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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
285-286
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Johann Georg Förster.

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Freyheitszeichen, eine aus Schwarz, Grün,Weiß und Roth zusammengesetzte Kokarde;man spricht einander Muth und Vertrauen ein,indem man sich schmeichelt, der König vonPreußen werde mit seinen Truppen dem Volke knicht zugleich auch seine Gunst und seine Für-sprache im Nothfall entziehen. Der Bürgermei-ster von Fab«), ein siebenzigjähriger Greis, fürdessen Rechtschaffenhcil und Einsicht das allge-meine Zutrauen seiner Mitbürger spricht, ar- 1keilet bey diesen bedenklichen Umständen mit»«ermüdeter Thätigkeit, um das Beste seinerMitbürger zu bewirken. Dieß ist keine leichteSache, wenn man den erhitzten gewaltsamenZustand der Gemüther und die dunkle Aussicht 1in die Zukunft erwägt. Die Ausschweifungendes Pöbels lassen sich nicht berechnen, sobald ereinmal aufgeregt ist, und das mit Zügellosigkeitso leicht von ihm zu verwechselnde Wort:Freyheit! zu seinem Wahlspruch genommen hat. 2Der Auflauf vom siebenten Oktober, welchereinem jungen Frcywilligen das Leben kostete,und wobey der Pöbel vom Kirchspiel St. Chri-stoph den Magistrat nöthigte, eine milde Stif-tung, deren Interessen sonst jährlich vertheilt 2wurden, auf einmal unter die jetztlebenden Ar-

men auszuspcnden, beweiset, was man von demlebendigen Werkzeuge befürchten müsse, demman das Bewußtseyn seiner Kräfte leichter bei-bringe» kann, als den Begriff von gesetzmäßi-> gem Betragen.

Außer jenem Todesfälle, scheint bis jetzt derhärteste Schlag, den das Schicksal hier aus-theilte, den vortreffliche,, Anführer des preußi-schen Heeres getroffen zu haben. Auf dem0 Marsch von Tätlich nach Mastrichr glitt sei»Pferd an einer abschüssige» Stelle, wo unterdem aufgelhauten Schnee noch eine Eisrindelag, so daß es zweimal überschlug und seinemReiter das Bein zerschellte. Dieser Vorfall, der5 nur schmerzhaft und unangenehm, wegen dergehemmten Thätigkeit war, hätte dem Generalleicht tödtlich werden können, da er seine Ar-beiten in Mastrichr mir unablässigem Eifer be-trieb, und sich dadurch eine schwere Krankheit0 zuzog, die indeß über seinen heitern philosophi-schen Sinn nichts vermochte, und endlich seinemguten Naturell weichen mußte. Ich habe ihnhier wieder gesehen. — — Unter den Empfin-dungen, welche Menschengröße weckt und Worte5 nicht entheiligen dürfen, gibt es eine so zarte,daß sie selbst die Dankbarkeit verstummen heißt.

IV.

Die Macht Oestreichs war einst der Schre-ien von Europa. Der Stolz der Fürsten die-ses Hauses erweckte ihnen Hasser und Feinde;aber die noch gehässigern Anmaßungen Ludwigsund seine Siege erregte» noch ungleichgrößere Besorgnisse. Eine lange Rivalität zwi-schen Frankreich und Oestreich benahm den üb-rigen Europäischen Mächten alle Furcht; dasGleichgewicht ward durch die Erschöpfung beiderso sehr gesichert, daß ihre staatskluge Aussöh-nung und enge Verbindung selbst es nicht wie-der stören konnte.

Joseph der Zweite schien den OestreichischcnErblanden gegeben, um ihren Glanz wiederherzustellen, und die Macht, die eine noch im-itier ansehnliche Masse von Besitzungen ihm gab,gehörig geltend zu machen. Eme Reihe theilsschwacher und beschränkter, theils abergläubigerllnd ungebildeter Vorgänger hatte den Staatunzähligen Mißbrauchen Preis gegeben, seineschulden gehäuft, seine Mittel verkannt, seineSchäfte stocken lassen, und die Verantwortlich-st der Beamten bevnahe vernichtet. Strenge,Sparsamkeit, Ordnung, unermüdliche Sorgewnnten indessen allen diesen Uebeln noch abhei-ln, und den Ehrgeiz eines Monarchen mir demkamen eines Wiederherstellers seiner Familien-Lroße befriedigen. Joseph fühlte Kräfte in sich,o noch einer andern Befriedigung bedurften;

wollte seine Völker glücklich machen, und ur-dMte richtig, daß es kein Glück ohne Frey-a?k' ""b keine politische ohne sittliche Freyheitla k ^»n. Verglichen mit Frankreich, Eng-l "d, Holland und dem Norden von Deulsch-.o, sah Staaten auf einer sehr nie-

Stufe der Cultur: in Ungarn undhmen war die Masse des Volks zur härre-

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sten Sklavere» herabgewürdigt; in Oestreichund Belgien schleppte sie das schwere Joch des35 Aberglaubens und der Sinnlichkeit. Joseph er-kannte im Menschen die Fähigkeit zur sittliche»Vervollkommnung, und die unbegreifliche Würdeder Vernunft, gegen welche gerechnet, da sieAllen gegeben ist, die zufälligen Unterschiede der40 Gesellschaft ihn unbedeutend dünkten. Er hobdie Leibeigenschaft auf; er sicherte die Rechtedes Geringen gegen die Willkühr und Unter-drückung des Reichen und Großen; er schütztemit unerbittlicher Strenge das Eigenthum des45 Staats und des Privatmanns; er beschenkteseine Länder mit Freyheit des Glaubens undder Meinungen: er verfolgte die Unwissenheit. und den Aberglauben bis an ihre Quellen; erhob die Klöster auf, und ließ die Priester selbst50 erziehen, damit ihr Einfluß auf die Gemütherin dem Maße heilsam würde, wie er ihnen dieMacht zu schaden benahm.

Dem Haupt einer großen Monarchie gereichtes kaum zum Lorwurf, daß es auf ihre Ler-55 größerung dachte. Man müßte die Politik we-nig kennen, wenn man bezweifeln wollte, wieunvermerkt sie die Herzen der Herrscher be-strickt und ihre Leidenschaften entzündet. Josephsah fruchtbare, volkreiche Provinzen, die das60 Kriegsglück seiner Mutter entrissen hatte, inden Händen eines Gegners, dessen Geistesgrößeer selbst mit großem Geist, und darum williger,huldigte. Er wollte seinem Staate die Festig-keit geben, die ihn künftig unantastbar machte,65 und kannte hierzu das bewährteste Mittel,Mündung vielmehr als Erweiterung seiner Grän-zen. Er sah die Nothwendigkeit, dem Handel,dem Kunstfleiß und der Betriebsamkeit seinerVölker überhaupt einen neuen kräftigen Sporn