaft ist; und man wolltelnnen, und einen jammervollen Roman aus uns zu verstehen geben, daß hier die bedenkliche

^ nlltägüchsten Ereignissen des Lebens machen. Lage der öffentlichen Angelegenheiten des Hoch-^. is s nun Zeit, noch einen Blick auf Lüc- stifcs zuerst ventilirl worden sey. Wie es sich

ch iu werfen. Am letzten Tage unsers Auf- aber auch damit verhalten mag, so ist wohl