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Friedrich von Schiller.
bis zum Anfang — nicht der Well, denn da-hin führt ihn kein Wegweiser — bis zum An-fang der Denkmäler; dann steht es bei ihm,auf dem gemachten Weg umzukehren, und andem Leitfaden dieser bezeichneten Fakten, unge- 5hindert und leicht, vom Anfang der Denkmä-ler bis zu dem neuesten Zeitalter herunter zusteigen. Dieß ist die Weltgeschichte, die wirhaben, und die Ihnen wird vorgetragen werden.
Weil die Weltgeschichte von dem Reichthum 10und der Armuth an Quellen abhängig ist, somuffen eben so viele Lücken in der Weltgeschichteentstehen, als es leere Strecken in der Ueber-lieferung gibt. So gleichförmig, nothwendigund bestimmt sich die Weltvcränderungen aus >5einander entwickeln, so unterbrochen und zu-fällig werden sie in der Geschichte in einandergefügt seyn. Es ist daher zwischen dem Gangeder Welt und dem Gange der Weltgeschichteein merkliches Mißverhälrniß sichtbar. Jenen 20möchte man mit einem ununterbrochen fortflie-ßenden Strom vergleichen, wovon aber in derWeltgeschichte nur hier und da eine Welle be-leuchtet wird. Da es ferner leicht geschehenkann, daß der Zusammenhang einer entfernten 25Wellbegebenbeit mit dem Zustand des laufen-den Jahres früher in die Augen fällt, als dieVerbindung, worin sie mit Ereignissen steht,die ihr vorhergingen oder gleichzeitig waren:so ist es ebenfalls unvermeidlich, daß Begeben- 30Heiken, die sich mit dem neusten Zeitalter aufsGenaueste binden, in dem Zeitalter, dem sie ei-gentlich angehören, nicht selten isolirt erschei-nen. Ein Faktum dieser Art wäre z. B. derUrsprung des Christenthums und besonders der 35christlichen Sittcnlehre. Die christliche Religionhat an der gegenwärtigen Gestalt der Welteinen so vielfältigen Antheil, daß ihre Erschei-nung das wichtigste Faktum für die Weltge-schichte wird: aber weder in der Zeit, wo sie 40sich zeigte, noch in dem Volke, bey dem sieaufkam, liegt saus Mangel der Quellen) ein be-friedigender Erklärungsgrund ihrer Erscheinung.
So würde denn unsre Weltgeschichte nieetwas anders als ein Aggregat von Bruchstücken 45werden, und nie den Namen einer Wissenschaftverdienen. Jetzt also kommt ihr der philoso-phische Verstand zu Hülfe, und, indem er dieseBruchstücke durch künstliche Bildungsglieder ver-kettet, erhebt er das Aggregat zum System, SOzu einem vernunftmäßig zusammenhängendenGanzen. Seine Beglaubigung dazu liegt inder Gleichförmigkeit und unveränderlichen Ein-heit der Naturgesetze und des menschlichen Ge-müths, welche Einheit Ursache ist, daß die Er- 55eignisse des entferntesten Alterthums, unter demZusammenfluß ähnlicher Umstände von außen,in den neuesten Zeitläufen wiederkehren; daßalso von den neuesten Erscheinungen, die imKreis unserer Beobachtung liegen, auf diejeni- 60gen, welche sich in geschichllosen Zeiten verlie-ren , rückwärts ei» Schluß gezogen und eini-ges Licht verbreitet werden kann. Die Me-thode, nach der Analogie zu schließen, ist, wieüberall , so auch t„ vxx Geschichte ein mächti- 65ges Hülfsmittel: aber sie muß durch einen er-heblichen Zweck gerechtfertigr, und mit eben soviel Vorsicht als Beurtheilung in Ausübunggebracht werden.
Nicht lange kann sich der philosophischeGeist bey dem Stoffe der Weltgeschichte ver-weilen, so wird ein neuer Trieb in ihm ge-schäftig werden, der nach Uebereinstimmungstrebt — der ihn unwiderstehlich reizt. Alles umsich herum seiner eigenen vernünftigen Naturzu affimiliren, und jede ihm vorkommende Er-scheinung zu der höchsten Wirkung, die er er-kannt , zum Gedanken zu erheben. Je öfteralso und mit je glücklicherm Erfolge er denVersuch erneuert, das Vergangene mit demGegenwärtigen zu verknüpfen: desto mehr wirder geneigt, was er als Ursache und Wirkungin einander greifen sieht, als Mittel und Ab-sicht in einander greifen sieht, als Mittel undAbsicht zu verbinden. Eine Erscheinung nachder andern fängt an, sich dem blinden Ohnge-fähr, der gesetzlosen Freyheit zu entziehen, undsich einem übereinstimmenden Ganzen (das frey-lich nur in seiner Vorstellung vorhanden ist)als ein paffendes Glied anzureihen. Bald fälltes ihm schwer sich zu überreden, daß diese Folgevon Erscheinungen, die in seiner Vorstellungso viel Regelmäßigkeit und Absicht annahm,diese Eigenschaften in der Wirklichkeit verläugne;es fällt ihm schwer, wieder unter die blindeHerrschaft der Nothwendigkeit zu geben, wasunter dem geliehenen Lichte des Verstandes an-gefangen hatte eine so heitere Gestalt zu ge-winnen. Er nimmt also diese Harmonie aussich selbst heraus, und verpflanzt sie außer sichin die Ordnung der Dinge, d. i. er bringteinen vernünftigen Zweck in den Gang derWelt, und ein telcologisches Prinzip in dieWeltgeschichte. Mit diesem durchwandert er sienoch einmal, und hält es prüfend gegen jedeErscheinung, welche dieser große Schauplatz ihmdarbietet. Er sieht es durch tausend beystim-mende Fakta bestätigt, und durch eben so vieleandere widerlegt; aber so lange in der Reiheder Weltverändcrungen noch wichtige Bindungs-glieder fehlen, so lange das Schicksal über soviele Begebenheiten den letzten Aufschluß nochzurückhält, erklärt er die Frage für unentschie-den, und diejenige Meinung siegt, welche demVerstände die höhere Befriedigung, und demHerzen die größere Glückseligkeit anzubieten hat.
Es bedarf wohl keiner Erinnerung, daß eineWeltgeschichte nach letzter,» Plane in den spä-testen Zeiten erst zu erwarten steht. Eine vor-schnelle Anwendung dieses großes Maßes könnteden Geschichtsforscher leicht in Versuchung füh-ren, den Begebenheiten Gewalt anzuthun, unddiese glückliche Epoche für die Weltgeschichteimmer weiter zu entfernen, indem er sie be-schleunigen will. Aber nicht zu frühe kann dieAufmerksamkeit auf diese lichtvolle und doch s§sehr vernachlässigte Seite der Weltgeschichte ge-zogen werden, wodurch sie sich an den höchste?Gegenstand aller menschliche» Bestrebungen an-schließt. Schon der stille Hinblick auf dieses,wenn auch nur mögliche, Ziel muß dem Fsewdes Forschers einen belebenden Sporn und ein-säße Erholung geben. Wichtig wird ihm au«die kleinste Bemühung seyn, wenn er sichdem Wege sieht, oder auch nur einen spatrNachfolger darauf leitet, das Problem °eWeltordnung aufzulösen, und dem hoch!"Geist in seiner schönsten Wirkung zu begegne