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Friedrich von Schüler.
ihren wülhendsten Verfolgungen aufs Neue her-vorbrechen, und ein Al Mamun den Wissen-schaften den Raub vergüten, den ein Omar anihnen verübt halte. Das unerträgliche Elendder Barbarey mußte unsre Vorfahren von denblutigen Urtheilen Gottes zu menschlichen Rich-terstühlen treiben, verheerende Seuchen die ver-irrte Heilkunst zur Betrachtung der Natur zu-rückrufen, der Müssiggang der Mönche mußtefür das Böse, das ihre Werkthätigkeit schuf,von ferne einen Ersatz zubereiten, und der pro-fane Fleiß in den Klöstern die zerrütteten Restedes Augustischen Weltalters bis zu den Zei-ten der Buchdruckerkunst hinhalten. An grie-chische» und römischen Mustern mußte der nie-dergedrückte Geist nordischer Barbaren sich aus-richten, und die Gelehrsamkeit einen Bund mitden Musen und Grazien schließen, wenn sieeinen Weg zu dem Herzen finden, und denNamen einer Mcnschenbilderin sich verdienensollte. — Aber härte Griechenland wohl einenThucydides, einen Plato, einen Aristoteles,hätte Rom einen Horaz, einen Cicero, einenVirgil und Livius geboren, wenn diese beidenStaaten nicht zu derjenigen Höhe des politi-schen Wohlstandes emporgedrungen wären, welchesie wirklich erstiegen haben? Mit einem Wort— wenn nicht ihre ganze Geschichte vorherge-gangen wäre? Wie viele Erfindungen, Entde-ckungen, Staats- und Kirchenrevolutionenmußten zusammentreffen, diesen neuen noch zar-ten Keimen von Wissenschaft und Kunst Wachs-thum und Ausbreitung zu geben! Wie vieleKriege mußten geführt, wie viele Bündnisse ge-knüpft, zerrissen und aufs Neue geknüpft wer-den, um endlich Europa zu dem Friedensgrund-satz zu bringen, welcher allein den Slaacen wieden Bürgern vergönnt, ihre Aufmerksamkeitauf sich selbst zu richten, und ihre Kräfte zueinem verständigen Zwecke zu versammeln!
Selbst in den alltäglichsten Verrichtungendes bürgerlichen Lebens können wir es nichtvermeiden, die Schuldner vergangener Jahr-hunderte zu werden; die ungleichartigsten Pe-rioden der Menschheit steuern zu unserer Kul-tur, wie die entlegensten Wclttheile zu unsermLuxus. Die Kleider, die wir tragen, die Würzean unsern Speisen, und der Preis, um den wirsie kaufen, viele unserer kräftigsten Heilmittel,und eben so viele neue Werkzeuge unsers Ver-derbens — setzen sie nicht einen Columbus vor-aus, der Amerika entdeckte, einen Vasco deiLama, der die Spitze von Afrika umschiffte?
Es zieht sich also eine lange Kette von Be-gebenheiten von dem gegenwärtigen Augenblickeuis zum Anfange des Menschengeschlechts hin-auf, die wie Ursache und Wirkung in einan-der greifen. Ganz und vollzählig überschauenkann sie nur der unendliche Verstand; dem Men-chen sind engere Grenzen gesetzt. >. Unzähligdlele dieser Ereignisse haben entweder keinen'Uenschljch^n Zeugen und Beobachter gefunden,"der sie sind durch kein Zeichen fest gehalten.Worden. Dahin gehören alle, die dem Men-s^sugeschlechre selbst und der Erfindung der^>chen vorhergegangen sind. Die Quelle aller^schichte ist Tradition, und das Organ derist die Sprache. Die ganze Epoche vor
Sprache, so folgenreich sie auch für die
Welt gewesen, ist für die Weltgeschichte verlo-ren. II. Nachdem aber auch die Sprache er-funden, und durch sie die Möglichkeit vorhan-den war, geschehene Dinge auszudrücken und5 weiter mitzutheilen, so geschah diese Mittheilunganfangs durch den unsicher» und wandelbarenWeg der Sagen. Von Mund zu Mundepflanzte sich eine solche Begebenbcic durch einelange Folge von Geschlechtern fort, und da sie1» durch Media ging, die verändert werden undverändern, so mußte sie diese Veränderungenmit erleiden. Die lebendige Tradition oder diemündliche Sage ist daher eine sehr unzuver-lässige Quelle für die Geschichte; daher sind15 alle Begebenheiten vor dem Gebrauche derSchrift für die Weltgeschichte so gut als ver-loren. III. Die Schrift ist aber selbst nichtunvergänglich; unzählig viele Denkmäler desAlterthums haben Zeit und Zufälle zerstört,20 und nur wenige Trümmer haben sich aus derVorwelt in die Zeiten der Buchdruckerkunst ge-rettet. Bey weitem der größere Theil ist mitden Aufschlüssen, die er uns geben sollte, fürdie Weltgeschichte verloren. IV. Unter den we-25 nigen endlich, welche die Zeit verschonte, ist diegrößere Anzahl durch die Leidenschaft, durch denUnverstand, und oft selbst durch das Genieihrer Beschreibet' verunstaltet und unkcnnbargemacht. Das Mißtrauen erwacht bey dem50 ältesten historischen Denkmal, und es verläßtuns nicht einmal bey einer Chronik des heuti-gen Tages. Wenn wir über eine Begebenheit,die sich heute erst, und unter Menschen, mirdenen wir leben, und in der Stadt, die wir55 bewohnen, ereignet, die Zeugen abhören undaus ihren widersprechenden Berichten Mühehaben, die Wahrheit zu entraihseln: welchenMuth können wir zu Stationen und Zeitenmitbringen, die durch Frcmdartigkeit der Sit-40 ten weiter als durch ihre Jahrtausende von unsentlegen sind? — Die kleine Summe von Be-gebenheiten, die nach allen bisher geschehenenAbzügen zurückbleibt, ist der Stoff der Geschichtein ihrem weitesten Verstände. Was und wie45 viel von diesem historischen Stoff gehört nunder Universalgeschichte?
Aus der ganzen Summe dieser Begeben-heiten hebt der Universalhistoriker diejenigenheraus, welche auf die heutige Gestalt der Welt50 und den Zustand der jetzt lebenden Generationeinen wesentlichen, unwidersprechlichen und leichtzu verfolgenden Einfluß gehabt haben. DasVerhältniß eines historischen Datums zu derheutigen Weltverfaffung ist es also, worauf55 gesehen werden muß, um Materialien für dieWeltgeschichte zu sammeln. Die Weltgeschichtegeht also von einem Prinzip aus, das dem An-fang der Welt gerade entgegensteht. Die wirk-liche Folge der Begebenheiten steigt von dem00 Ursprung der Dinge zu ihrer neuesten Ord-nung herab; der Universalhistoriker rückt vonder neuesten Weltlage aufwärts dem Ursprungder Dinge entgegen. Wenn er von dem lau-fenden Jahr und Jahrhundert zu dem nächst65 vorhergegangenen in Gedanken hinaufsteigt, undunter den Begebenheiten, die das Letztere ihmdarbietet, diejenigen sich merkt, welche den Auf-schluß über die nächstfolgenden enthalten —wenn er diesen Gang schrittweise fortgesetzt hat