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303 - Friedrich von Schiller.
Kenntniß des Eigenthums; hier konnte die schlaffe er wieder gewonnen durch weise Gesetze. Von
Seele noch nicht einmal eine Erfahrung fest dem blinden Zwang des Zufalls und der Noth
halten, die sie doch täglich wiederholte; sorglos hat er sich unter die sanftere Herrschaft der
sah man den Wilden das Lager hingeben, Verträge geflüchtet, und die Freiheit des Raub-
worauf er heute schlief, weil ihm nicht einfiel, 5 rhiers hingegeben, um die edlere Freiheil des
daß er morgen wieder schlafen würde. Krieg Menschen zu retten. Wohlthätig haben sich
hingegen war bei Allen, und das Fleisch des seine Sorgen getrennt, seine Thätigkeiten ver-
überwundenen Feindes nicht selten der Preis theilt- Jetzt nöthigt ihn das gebieterische Be-
des Sieges. Bei andern, die, mit mehrern Ge- dürfniß nicht mehr an die Pflugschaar , jetzt
mächlichkeilen des Lebens vertraut, schon eine hö- 10 fordert ihn kein Feind mehr von dem Pflug
here Stufe der Bildung erstiegen hatten, zeigten auf das Schlachtfeld, Vaterland und Heerd
Knechtschaft und Dispotismus ein schauderhaft zu vertheidige». Mit dem Arme des Land-
les Bild. Dorr sah man einen Despoten Afrikas manns füllt er seine Scheunen, mil den Waffen
seine Unterthanen für euren Schluck Branc- des Kriegers schützt er sein Gebiet. Das Ge-
mein verhandeln: — hier wurden sie auf sei- 15 setz wacht über sein Eigenthum — und ihmnem Grab abgeschlachtet, ihm in der Unterwelt bleibt das unschätzbare Recht, sich sMst seine
zu dienen. Dort wirft sich die fromme Ein- Pflicht auszulosen.
fält vor einem lächerlichen Fetisch, und hier Wie viele Schöpfungen der Kunst, wie viele
vor einem grausenvollen Scheusal nieder; in Wunder des Fleißes, welches Licht in allen
seinen Göttern mahlt sich der Mensch. So tief 20 Feldern des Wissens, -seitdem der Mensch inihn dorr Sklaverei, Dummheit und Aberglau- der traurigen Selbstverrheidigung seine Kräfte
ben niederbeugen, so elend ist er hier durch das nicht mehr unnütz verzehrt, seitdem es in seine
andere Extrem gesetzloser Freiheit. Immer zum Willkür gestellt worden, sich mir der Roth ab-Angriff und zur Vertheidigung gerüstet, von zusinden, der er nie ganz entfliehen soll; seit-
jedem Geräusch aufgescheucht, reckt der Wilde 25 dem er das kostbare Vorrecht errungen hat,
sein scheues Ohr in die Wüste; Feind heißt über seine Fähigkeit frei zu gebieten, und dem
ihm Alles, was neu ist, und wehe dem Fremd- Ruf seines Genius zu folgen! Welche rege
ling, den das Ungewiccer an seine Küste schleu- Thätigkeit überall, seitdem die vervielfältigten
derr! Kein wirthlicher Herd wird ihm rauchen, Begierden dem Ersindungsgcist neue Flügel
kein süßes Gastrecht ihn erfreuen. Aber selbst 30 gaben und dem Fleiß neue Räume aufthaten!da, wo sich der Mensch von einer feindseligen Die Schranken sind durchbrochen, welche Staa-
Einsamkeir zur Gesellschaft, von der Noth zum ten und Rationen in feindseligem Egoismus
Wohlleben, von der Furcht zu der Freude er- absonderten. Alle denkenden Köpfe verknüpft
hebt — wie abenteuerlich und ungeheuer zeigt jetzt ein weltbürgerliches Band, und alles Lichter sich unsern Augen! Sein roher Geschmack 35 seines Jahrhunderts kann nunmehr den Geist
sucht Fröhlichkeit in der Betäubung, Schönheit eines neuern Galilei! und Erasmus bescheinen.
in der Verzerrung, Ruhm in der Uebertrei- Seitdem die Gesetze zu der Schwäche des
bung; Entsetzen erweckt uns selbst seine Tu- Menschen herunterstiegen, kam der Mensch auchgend, und das, was er seine Glückseligkeit nennt, den Gesetzen entgegen. Mit ihnen ist er sanf-kann uns nur Ekel oder Mitleid erregen. 40 ter geworden, wie er mit ihnen verwilderte;
So waren wir. Nicht viel besser fanden ihre» barbarischen Strafen folgten die barba-uns Cäsar und Tacitus vor achczehnhundert rischen Verbrechen allmälig in die Lcrgessen-Lahren. heil nach. Ein großer Schritt zur Veredlung
Was sind wir jetzt? Lassen Sie mich einen ist geschehen, daß die Gesetze tugendhaft sind,Augenblick bei dem Zeitalter stille stehen, wo- 45 wenn auch gleich noch nicht die Menschen. Worin wir leben, bei der gegenwärtigen Gestalt die Zwangspflichren von dem Menschen ablas-
der Welt, die wir bewohnen. se», übernehmen ihn die Sitten. Den keine
Der menschliche Fleiß hat sie angebaut, und Strafe schreckt und kein Gewissen zügelt, Hal-den widerstrebenden Boden durch sein Beharren le» jetzt die Gesetze des Anstandes und derund seine Geschicklichkeit überwunden. Dort 50 Ehre in Schranken.
hat er dem Meere Land abgewonnen, hier dem Wahr ist es, auch in unser Zeitalter haben
dürren Lande Ströme gegeben. Zonen und sich noch manche barbarische Ueberreste aus denJahreszeiten hat der Mensch durch einander ge- vorigen eingedrungen, Geburten des Zufallswengr, und die weichlichern Gewächse des und der Gewalt, die das Zeitalter der Ver-Drients zu seinem rauhern Himmel abgehärtet. 55 nunft nicht verewigen sollte. Aber wie vielWie er Europa nach Wcstindicn und dem Süd- Zweckmäßigkeit hat der Verstand des MenschenUteere trug, hat er Asien in Europa anferste- auch diesem barbarischen Nachlaß der älternhen lassen. Ein heiterer Himmel lachr jetzt und mittlern Jahrhunderte gegeben! Wie ein-her Germaniens Wäldern, welche die starke schädlich, ja wie nützlich hat er oft gemacht,Menschenhand zerriß und dem Sonnenstrahl 00 was er umzustürzen noch nicht wagen konnte!^uflhar, und in den Wellen des Rheins spie- Auf dem rohen Grunde der Lehen-AnarchieAeln sich Asiens Reben. An seinen Ufern er- führte Deutschland das System seiner politi-Nben sich volkreiche Städte, die Genuß und scheu und kirchlichen Freiheit auf. Las Schat-Aebeit in munterem Leben durchschwärmen. renbild des römischen Imperators, das sich dies-^eer finden wir den Menschen in seines Er- 05 seits der Apenninen erhalten, leistet der Welkwerbes friedlichem Besitz sicher unter einer Mil- jetzt unendlich mehr Gutes, als sein schrcckhaf-wn, ihn, dem sonst ein einziger Nachbar den tes Urbild im alten Rom — denn es hält einSchlummer raubte. Die Gleichheit, die er durch nützliches Staatssystem durch Eintraäit zusam-wmen Eintritt in die Gesellschaft verlor, hat wen: jenes drückte die thätigsten Kräfte derKurz. vro>. Lik. II. '